Fleiss, Hanna

Dienstag, 7. april 2009 2 07 /04 /2009 12:29

Der Winter war da, die Nordsee schlug ihre Wellen an den Strand, auf dem eine dünne Schneedecke lag, die Möwen kreischten leiser. Und eines Tages war Weihnachten.

Die kleinen Mädchen wurden von den Schwestern kalt geduscht, sie zogen ihnen ihre besten Kleider an. Jo duschte sich allein und zog sich auch allein an: den blauen Norwegerpullover mit dem weißen Muster über der Brust, den die Großmutter gestrickt hatte, für den sie eine Wolldecke hatte aufräufeln müssen. Sogar für einen Schal, einen Pudel und Handschuhe hatte die Decke ausgereicht.

Der Essraum war verzaubert. Von der Decke hingen rote und silberne Sterne, auf den Esstischen lagen weiße Tücher und Tannenzweige, und auch Kerzen brannten. Ein Fotograf war da. Es blitzte, wenn er seine Fotos schoss. „Lacht, Kinder!", rief er, „ihr wisst nicht, wie gut ihr es habt!" Alle Kinder lachten, sie drängelten sich um den Fotografen, jeder wollte ein Bild von sich haben.

In der Ecke stand ein geschmückter Tannenbaum, er reichte bis zur Saaldecke. Alles staunte: Dass es sowas gab, so einen großen Tannenbaum! Der Heimleiter hielt eine lange Rede: Dass jetzt das Christkind geboren worden war, dass alle Menschen Brüder sind und dass das Rote Kreuz die Feier ausgestaltet hat, und alle sollten dankbar sein in diesen schlechten Zeiten für die gedeckten Tische und die guten Gaben der Siegermächte.

Und dann kam der Weihnachtsmann. Die größeren Kinder tuschelten: Es gibt gar keinen Weihnachtsmann, der da ist der verkleidete Hausmeister, und sein Bart ist aus Watte. Jo war skeptisch: Sah gar nicht aus wie der Hausmeister. Der Weihnachtsmann war doch lebendig, er teilte Geschenke an die Kinder aus. Warum sollte es ihn nicht geben?

Eine Schwester rief die Namen der Kinder auf, dann rannte das Kind zum Weihnachtsmann, machte einen Knicks oder einen Diener und bekam ein Geschenk. Jo stritt sich mit einem größeren Mädchen, das neben ihr auf der Bank saß: „Klar gibt es einen Weihnachtsmann! Ich habe doch Augen im Kopf! Da steht er doch!" Das Mädchen lachte sie aus: „Du bist ja doof!"

Als Jo aufgerufen wurde, fragte sie den Weihnachtsmann, ob er sie erkenne, noch vom letzten Mal. Der Weihnachtsmann war verlegen, die Schwestern lachten. Der Weihnachtsmann erkannte sie nicht, so viel war klar. Er hatte ihr wieder eine Puppe mitgebracht, aber ohne Schlafaugen und ohne echte Zöpfe. Jo flüsterte dem Weihnachtsmann etwas ins Ohr. „Lauter, lauter!", riefen die Kinder. Der Weihnachtsmann lachte. „Sie fragt, ob ich ein echter Weihnachtsmann bin. Was meint ihr, bin ich echt?" Die Kinder trampelten mit den Füßen auf den Steinfußboden. „Ja, echt, echt, du bist ein richtiger Weihnachtsmann!", riefen sie. Mit einem Mal wusste Jo, dass es keinen Weihnachtsmann gab, der Weihnachtsmann war wirklich der Hausmeister. Aber sie behielt diese Erkenntnis für sich. Sollten die Kleinen an den Weihnachtsmann glauben. Sie war wütend. Die Erwachsenen logen, aber Kinder mussten immer die Wahrheit sagen, es war ungerecht.

Es gab ein Festtagsessen: Ente mit Rotkohl. Jo starrte auf ihren Teller: Das Fleischstück hatte Haare. Wie Pieker stachen sie aus dem Entenstück heraus. Sie fragte Mariechen, ob sie es haben wolle. Mariechen schüttelte mit vollem Mund den Kopf. Jo aß die Kartoffeln und den Rotkohl. Einsam lag das Stück Ente auf dem Teller.

Eine Schwester lief durch die Reihen. „Und das Fleisch? Willst du es nicht essen? Runter damit, das gibt es nicht alle Tage!" Jo sträubte sich: „Es ist so eklig." Die Schwester stemmte die Arme in die Seiten: „Eklig? Was sagst du da? Eklig? Hat man sowas schon gehört? Eklig, sagt sie! Du verwöhntes Luder! Aufsperren den Mund!" Die Schwester stopfte Stück für Stück der Ente in Jo hinein. Jo hatte den Mund voller Ente. Sie versuchte zu schlucken. Mit einmal brach alles aus ihr heraus, was sie gegessen hatte: die Kartoffeln, der Rotkohl, die Soße, auf die weiße Tischdecke. Die Schwester schrie, Jo verstand nicht, was sie sagte. Ihr war sterbenselend zumute. „Aufstehen! Bück dich!" Sie spürte die Knüppelhiebe gar nicht, so elend ging es ihr. „Du hast gar nicht geschrien", sagte Mariechen abends im Bett.

Am nächsten Tag durften die Kinder mit ihren neuen Spielsachen, die der Weihnachtsmann gebracht hatte, spielen. Die neue Puppe war nicht so schön wie die alte, aber sie war eine Puppe. Jo legte sie schlafen. Sie sang ihr ein Abendlied. „Leise, Peterle, leise ..." Die neue Puppe hieß also Peterle.

Ein großes Mädchen stand dabei. „Gib mir meine Puppe wieder!" Jo sah erstaunt auf zu dem Mädchen. „Das ist doch meine Puppe, vom Weihnachtsmann." Das Mädchen griff, ehe Jo es mitbekam, nach der Puppe. Jo kriegte ein Bein der Puppe zu fassen. Noch ein Schritt, und sie saß auf dem Hintern, das Bein der Puppe in der Hand. Das Mädchen rannte weg. „Meine Puppe, meine Puppe ist kaputt!", rief sie und schwenkte die Puppe über dem Kopf.

Die Schwestern auf ihrer Bankreihe an der Wand wurden aufmerksam. „Was ist denn hier los! Immer wieder Borkmann! Bücken!"

Jo weinte. Sie schrie bei jedem Schlag. Vor Wut! Die Erwachsenen logen nicht nur, sie waren auch zu faul, die Wahrheit herauszufinden.

Jos Weihnachtstüte, voller Süßigkeiten und Schokolade, von der sie hier zum erstenmal hörte, hatten die Schwestern im Schrank eingeschlossen. Alle Kinder hatte ihre Weihnachtstüten den Schwestern übergeben müssen. „Damit nichts geklaut wird", sagten sie. Jo und viele andere Kinder sahen ihre Weihnachtstüten nie wieder. Die großen Mädchen flüsterten, die Schwestern hätten die Tüten mitgenommen, für ihre eigenen Kinder.

*

 

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Mittwoch, 1. april 2009 3 01 /04 /2009 09:52

Das Lungensanatorium war ein schneeweißes Haus, es stand am Meer, sehr nah am Meer, fast mit den Füßen in der Brandung, in einem Fischerort namens Wiek, und Möwen kreischten vor den Fenstern. Es hatte zwei Etagen, oben standen die Betten der Jungen, unten die der Mädchen. Die Schwestern hatten sich zum Empfang der Kinder im Flur aufgereiht, angetan mit blauen Kitteln, einem Häubchen auf dem Haar und einem Knüppel in der Hand, den Jo aber erst bemerkte, als eine der Schwestern damit wie prüfend auf ihre Handfläche schlug.

Der Raum, in den man Jo und die anderen Mädchen führte, war riesengroß. Jo begann die Betten zu zählen: mehr als fünfzig Betten. Sie eilte zu einem Bett am Fenster. Sofort kam eine Schwester angelaufen und zerrte sie von dem Bett herunter. „Die Belegung ist festgelegt! Am Fenster schlafen die großen Mädchen!"

Ihr Bett stand in der Mitte des Riesenraumes, weitab vom Fenster, hinter dem das Meer rauschte. Jo blickte sich um: nichts als Betten, keine Schränke mit Spielzeug, keine Tische, keine Stühle, nur Betten.

„Wo kommst du her?" Ein Mädchen war an ihr Bett getreten, es schien jünger als Jo zu sein. Es hatte ein fadenscheiniges Kleidchen an, und die Schuhe, ausgediente, aber tiefschwarz geputzte Schnürschuhe, wurden mit Bindfaden zusammengehalten. Jo musterte das Mädchen: Stupsnase, Sommersprossen, blonde Stoppelhaare, mager wie ein Wichtelmännchen, gescheite Augen. „Aus Berlin", sagte Jo. „Und du? Und wie heißt du?"

Das Mädchen war ihr sofort sympathisch, es war so zart, ganz anders als die Kinder aus der Kellerstraße. „Marie-Luise. Aus Köln", sagte das Mädchen. „Aber eigentlich aus Breslau. Wir sind geflüchtet. Aber meine Mama ist tot. Nur noch mein Bruder ist da. "

„Ich habe eine Mutter", sagte Jo, „aber ich wohne bei meiner Oma. Und ich habe auch eine Schwester, sie heißt Veronika. Aber sie ist noch ganz klein, und man kann noch nicht mit ihr spielen. Ich bin Jo. Bist du auch seekrank geworden?"

Marie-Luise schüttelte den Kopf. „Ein bisschen", sagte sie, als Jo sie zweifelnd ansah, „aber es kam nur Spucke raus." Ihr Gesicht wurde rot bis unter die Haarspitzen, wegen der Schwindelei.

„Und warum bist du geflüchtet?"

„Weil ... ich weiß nicht. Es war ganz kalt, meine Füße taten so weh. Und dann wurde geschossen, und dann war meine Mama tot, überall war Blut und alle Leute haben geschrien. Aber jetzt wohnen wir in Köln, bei meinem Onkel, im Luftschutzkeller. Manchmal haben wir gar nichts zu essen." Sie begann zu weinen.

Jo streichelte sie. „Heul doch nicht." Sie konnte sich fremdes Elend noch nicht wirklich erklären, sie wusste nur, hier war Kummer, und wer Kummer hatte, brauchte leise Worte, den durfte man nicht anschreien: „Du doofe Heulsuse!" Viel zu gut wusste sie, was Kummer war. Sie brauchte nur an Siggi zu denken, Siggi den Bescheuerten.

So lernten sich Jo und Marie-Luise kennen. Marie-Luise, die dann von allen Mariechen genannt wurde, schlief im Bett neben Jo.

Abends der Höhepunkt des Tages: das Abendessen. In dem großen Raum standen lange weißgescheuerte Tische, Holzbänke drumherum, und auf den Holzbänken saßen dicht an dicht Kinder mit hungrigen Augen.

Die Schwestern stellten große runde Teller auf die Tische, Berge mit Marmeladenstullen darauf. Marmeladenstullen, kaum jemand wusste, wie Marmelade schmeckte. Alle griffen in die Stullenberge hinein, die Schwestern brüllten: „Einer nach dem anderen!" Aber niemand scherte sich um das Gebrüll, nicht an diesem Abend, es war schöner als Weihnachten.

Dann das Waschen im Bad. Es gab eine richtige Dusche in der Ecke. Jo bestaunte sie wie das achte Weltwunder. Die größeren Mädchen erklärten, wie die Dusche funktionierte: Hahn aufdrehen, und oben käme dann das Wasser heraus. Jo probierte die Dusche aus. Mit einem Schrei fuhr sie zurück: Das Wasser war eiskalt! Begossen wie ein Pudel stand sie da.

Eine Schwester kam herein. Schadenfroh besah sie sich die durchnässte Jo. „Na, deine kalte Dusche hast du ja jetzt. Strafe genug." Ein bisschen unzufrieden schlug sie sich mit dem arbeitslosen Knüppel gegen die Schaftstiefel.

Und nach all dem Neuen dann die erste Nacht in dem wunderschönen, breiten Bett. Jo sprang mit einem Juchzer hinein und zog das Bettdeck über den Kopf. Mariechen das sehen und es ihr nachmachen war eines. Plötzlich sprangen alle Mädchen in ihre Betten und zogen sich die Bettdecken über die Köpfe. Schreiend kam eine Schwester herein. „Da hört sich doch alles auf! Das ist ja hier wie bei den Hottentotten!" Drohend schwang sie ihren Knüppel über dem Kopf. „Wer hat damit angefangen? Na, wird es bald? Unter euch ist ein Feigling, und alle müssen für ihn büßen, der ganze Schlafsaal. Morgen früh Essensentzug. Na, wird es bald? Wer hat als erster angefangen?"

Die Kinder, eingeschüchtert von dem Knüppel, lagen starr unter den Bettdecken. Jo meldete sich, niemand sollte sie Feigling nennen. „Ich", sagte sie kleinlaut. Die Schwester trat an ihr Bett. „Du? Wie heißt du?"

„Johanna Borkmann."

„Borkmann also." Es klang, als sagte sie: „Dachte ich es mir doch. Wenn eine Johanna Borkmann heißt, dann hat sie sowieso nichts als Unsinn im Kopf."

„Lass dir das eine Warnung sein", sagte sie. „Das nächste Mal setzt es was."

 

Das Meer rauschte, die Wellen schlugen an den Strand, und die Mädchen lagen in den Betten, manche weinten leise, weil sie das erste Mal in ihrem Leben allein waren, ohne die Mutter. Jo hörte ein neues Wort: Heimweh. Sie würde nicht weinen, nahm sie sich vor, und wenn sie die Großmutter noch so sehr vermisste. Bis auf das Schluchzen und den Wellenschlag vor dem Fenster war es mucksmäuschenstill im Schlafsaal.

„Wer kennt ein Abendlied?" Eines der großen Mädchen hatte gefragt. Alle schrien: „Ich, ich, ich!" „Also gut, jeder ist mal dran", sagte sie. „Ich fang an." Jo kannte kein Abendlied. Aber sie machte sich deshalb keine Sorgen. Bis sie drankäme, würde sie alle Abendlieder der Welt kennen.

Das Mädchen sang. „Weißt du, wieviel Sternlein stehen ..." Jo war begeistert. So ein schönes Abendlied hatte sie nie gehört, sie hörte gebannt zu. Die Stimme des Mädchens war rein, sie sang hoch und klar wie eine Sängerin aus dem Radio. Der Gesang und der Wellenschlag, alles machte sie müde, und als Mariechen ihr gute Nacht zuflüsterte, war sie schon eingeschlafen.

Am Morgen, die Novembersonne schien schon in den Schlafraum, hörte sie Mariechen weinen. „Mariechen!" Jo setzte sich auf Mariechens Bett. „Was hast du denn?"

Mariechen schlug das Bettdeck zurück. Da sah Jo es: auf dem Laken ein gelblicher nasser Fleck, Mariechen hatte ins Bett gemacht. „Au weia", sagte sie. Sie dachte an die Schwestern mit den Knüppeln.

Eine Schwester kam, besah sich das Unglück und riss Mariechen vom Bett herunter. „So ein Schwein! So eine Mistsau! Wir haben eine Bettnässerin! Einpinkeln, das fehlte noch!" Die Missetäterin stand barfuß und mit gesenktem Kopf neben dem Bett, gewärtig, einen Schlag mit dem Knüppel abzubekommen. Aber die Schwester hatte keinen Knüppel dabei, sie schlug ihr mit der Hand ins Gesicht. „Wie alt bist du denn? Sechs? Na, das hätte dir deine Mutter aber beibringen können! Wo bist du denn her?"

„Aus Köln", sagte Mariechen leise. Sie würgte an ihren Tränen.

„Woher? Lauter!"

„Aus Köln!" Jetzt schrie Mariechen.

„Schrei mich nicht so an, du Luder!" Die Schwester war empört. Soviel Frechheit war ihr noch nicht untergekommen. Ein paar andere Schwestern standen in der Tür, die Knüppel in den Händen, bereit, jeden Aufruhr im Schlafraum zu vereiteln.

Aber die Vorsicht war unnötig. Alle Mädchen standen wie eine Eins neben ihren Betten, erstarrt, aber nicht vor Kälte. Keines dachte an Aufruhr.

In den folgenden Wochen musste Mariechen jeden Morgen nach dem Frühstück zur Abreibung antreten: drei Schläge mit dem Knüppel auf den nackten Hintern. Jede Nacht war ihr Bett nass. Die Mädchen riefen: „Bettnässerin! Bettnässer stinken!" Mariechen sprach nur noch leise, fast flüsternd, mit weinerlicher Stimme. Jo war ihre Freundin geworden. „Ich beschütz dich", sagte sie. „Die andern werden schon sehen, was passiert, wenn sie dich ärgern." Mariechen zog die Nase hoch. Sie lächelte glücklich.

Jeden dritten Vormittag Untersuchung. Es war ein freundlicher Doktor. „Hast du Angst vor Spritzen?", fragte er Jo. Sie schüttelte tapfer den Kopf. „Und Lebertran?"

Jo wusste nicht, was Lebertran war. Sie lernte ihn aber kennen. Und verabscheuen. Jeden Morgen nach dem Frühstück anstellen zum Lebertranempfang, einen ganzen Becher voll, zu trinken unter Aufsicht einer Schwester, mittags und abends dasselbe. Ausreden, man habe Bauchschmerzen oder müsse brechen, waren verboten. Weigerte sich ein Mädchen, das ölige gelbe Zeug zu trinken, drohte die Schwester mit dem Knüppel oder schlug mit der Hand zu.

Jo hielt sich die Nase zu, schluckte ihren Lebertran in einem Zug herunter. Mittlerweile galt sie den Schwestern als Vorbild für die anderen. „Tapferes deutsches Mädchen", sagten sie. „Borkmann macht es richtig: Nase zugehalten und runter damit!"

Nach der Arztvisite einmal in der Woche Schreibstunde. Jo war nur drei Wochen lang zur Schule gegangen. Außer ihrem Namen konnte sie schon zwei Wörter schreiben: Mama und Mimi. Wie man ihren Namen schrieb, hatte ihr Siggi beigebracht: ein Haken, das war das Jott, eine Kuller, das war das O. Sie diktierte der Schwester: „Liebe Oma, lieber Opa, lieber Siggi, liebe Mutti, liebe Veronika, lieber Ingo, liebe Frau Krumnow! Mir geht es gut, es gibt Marmeladenstullen und Grütze. Die Schwestern hauen mit ihren Knüppeln. Das Meer ist schön. Ich habe noch keine Muschel für Oma und auch kein Heimweh. Eure ..." Ihren Namen krakelte Jo selbst darunter. Der Satz mit den Knüppeln fehlte auf der Karte, bemerkte sie später verwundert, als sie in den Papieren der Mutter kramte und schon lesen konnte.

Tagsüber führte man die Mädchen in einen Raum mit langen Schrankreihen an den Wänden, in denen sich Spielzeug befand. Selbstbedienung verboten. Die Schwestern teilten jedem Kind sein Spielzeug zu. Ein Mädchen bekam einen Teddy, dem die Augen fehlten, ein anderes ein paar Holzbausteine, das dritte eine Puppenküche ohne Töpfe. Die Schwestern saßen auf einer Bank an der Wand, wachsam die Augen auf die Kinder, den Knüppel auf dem Schoß. Sie unterhielten sich und lachten miteinander. Die Kinder flüsterten, lautes Sprechen war verboten.

Manchmal stand Jo morgens gleich nach dem Aufwachen, noch im Nachthemd, am Fenster und blickte auf das Meer hinaus. Sie sah dem Flug der Möwen zu. Eben noch segelte eine selbstvergessen in der Luft, im nächsten Moment stürzte sie sich ins Wasser. Und wie gleichmäßig die Wellen an den Strand schlugen, so als ob sie mit dem Rhythmus einer geheimen Uhr kämen: schwuppischwupp, schwuppischwupp, schwuppischwupp. Der letzte Schwupp war am lautesten, er klang zornig, so als ob die Wellen fühlten, dass ihr Leben dort am Strand zu Ende ging. Und wenn Jo den Kopf hob, sah sie Himmel, nichts als blauen oder grauen Himmel. Nirgends ein zerbombtes Hinterhaus, kein Seitenflügel, keine Plumpsklos wie zu Hause. Sie hätte nicht sagen können, was ihr daran gefiel, an diesem Himmel und den Möwen und den Wellen, sie wusste nur: Schön war es am Meer.

Der Strand lag vor dem Fenster, weiß, verlockend, menschenleer. Wie gern wäre Jo hinausgelaufen, hätte sich in den weißen Sand geworfen und vor unerklärlichem Glücksgefühl geschrien. Aber die Kinder hatten im Haus zu bleiben. Einmal rissen trotz der Bewachung ein paar Jungen aus. Sie tobten vor den Fenstern des Mädchenschlafraums herum. Lange währte ihre Freiheit nicht, eine ganze Schar Schwestern trieb sie ins Haus zurück. Minuten später hörten die Mädchen Schreie aus der oberen Etage. Die Jungen wurden bestraft wie sie: mit Knüppelhieben.

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Montag, 23. märz 2009 1 23 /03 /2009 09:37

Der Sommer ging vorüber, und mit sonnigen, nicht mehr allzu warmen Nachmittagen kündigte sich der Herbst an. Jo war froh, dass sie zur Schule durfte, aber auch traurig, denn da war ja noch die Kur. Sie wollte nicht zur Kur fahren, sie wollte in die Schule gehen! Es waren Tage, die sie am liebsten verschlafen hätte. Alles war anders geworden, ganz anders, als sie wollte.

Bei der Einschulung am 1. September machte niemand etwas groß her. Siggis alte Schulmappe, seine Schiefertafel und ein paar Griffel, das war alles, eine Schultüte gab es nicht. Großmutter aber hatte einen Kuchen gebacken, und Jo durfte sich so viele Kuchenstücke nehmen, wie sie verdrücken konnte. Sie gab aber schon nach dem dritten Stück auf. Es würgte sie, ihr Körper hatte sich schon zu sehr an magere Kost gewöhnt.

Jo war gerade drei Wochen in der Schule, als es mit der Kur klappte. Großmutter war vor Freude außer sich: „Du fährst an die Nordsee, Kind! Nordsee! Wo es die vielen Muscheln gibt, die rauschen. Wie das Meer rauschen sie. Wirst schon sehen! Und Wasser, überall nur Wasser. Und Zuckersand, ganz weiß. Ein halbes Jahr! Kind, hast du es schön."

Großmutter, Siggi, der den Koffer trug, und die Mutter mit Veronika brachten sie zur Bahn.

Siggi stürmte ins Abteil. „Belegt! Ein Fensterbett! Damit du rausgucken kannst, wenn du fährst. Mensch, du hast es wirklich prima. Wie die Prinzessin auf der Erbse."

Traurig war Jo nicht, als der Zug anfuhr und alle winkten und Großmutter sich die Tränen abwischte. Eher ein bisschen stiller als sonst. Alles war neu und so ganz anders als das, was sie kannte, alles war fremd.

*

Es war ein Lazarettzug, rechts und links Betten, drei Etagen hoch, in der Mitte ein schmaler Gang. Krankenschwestern liefen hin und her. Jo lag im Bett, und der Zug fuhr in die Nacht, erst langsam, dann immer schneller. Unter ihr ratterten die Räder, und auf einmal war ihr, als ob sie davonschwebe, höher, höher, immer höher, bis in den Himmel, und die weißen Wolken deckten sie zu.

Der Zug hielt. Ein Bahnhof. „Hamburg! Hamburg!" Die Krankenschwestern trieben die Kinder an. „Nehmt eure Koffer und stellt euch in Zweierreihen auf!"

Der Koffer war schwer, viel zu schwer für Jo. Es ging durch morgendliche Straßen, Kopfsteinpflaster, Gassen, kleine Häuser beiderseits, ein viel zu langer Weg. Die Kinder stöhnten, die Krankenschwestern schimpften, wenn einer zurückblieb. „Und Ruhe, wir schwatzen nicht! Die Leute schlafen noch!"

Und dann sahen sie es: das Meer.

Es war riesengroß, Wasser, nichts als Wasser, es war grünes Wasser, es schäumte, wenn es ans Ufer schlug. Und mitten in das Meer hinein führte ein Steg. Und wie das roch! Nach dem schwarzen Zeug, das am Ufer lag, nach Kieselsteinen, nach kleinen Muscheln, die man in die Tasche stecken konnte, nach dem Wasser, den schäumenden Wellen, es roch und roch.

Jo hielt das Gesicht in den Wind. Das Meer. Der Wind zerzauste ihr die Zöpfchen. Sie musste schreien, wenn sie mit den anderen Kindern sprechen wollte, aber es war schön, es war unbändig schön. Und draußen auf dem Meer, am Ende des Stegs, ein weißes Schiff. Mit dem sollten sie fahren, zu einer Insel, sie hieß Föhr. Was eine Insel war, wusste Jo nicht, aber schon dass man dorthin nur mit einem Schiff kam, war überwältigend. Föhr, du mein Traumland.

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