Fleiss, Hanna

Sonntag, 22. märz 2009 7 22 /03 /2009 09:36

Der Sommer war ein bisschen verregnet. Trotzdem, in den Gärten am Nordhafen reifte es, und wenn die Parzellenbesitzer schlau waren, konnten sie sogar selbst ernten. Dieses Jahr hatte die Großmutter mehr Glück mit den Tomaten, Mohrrüben gab es und richtige Kartoffeln auf dem Teller. Auch Großvaters Hamsterfahrten mit der Mutter und Siggi erweiterten den Speiseplan: Händevoll Stachelbeeren. Jo kostete eine: Süß war sie, halb zerquetscht, voller kleiner weicher Kerne, die man im Mund behalten konnte, bis man sie aus Versehen herunterschluckte. „So was Schönes müsste es immer geben, Oma", sagte Jo mit leuchtenden Augen.

Wolfgang heckte schon wieder einen Plan aus. Die Trauben der Holunderbüsche, die am Ufer des Spreekanals wuchsen, hingen schwer und blau übers Wasser. Man musste sich weit vorbeugen, um sie abzureißen. Das war die Arbeit der Jungen. Die Mädchen warteten, bis die Jungen von der ersten Holunderernte satt waren, ehe auch sie in die Trauben greifen durften. Jo stopfte die Trauben in sich hinein, sie schmeckten nicht so gut wie die Stachelbeeren, ein bisschen sauer, ein bisschen bitter, aber saftig waren sie. Hände, Kleid, Gesicht und sogar die Beine hatten von dem Saft abbekommen.

Großmutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Kind, doch nicht Holunder!

Der muss doch gekocht werden! Das ist das reinste Gift!"

Es war zu spät. Großmutter konnte gar nicht so schnell den Eimer unter dem Küchentisch hervorholen, wie der Holunder sich Luft verschaffte. Und elend war Jo zumute, kaum hielt sie sich auf den Beinen. Wieder kam der Doktor, verschrieb ein paar Tropfen. Ein Trost nur war, dass es Jo nicht allein so erging, alle Kinder hatten überreichlich von dem Holunder gegessen, und so hatte die Kellerstraße ein paar Tage lang Ruhe vor ihnen. Wie ausgestorben lag sie in der Sonne.

„Nie wieder Holunder!" Wolfgang hob zwei Finger in die Luft. „Ich schwöre! Dann schon lieber Keile. Ich schlag vor, wir machen eine Johannisbeertour. Aber diesmal erwischt uns keiner." Und was Wolfgang vorschlug, wurde getan. Sogar Ingo fügte sich.

Niemand erwischte die Bande, aber es gab trotzdem Keile: Die Jungen boxten darum, ob weiße oder rote Johannisbeeren nahrhafter waren. Am Ende einigten sie sich auf Johannisbeeren im allgemeinen, egal, ob rote oder weiße, weil alle keine Kraft mehr in den Fäusten hatten. Nur der stille Michael-Mieke, der sich an der Keilerei nicht beteiligt und zu den Mädchen gehalten hatte, wusste es genau: Johannisbeeren sind nicht nahrhaft, sondern sie haben Vi-ta-mi-ne.

Ingo blieb skeptisch. „Was soll denn das sein, deine Vitamine? Kann man Johannisbeeren essen oder nicht? Na also, dann sind sie auch nahrhaft, du Spielverderber."

Wolfgang griff ein. „Michael-Mieke hat recht. Holunder kann man auch essen. Aber er ist nicht nahrhaft, sondern zum Kotzen."

„Aber er hat auch Vitamine!" Michael-Mieke hatte gesiegt, und von diesem Tag an waren Wolfgang und er dicke Freunde geworden, gegen Ingo.

*

 

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Samstag, 21. märz 2009 6 21 /03 /2009 09:29

 

Das Frühjahr kündigte sich an. Nach dem langen schrecklichen Winter, den so schnell niemand vergessen würde, endlich wieder Wärme und Sonne.

Die Berliner atmeten auf. Die Zeitungen schrieben, dass man noch immer in den Wohnungen Tote fand, Erfrorene. In diesem Winter starben viele Menschen, nicht nur an der Kälte, auch am Hunger, an schweren Krankheiten oder an banalen, weil ihr Körper zu schwach war und weil es zuwenig Ärzte und Medikamente gab. Viele alte Menschen darunter, die den Krieg überstanden hatten, aber nicht die Zeit nach dem Krieg. Und Kinder, Säuglinge vor allem, es wurden schon wieder Kinder geboren.

Im April musste Jo zur Einschulungsuntersuchung, zum Amtsarzt. Der Amtsarzt entpuppte sich als eine junge freundliche Frau. Sie klopfte auf Jos Brust herum, lauschte in ihr Hörrohr.

Dann war der Rücken dran. Jo atmete wie eine Lokomotive, stoßweise, aus dem Bauch.

„War die Lunge schon immer so schwach? Ich schick sie mal zum Röntgen, Frau Borkmann. Das gefällt mir nicht. Ganz und gar nicht."

„Wird sie denn nun eingeschult oder nicht?", wollte die Mutter wissen.

„Ich schreib sie einschulungsfähig, abhängig vom Röntgen."

Ein paar Tage später das Röntgen. Jo war begeistert: Die Ärztin konnte in sie hineinsehen, ohne dass es weh tat, nur ein Sekündchen stillstehen und die Luft anhalten, popelleicht. Und innen waren die Menschen ganz weiß, es war wunderbar! Jo wollte ihre Röntgenaufnahme gar nicht aus der Hand geben.

Aber die Ärztin machte ein besorgtes Gesicht. „Frau Borkmann, ich muss Ihnen leider sagen, dass es dieses Jahr wohl noch nichts mit der Schule für Jo wird. Ihre Hylusdrüse ist angegriffen. Noch ist es nicht ansteckend. Sie braucht eine Kur in reiner Luft, eine Lungenkur. Sie wird eingeschult, aber sowie ein Platz frei ist, geht sie zur Kur. Dann muss sie die erste Klasse noch einmal machen."

Großmutter wusste, warum Jos Hylusdrüse angegriffen war: Der Krieg war schuld, die vielen Nächte im feuchten Bunker und das schlechte Essen. „Dieser verfluchte Krieg", sagte sie. „Dieser verdammte Hitler!"

*

 

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Montag, 9. märz 2009 1 09 /03 /2009 14:21

 

Der Park am Nordhafen war kein Park mehr, dort gab es jetzt Gärten. Keine Gärten, wie sie ein Herrschaftsgärtner sich vorstellt, mit Oleander- und Rosenbüschen, tiefsattem Rasen und gepflegtem Eisengitter drumherum. Nein, die Gärten am Nordhafen gehörten den Mietern der Kellerstraße, die Stadt hatte ihnen den Park zur eigenen Bebauung zugewiesen. Um die Versorgungslage der Bevölkerung zu verbessern, wurde ihnen gesagt. Also gingen die Leute daran, ihre Versorgungslage zu verbessern. Angebaut wurde in diesem Frühjahr, was sie an Saatgut bekamen: Zwiebeln, Mohrrüben, grüne Bohnen, Erbsen, kümmerliche Gurken, und einer, dessen Parzelle am Wasser lag, zog sogar einen Kürbis in Kinderkopfgröße auf, bis er ihm geklaut wurde. Irgendwer organisierte Johannisbeer- und Tomatensträucher, es blühte und duftete nach Majoran und Tomatenpflanzen, und die Ranken der grünen Bohnen wollten in den Himmel wachsen. Die Zäune waren ein Abenteuer für sich: aus eisernen Wehrmachtsbettgestellen, Stangen zweifelhafter Herkunft, Waschkesseldeckeln, zusammengehalten mit Stacheldraht noch zweifelhafterer Herkunft. Es kam nicht auf Schönheit, sondern auf Abschreckung an.

Großvater hielt nachts Wache mit ein paar anderen alten Männern. Siggi, aufgefordert, dem Trupp eine gewisse Jugendlichkeit zu verleihen, lehnte ab: So weit käme es noch, er und nachts durch die Gärten schleichen und luchsen, ob da Gurken oder Mohrrüben geklaut würden! Wenn er welche brauchte, besorgte er sie sich, er wisse schon, wo. Großvater konnte nichts dagegen sagen, er hatte nur ein schlagendes Argument für diese Unverschämtheit, aber Großmutter warf sich dazwischen, und Siggi war fein raus aus dem Wacheschieben.

Großvaters Garten lag an der Straße. Jeder, der vorbeiging, konnte zusehen, wie die Tomatenpflanzen wuchsen, dass aus grünen Bommeln, wie Großmutter nannte, was Großvater da heranzog, nach und nach grüne Tomaten wurden, richtige Tomaten mit Tomatengeschmack. Denn der Dünger war gut, er war ausgezeichnet, er war der König des Düngers: Pferdeäpfel. Die ganze Kellerstraße sammelte Pferdeäpfel. Vater Kluge, zu dessen Schmiede im Hinterhof jetzt die dicken Brauereipferde kamen, hatte Hochkonjunktur: ein Eimer Pferdeäpfel für zwei Groschen. Großvater wollte die Groschen sparen, er schickte Jo und die Großmutter vors Tor auf die Straße, damit sie den Dünger aufsammelten, ehe es die Pferde zu Vater Kluges Schmiede geschafft hatten.

Jo durfte auf die Straße, spielen gehen. Sie war fünf Jahre alt und erwachsen genug, es nunmehr mit dem Abenteuer der Straße aufzunehmen. Viel zu spielen gab es nicht. Vor dem Haus lag eine eingezäunte Sandfläche, ein riesiger Buddelkasten, aber der Hauswirt hatte am Tor ein Schild angebracht: Betteln, Hausieren und das Spielen der Kinder auf dem Hof und im Vorgarten ist verboten. Der Hauswirt. Großmutter schimpfte auf den Hauswirt, denn nun geriet ihr Jo tagsüber aus den Augen, und sie hatte es sich so schön gedacht mit dem Riesenbuddelkasten vor den Fenstern, sogar Siggis Buddelgeschirr hatte sie Jo geschenkt, und Siggi tat großzügig: Bis er Kinder haben würde, würden die sowieso nicht mehr buddeln gehen, kannst du haben, die paar lausigen Buddelformen. Jo bedankte sich bei Siggi, vorsichtshalber. Er konnte sich schwere Strafen für Jo ausdenken, für gar nichts, bei ihm musste Jo immer wachsam sein.

Aber es gab auch wirkliche Abenteuerspielplätze: die Trümmer der Daimonfabrik zum Beispiel. Die Daimontrümmer hatten etwas Gespenstisches an sich, nachts, sagten die Leute, schlichen dort undurchsichtige Gestalten herum, Kindermörder, Zigarettenschieber und ähnliches Gelichter. Großmutter hatte sogar eine weiße Frau dort gesehen, mitten am Tage sei sie die halbzerbombte Treppe hinaufgeschwebt und oben habe sie ihr teuflisch zugewinkt, dass ihr das Herz im Halse schlug. Der Großmutter, nicht der weißen Frau.

Jo hatte keine Angst vor den Daimontrümmern, nachts schlief sie in Großmutters Bett, und tagsüber spielte sie nicht allein in den Ruinen. Rotkopf Ingo war immer dabei, er war ihr Beschützer geworden, er war schon acht und also fast ein Großer. Wolfgang und Peter, die Zwillinge aus dem Nebenhaus, die lungenkranke Ingrid, die immer so gesund aussah mit ihren roten Wangen, Marlies aus dem Seitenflügel und Michael, den sie Mieke nannten, weil er ein Angsthase war, kamen nach und nach dazu. Ingo und Wolfgang boxten, damit sie herausfinden konnten, wer der Anführer sein sollte. Der Kampf war unentschieden: Wolfgang war der Stärkere, aber seine Nase blutete. „Güldet nich!", schrie er, als Ingo sich zum Anführer erklärte. Aber Ingo zeigte ihm die blutige Faust, und Wolfgang hatte begriffen.

Wolfgang hatte Ideen. Eines Tages zuckelte ein Pferdefuhrwerk durch die Kellerstraße, den Wagen vollbeladen mit Weißkohlköpfen. Den Kindern lief das Wasser im Munde zusammen: Weißkohl, etwas Essbares. Und so leicht zu klauen. Schon hing Wolfgang an der Fuhre und warf Kohlköpfe auf die Straße, die Spur der Kohlköpfe zog sich durch die ganze Kellerstraße. Der Kutscher wurde erst aufmerksam, als sich die Kinder schreiend um das Freigemüse balgten. Er fluchte und holte mit der Peitsche aus und schlug nach hinten, wo Wolfgang hing. „Genug?", rief Wolfgang und ließ das Fuhrwerk los. Er stürzte auf die Straße und rieb sich die Knie. Eine rote Strieme zog sich quer über sein Gesicht. „Macht nischt, Hauptsache zu fressen", sagte er männlich fest und wischte sich die Tränen aus den Augen. Aus allen Küchen der Kellerstraße roch es in den nächsten Tagen nach Weißkohleintopf.

Ein andermal schlug Wolfgang ein Spiel vor: Räuber und Polente. Jo gehörte zu den Räubern, die Johannisbeeren in den Gärten klauen sollten. Und wenn ein Parzellenbesitzer jemanden erwischte - Wolfgang geriet in Feuereifer bei seinem Plan -, würde die Polente kommen: Wolfgang, Peter und Ingo würden die Räuber verkeilen, aber nur zum Spaß, und dann würden sie belohnt werden, und am Ende hätten alle was davon, nämlich mindestens eine Riesenschüssel Johannisbeeren. Die Sache lief nicht ganz wie geplant. Die Riesenschüssel Johannisbeeren fiel aus. Aber Keile gab es, vom Parzellenbesitzer. „Verfluchte Lausebande, euch werd ich beibringen, meine Johannisbeeren zu klauen! Ihr gehört ins Jungvolk, da ziehen sie euch die Hammelbeine lang!" Seine Faust, mit der er den Kindern hinterherfuchtelte, stand wie ein Hammer in der Luft. Jo weinte, Ingrid tröstete sie: „Wenn du Kloppe kriegst von deiner Oma, kommst du zu uns. Meine Mutter haut nicht."

Der Sommer war ein Sommer war ein Sommer. Am Nordhafen, hinter den Gärten, gab es ein Stück Gras. Mehr kurzgetretene Unkräuter als Gras, aber grün, man konnte darauf liegen, beinahe eine Wiese. Zwei Meter davor floss der Spreekanal. Es ging steil hinab, zwei Schritt vom Ufer, und schon stand Jo das Wasser bis zum Hals. Aber es war herrlich, eine Badegelegenheit, wie sie nicht jedes Kind hatte. Am schönsten war es auf der Wiese, wenn nach dem Baden die Sonne auf die nackten Bäuche schien. Ingo und Wolfgang stellten einen Unterschied fest: Die Mieken hatten nicht dieses Baumelding wie sie. Sogar Michael-Mieke baumelte es zwischen den Beinen. „Das ist ekelhaft", sagte Ingrid und spuckte aus. „Alles alte Säue, die Jungs." Die Jungs nahmen ihre Baumeldinger in die Hand und scheuchten die Mieken, die im Wasser bleiben mussten, bis es den Jungs zu langweilig wurde.

Zwischen Park und Scharnhorststraße gab es ein Brückchen über die Panke, die an dieser Stelle in das Auffangbecken floss. Eine Mutprobe: dicht am Rand des Wasserfalls entlangbalancieren, ohne zu stolpern und mit geschlossenen Augen. Der Untergrund war von Wasserpflanzen bedeckt, die sich in die Strömung schmiegten, glitschig war er, steinig, nichts für nackte Fußsohlen. Ingo hatte Bedenken: „Und wenn nun doch einer reinfällt? In den Wasserfall? Ha?" Wolfgang winkte ab: „Dann rufen wir die Feuerwehr, die macht das schon."

Jo, als sie dran war, schummelte: Sie blinzelte. Die anderen am Ufer konnten es nicht sehen, und sie kam nass, aber glücklich an. Alle schafften es, und alle blinzelten. Nur einer nicht: Peter. Er rutschte aus auf dem glitschigen Untergrund, die Panke nahm ihn mit sich, sein Kopf tauchte im Strudel des Wassers auf, die Kinder schrieen in Panik, niemand konnte schwimmen. „Beim drittenmal ersäuft er!" Wolfgang lief am Ufer hin und her und gab gute Ratschläge, und Peter, wenn er auftauchte, schrie, und die Panke hatte kein Erbarmen, sie floß wie jeden Tag, wie jede Stunde, wie jede Minute. Peter war verschwunden. Man zog ihn am nächsten Tag aus dem Wasser, weit entfernt vom Wasserfall.

Im Herbst durfte Ingrid nicht mehr auf die Straße, sie hustete zuviel. Vom Fenster blickte sie traurig herab, die Kinder riefen hinauf, wann sie wieder spielen kommen dürfe, aber eines Tages blieb das Fenster leer. Ein Sarggefährt fuhr vors Haus, die Kinder standen dabei, alle weinten, und dann fuhr der schwarze Pferdewagen davon mit der toten Ingrid. Ein paar Erwachsene gingen zu Fuß zum Friedhof. Kinder wollte Ingrids Mutter nicht dabei haben. Jo wusste, was auf dem Friedhof geschehen würde: Der Pastor würde eine Rede halten, und dann würden alle weinen, weil der Sarg in die Tiefe ging, dann warfen alle Erde hinunter, und jemand würde Ave Maria singen. Alle hörten Jo zu, als sie davon erzählte, als sei sie dabei gewesen. Nur Wolfgang wusste es besser: „Das mit Ave Maria stimmt nicht. Bei Peter haben sie gar keine Musik gespielt." Jo parierte: „Der war ja auch ein Junge!" Wolfgang gab sich geschlagen.

Siggi drohte: „Nächstes Jahr kommst du in die Schule. Na, du wirst dich umsehen. Seif dir mal jetzt schon den Hintern ein."

Jo verstand nicht. „Seife auf den Hintern? Wozu denn das?"

„Na wenn du was draufkriegst, du Nischel!"

Jetzt hatte Jo verstanden.

Jo verstand überhaupt so manches jetzt besser als voriges Jahr. „Mit den Tomaten, das ist ein Elend", sagte Großmutter. Gerade als sie die reifen Tomaten ernten wollte – waren die Diebe schon dagewesen, nur noch die grünen Bommeln hingen an den Sträuchern. „Eine Gemeinheit ist das, eine Hundsgemeinheit! Am hellerlichten Tag! Wozu haben wir denn dauernd Pferdeäpfel sammeln müssen, wenn es am Ende doch keine Tomaten auf dem Teller gibt? Und Otto mit seinen Nachtwachen! Die ganze Arbeit umsonst!" Jo streichelte sie. „Lass mal, Oma, wein doch nicht. Dann gehen wir eben auf dem Schwarzmarkt einkaufen."

Großmutter lachte unter Tränen. „Du naseweise Jöre wirst mir alten Frau schon Ratschläge geben! Wie wenn das alles so einfach wäre. Wo doch alles in diesem verfluchten Leben so doppeltgemoppelt ist. Wir hätten noch ein paar Waschkesseldeckel mehr um das Grundstück ziehen müssen, oder das Bettgestell aus dem Keller holen, alles rächt sich. Nee, dann muss Otto mit Rita wieder hamstern fahren. Aber fremde Tomaten, meine Kleene, sind auch nicht das Wahre. Und was ich dafür wieder hergeben muss! Selbstgezogene, die schmecken! Wie Friedensware. Du weißt nicht, wie Friedensware schmeckt? Na, wie", sie verdrehte die Augen und tat, als ob sie Friedensware im Mund hatte, „wie Marzipan mit Paraplü."

Jo seufzte. „Ach so", sagte sie altklug. Alles verstand sie eben doch noch nicht.

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