Das Lungensanatorium war ein schneeweißes Haus, es stand am Meer, sehr nah am Meer, fast mit den Füßen in der Brandung, in einem Fischerort namens Wiek, und Möwen kreischten vor
den Fenstern. Es hatte zwei Etagen, oben standen die Betten der Jungen, unten die der Mädchen. Die Schwestern hatten sich zum Empfang der Kinder im Flur aufgereiht, angetan mit blauen Kitteln,
einem Häubchen auf dem Haar und einem Knüppel in der Hand, den Jo aber erst bemerkte, als eine der Schwestern damit wie prüfend auf ihre Handfläche schlug.
Der Raum, in den man Jo und die anderen Mädchen führte, war riesengroß. Jo begann die Betten zu zählen: mehr als fünfzig Betten. Sie eilte zu einem Bett am Fenster. Sofort kam eine Schwester
angelaufen und zerrte sie von dem Bett herunter. „Die Belegung ist festgelegt! Am Fenster schlafen die großen Mädchen!"
Ihr Bett stand in der Mitte des Riesenraumes, weitab vom Fenster, hinter dem das Meer rauschte. Jo blickte sich um: nichts als Betten, keine Schränke mit Spielzeug, keine Tische, keine Stühle,
nur Betten.
„Wo kommst du her?" Ein Mädchen war an ihr Bett getreten, es schien jünger als Jo zu sein. Es hatte ein fadenscheiniges Kleidchen an, und die Schuhe, ausgediente, aber tiefschwarz geputzte
Schnürschuhe, wurden mit Bindfaden zusammengehalten. Jo musterte das Mädchen: Stupsnase, Sommersprossen, blonde Stoppelhaare, mager wie ein Wichtelmännchen, gescheite Augen. „Aus Berlin", sagte
Jo. „Und du? Und wie heißt du?"
Das Mädchen war ihr sofort sympathisch, es war so zart, ganz anders als die Kinder aus der Kellerstraße. „Marie-Luise. Aus Köln", sagte das Mädchen. „Aber eigentlich aus Breslau. Wir sind
geflüchtet. Aber meine Mama ist tot. Nur noch mein Bruder ist da. "
„Ich habe eine Mutter", sagte Jo, „aber ich wohne bei meiner Oma. Und ich habe auch eine Schwester, sie heißt Veronika. Aber sie ist noch ganz klein, und man kann noch nicht mit ihr spielen. Ich
bin Jo. Bist du auch seekrank geworden?"
Marie-Luise schüttelte den Kopf. „Ein bisschen", sagte sie, als Jo sie zweifelnd ansah, „aber es kam nur Spucke raus." Ihr Gesicht wurde rot bis unter die Haarspitzen, wegen der Schwindelei.
„Und warum bist du geflüchtet?"
„Weil ... ich weiß nicht. Es war ganz kalt, meine Füße taten so weh. Und dann wurde geschossen, und dann war meine Mama tot, überall war Blut und alle Leute haben geschrien. Aber jetzt wohnen wir
in Köln, bei meinem Onkel, im Luftschutzkeller. Manchmal haben wir gar nichts zu essen." Sie begann zu weinen.
Jo streichelte sie. „Heul doch nicht." Sie konnte sich fremdes Elend noch nicht wirklich erklären, sie wusste nur, hier war Kummer, und wer Kummer hatte, brauchte leise Worte, den durfte man
nicht anschreien: „Du doofe Heulsuse!" Viel zu gut wusste sie, was Kummer war. Sie brauchte nur an Siggi zu denken, Siggi den Bescheuerten.
So lernten sich Jo und Marie-Luise kennen. Marie-Luise, die dann von allen Mariechen genannt wurde, schlief im Bett neben Jo.
Abends der Höhepunkt des Tages: das Abendessen. In dem großen Raum standen lange weißgescheuerte Tische, Holzbänke drumherum, und auf den Holzbänken saßen dicht an dicht Kinder mit hungrigen
Augen.
Die Schwestern stellten große runde Teller auf die Tische, Berge mit Marmeladenstullen darauf. Marmeladenstullen, kaum jemand wusste, wie Marmelade schmeckte. Alle griffen in die Stullenberge
hinein, die Schwestern brüllten: „Einer nach dem anderen!" Aber niemand scherte sich um das Gebrüll, nicht an diesem Abend, es war schöner als Weihnachten.
Dann das Waschen im Bad. Es gab eine richtige Dusche in der Ecke. Jo bestaunte sie wie das achte Weltwunder. Die größeren Mädchen erklärten, wie die Dusche funktionierte: Hahn aufdrehen, und oben
käme dann das Wasser heraus. Jo probierte die Dusche aus. Mit einem Schrei fuhr sie zurück: Das Wasser war eiskalt! Begossen wie ein Pudel stand sie da.
Eine Schwester kam herein. Schadenfroh besah sie sich die durchnässte Jo. „Na, deine kalte Dusche hast du ja jetzt. Strafe genug." Ein bisschen unzufrieden schlug sie sich mit dem arbeitslosen
Knüppel gegen die Schaftstiefel.
Und nach all dem Neuen dann die erste Nacht in dem wunderschönen, breiten Bett. Jo sprang mit einem Juchzer hinein und zog das Bettdeck über den Kopf. Mariechen das sehen und es ihr nachmachen
war eines. Plötzlich sprangen alle Mädchen in ihre Betten und zogen sich die Bettdecken über die Köpfe. Schreiend kam eine Schwester herein. „Da hört sich doch alles auf! Das ist ja hier wie bei
den Hottentotten!" Drohend schwang sie ihren Knüppel über dem Kopf. „Wer hat damit angefangen? Na, wird es bald? Unter euch ist ein Feigling, und alle müssen für ihn büßen, der ganze Schlafsaal.
Morgen früh Essensentzug. Na, wird es bald? Wer hat als erster angefangen?"
Die Kinder, eingeschüchtert von dem Knüppel, lagen starr unter den Bettdecken. Jo meldete sich, niemand sollte sie Feigling nennen. „Ich", sagte sie kleinlaut. Die Schwester trat an ihr Bett.
„Du? Wie heißt du?"
„Johanna Borkmann."
„Borkmann also." Es klang, als sagte sie: „Dachte ich es mir doch. Wenn eine Johanna Borkmann heißt, dann hat sie sowieso nichts als Unsinn im Kopf."
„Lass dir das eine Warnung sein", sagte sie. „Das nächste Mal setzt es was."
Das Meer rauschte, die Wellen schlugen an den Strand, und die Mädchen lagen in den Betten, manche weinten leise, weil sie das erste Mal in ihrem Leben allein waren, ohne die Mutter. Jo hörte ein
neues Wort: Heimweh. Sie würde nicht weinen, nahm sie sich vor, und wenn sie die Großmutter noch so sehr vermisste. Bis auf das Schluchzen und den Wellenschlag vor dem Fenster war es
mucksmäuschenstill im Schlafsaal.
„Wer kennt ein Abendlied?" Eines der großen Mädchen hatte gefragt. Alle schrien: „Ich, ich, ich!" „Also gut, jeder ist mal dran", sagte sie. „Ich fang an." Jo kannte kein Abendlied. Aber sie
machte sich deshalb keine Sorgen. Bis sie drankäme, würde sie alle Abendlieder der Welt kennen.
Das Mädchen sang. „Weißt du, wieviel Sternlein stehen ..." Jo war begeistert. So ein schönes Abendlied hatte sie nie gehört, sie hörte gebannt zu. Die Stimme des Mädchens war rein, sie sang hoch
und klar wie eine Sängerin aus dem Radio. Der Gesang und der Wellenschlag, alles machte sie müde, und als Mariechen ihr gute Nacht zuflüsterte, war sie schon eingeschlafen.
Am Morgen, die Novembersonne schien schon in den Schlafraum, hörte sie Mariechen weinen. „Mariechen!" Jo setzte sich auf Mariechens Bett. „Was hast du denn?"
Mariechen schlug das Bettdeck zurück. Da sah Jo es: auf dem Laken ein gelblicher nasser Fleck, Mariechen hatte ins Bett gemacht. „Au weia", sagte sie. Sie dachte an die Schwestern mit den
Knüppeln.
Eine Schwester kam, besah sich das Unglück und riss Mariechen vom Bett herunter. „So ein Schwein! So eine Mistsau! Wir haben eine Bettnässerin! Einpinkeln, das fehlte noch!" Die Missetäterin
stand barfuß und mit gesenktem Kopf neben dem Bett, gewärtig, einen Schlag mit dem Knüppel abzubekommen. Aber die Schwester hatte keinen Knüppel dabei, sie schlug ihr mit der Hand ins Gesicht.
„Wie alt bist du denn? Sechs? Na, das hätte dir deine Mutter aber beibringen können! Wo bist du denn her?"
„Aus Köln", sagte Mariechen leise. Sie würgte an ihren Tränen.
„Woher? Lauter!"
„Aus Köln!" Jetzt schrie Mariechen.
„Schrei mich nicht so an, du Luder!" Die Schwester war empört. Soviel Frechheit war ihr noch nicht untergekommen. Ein paar andere Schwestern standen in der Tür, die Knüppel in den Händen, bereit,
jeden Aufruhr im Schlafraum zu vereiteln.
Aber die Vorsicht war unnötig. Alle Mädchen standen wie eine Eins neben ihren Betten, erstarrt, aber nicht vor Kälte. Keines dachte an Aufruhr.
In den folgenden Wochen musste Mariechen jeden Morgen nach dem Frühstück zur Abreibung antreten: drei Schläge mit dem Knüppel auf den nackten Hintern. Jede Nacht war ihr Bett nass. Die Mädchen
riefen: „Bettnässerin! Bettnässer stinken!" Mariechen sprach nur noch leise, fast flüsternd, mit weinerlicher Stimme. Jo war ihre Freundin geworden. „Ich beschütz dich", sagte sie. „Die andern
werden schon sehen, was passiert, wenn sie dich ärgern." Mariechen zog die Nase hoch. Sie lächelte glücklich.
Jeden dritten Vormittag Untersuchung. Es war ein freundlicher Doktor. „Hast du Angst vor Spritzen?", fragte er Jo. Sie schüttelte tapfer den Kopf. „Und Lebertran?"
Jo wusste nicht, was Lebertran war. Sie lernte ihn aber kennen. Und verabscheuen. Jeden Morgen nach dem Frühstück anstellen zum Lebertranempfang, einen ganzen Becher voll, zu trinken unter
Aufsicht einer Schwester, mittags und abends dasselbe. Ausreden, man habe Bauchschmerzen oder müsse brechen, waren verboten. Weigerte sich ein Mädchen, das ölige gelbe Zeug zu trinken, drohte die
Schwester mit dem Knüppel oder schlug mit der Hand zu.
Jo hielt sich die Nase zu, schluckte ihren Lebertran in einem Zug herunter. Mittlerweile galt sie den Schwestern als Vorbild für die anderen. „Tapferes deutsches Mädchen", sagten sie. „Borkmann
macht es richtig: Nase zugehalten und runter damit!"
Nach der Arztvisite einmal in der Woche Schreibstunde. Jo war nur drei Wochen lang zur Schule gegangen. Außer ihrem Namen konnte sie schon zwei Wörter schreiben: Mama und Mimi. Wie man ihren
Namen schrieb, hatte ihr Siggi beigebracht: ein Haken, das war das Jott, eine Kuller, das war das O. Sie diktierte der Schwester: „Liebe Oma, lieber Opa, lieber Siggi, liebe Mutti, liebe
Veronika, lieber Ingo, liebe Frau Krumnow! Mir geht es gut, es gibt Marmeladenstullen und Grütze. Die Schwestern hauen mit ihren Knüppeln. Das Meer ist schön. Ich habe noch keine Muschel für Oma
und auch kein Heimweh. Eure ..." Ihren Namen krakelte Jo selbst darunter. Der Satz mit den Knüppeln fehlte auf der Karte, bemerkte sie später verwundert, als sie in den Papieren der Mutter kramte
und schon lesen konnte.
Tagsüber führte man die Mädchen in einen Raum mit langen Schrankreihen an den Wänden, in denen sich Spielzeug befand. Selbstbedienung verboten. Die Schwestern teilten jedem Kind sein Spielzeug
zu. Ein Mädchen bekam einen Teddy, dem die Augen fehlten, ein anderes ein paar Holzbausteine, das dritte eine Puppenküche ohne Töpfe. Die Schwestern saßen auf einer Bank an der Wand, wachsam die
Augen auf die Kinder, den Knüppel auf dem Schoß. Sie unterhielten sich und lachten miteinander. Die Kinder flüsterten, lautes Sprechen war verboten.
Manchmal stand Jo morgens gleich nach dem Aufwachen, noch im Nachthemd, am Fenster und blickte auf das Meer hinaus. Sie sah dem Flug der Möwen zu. Eben noch segelte eine selbstvergessen in der
Luft, im nächsten Moment stürzte sie sich ins Wasser. Und wie gleichmäßig die Wellen an den Strand schlugen, so als ob sie mit dem Rhythmus einer geheimen Uhr kämen: schwuppischwupp,
schwuppischwupp, schwuppischwupp. Der letzte Schwupp war am lautesten, er klang zornig, so als ob die Wellen fühlten, dass ihr Leben dort am Strand zu Ende ging. Und wenn Jo den Kopf hob, sah sie
Himmel, nichts als blauen oder grauen Himmel. Nirgends ein zerbombtes Hinterhaus, kein Seitenflügel, keine Plumpsklos wie zu Hause. Sie hätte nicht sagen können, was ihr daran gefiel, an diesem
Himmel und den Möwen und den Wellen, sie wusste nur: Schön war es am Meer.
Der Strand lag vor dem Fenster, weiß, verlockend, menschenleer. Wie gern wäre Jo hinausgelaufen, hätte sich in den weißen Sand geworfen und vor unerklärlichem Glücksgefühl geschrien. Aber die
Kinder hatten im Haus zu bleiben. Einmal rissen trotz der Bewachung ein paar Jungen aus. Sie tobten vor den Fenstern des Mädchenschlafraums herum. Lange währte ihre Freiheit nicht, eine ganze
Schar Schwestern trieb sie ins Haus zurück. Minuten später hörten die Mädchen Schreie aus der oberen Etage. Die Jungen wurden bestraft wie sie: mit Knüppelhieben.