„Oma, Oma", Jo war außer sich, „eine Puppe! Und die kann sogar schlafen, mit ihren Augen. Ach Weihnachtsmann!" Jo presste die Puppe an sich, schlang in ihrer Freude einen Arm um das Bein des
Weihnachtsmannes und küsste Omas Mantel. Dem Weihnachtsmann war Jos Begeisterung peinlich, er wehrte sie ab. „Nu lass mal, nächstes Jahr ist wieder Weihnachten. Ich komm ja wieder, du Würstchen.
Und deine Schwester ist auch noch dran. Die war wenigstens artig."
Jetzt hatte Jo keine Angst mehr vor dem Weihnachtsmann. Plötzlich fiel ihr Blick auf Siggis Hausschuhe. „Weihnachtsmann", fragte sie mitleidig, „wo sind denn deine Stiefel? Hast du die auch
verschenkt?"
Der Weihnachtsmann hüstelte verlegen. Tante Tutti kreischte auf. „Nein, deine Tochter, Rita!"
„Die?" Der Weihnachtsmann sah an sich herunter, auf Siggis Hausschuhe. „Ach so, meine Stiefel? Na, die hab ich draußen gelassen, damit Mutters Stube nicht dreckig wird. Draußen schneit es nämlich
wie am Nordpol. Aber renn nicht gleich zum Fenster, bleib hier, Jo." Der Weihnachtsmann bekam Jo am Ärmel zu fassen. „Is doch Weihnachten. Und Weihnachten schneit es immer."
Jo nickte. „Darum hast du auch Schnee auf dem Kopf."
Leo feixte. „Besser als im Kopf."
Otto stand auf. „So, Weihnachtsmann, die Bescherung ist vorbei. Schwing hier keine langen Reden. Adje, Weihnachtsmann."
Brummend und die Rute schwenkend, verschwand der Weihnachtsmann in den Flur, nicht ohne die Zimmertür mit einem lauten Knall hinter sich zuzuschlagen. Jo saß gebannt wieder auf dem Sofa und
wartete auf das Zuknallen der Wohnungstür. Man konnte nie wissen, vielleicht kam der Weihnachtsmann wieder und gab ihr doch noch etwas mit der Rute.
„Na, wie hat dir der Weihnachtsmann gefallen?" Tante Tutti lachte, dass Jo ihre schwarzen Zähne sah.
„Gut, ein bisschen", sagte sie schüchtern, sie hörte die Küchentür gehen. „Kommt er jetzt wieder?"
„I wo, der muss noch weiter. Aber nächstes Jahr, Kindchen. Mal sehen, was er dir dann mitbringen kann."
Otto stand auf. „So, die Bescherung haben wir hinter uns, und jetzt geht es ans Feiern. Mutter, schenk ein! Und teil deinen Kuchen aus, mir läuft schon die Spucke im Mund zusammen. Und dann halt
ich euch eine Rede. Gehört sich doch." Er schlug mit dem Löffel an die Kaffeetasse und fing sich einen empörten Blick seiner Klara ein.
Die Rede war lang. Das Reden war Otto gewohnt, von seinen Versammlungen damals in der SPD, er redete und redete von der Jugendzeit und fand kein Ende. Einmal nannte er alle Genossen. Klara wurde
es zu bunt. „Auch wenn man das jetzt wieder sagen darf, Otto, nun mach aber mal halblang, Otto, heute ist Weihnachten und nicht deine Parteiversammlung."
Otto wurde fuchtig, er haute auf den Tisch. „Nur noch der Schluss, Klara, lass mich mal." „Hab es doch nicht so gemeint. Mein Ottochen." Klara neigte zu Versöhnlichkeiten.
„So", feierlich blickte Otto an die Zimmerdecke. „ Jetzt also haben wir Frieden, da leuchten Mutters Kerzen auf’m Tisch."
„Die sind gleich runtergebrannt", wagte Heidelinde zu sagen.
„Ja, gleich runtergebrannt, und das ist ein gutes Zeichen, dass wir hier zusammensitzen, die ganze Familie, die noch übrig ist nach dem Krieg, Friede sei der Liese. Sie haben sie uns umgebracht,
meine arme Schwester, weil sie verschüttet war, und der Egon ist auch gefallen, Gustav ist ausgebombt, aber seine Klappe funktioniert wie immer, die ist leider nicht mitverschüttet worden, die
anderen sind Gottweißwo, aber sie werden ja bald wieder in Berlin sein. Ja, was soll ich noch lange drumrum reden: Fröhliche Weihnachten!" Otto setzte sich. Leo deutete ein Klatschen an.
Minutenlang nichts als Schmatzen. „Wirklich gut, Klara. Das Rezept gibst du mir mal."
Anni spreizte den kleinen Finger ab und griff zur Kaffeetasse. Genießerisch nahm sie einen Schluck.
„Hab ich aus’m Radio. Die geben jetzt Ratschläge, wie man aus nischt was macht. Nachher in der Küche, Anni."
Otto schlug mit dem Löffel gegen die Kaffeetasse. „So, und jetzt ist Herrenrunde. Das Weibsvolk hat gleich in der Küche zu tun. Nich wahr, Klara?"
„Aber erst soll die Heidelinde uns ein Lied singen, Ottochen. Sie wartet doch drauf. Ich hab’s ihr versprochen."
„Na denn, die Künstlerin Heidelinde Opitz singt uns eine Arie." Resigniert setzte sich Otto wieder.
Mit dünner, sehr dünner, schüchterner Stimme begann Heidelinde: „Stille Nacht, heilige Nacht." Sie sang alle Strophen, die Kerzen waren heruntergebrannt. „Und dass nie wieder Bomben fallen",
sagte Heidelinde, als das Lied zu Ende war. Alles saß in sich gekehrt in der Dunkelheit und schwieg.
„Gustav, jetzt ist deine Notkerze dran." Helma, die bis jetzt kein einziges Wort gesprochen hatte, eine verhärmte Frau in den Fünfzigern, zündete die Kerze an. „Schön hat sie gesungen, unsere
Heidelinde."
„Ja, schön traurig. Aber dass ihr das mit den Russen passieren musste ..." Klara räumte ab, die Frauen gingen in die Küche. Jo blieb auf dem Sofa sitzen.
Leo räkelte sich. „Sag mal, Otto, erzähl doch mal was von den Russkis. Wie war’s denn so in der Gefangenschaft?"
„Frag lieber nicht. Wasser aus’m Klo, wenn dir das was sagt. Unzivilisiert, da hat der Himmler schon recht gehabt."
„Und sonst, Otto? Haben sie dir ihren roten Kommunismus beigebracht?"
„Na, da hätten sie sich aber anstrengen müssen! Ein paar sind umgefallen. Aber nicht bei mir. Ick oller Sozi. Schließlich."
„Ich bin ja nun wirklich ein sehr unpolitischer Mensch, Otto. Du bist der Fachmann für Politik. Musst du mir wirklich erklären." Er rückte seine Fliege zurück und interessiert näher.
„Ach, lass mal. Andermal. Heute ist Weihnachten. Nischt vom Krieg."
Gustav öffnete den Mund. „Aber die Liese, dass sie so sterben musste. Du hast doch den Brief gekriegt, Otto. Lies den doch noch mal vor. Umjebracht haben sie die Liese. Und gesagt,
Lungenentzündung. Hab ick allet geahnt, aber sagen durfte man ja nischt. Und dabei, weeßte noch, Otto, war die so ein lustiges Haus. Wer konnte denn ahnen, dass sie mal verschüttet wird und nach
Friedenau kommt. Die Heidelinde jetzt, die hat es besser."
„Komm mir nicht mit dem Pack, den Russen. Das Kerbholz ist für die zu kurz. Nicht heute abend, Gustav!"
„Warn doch die Nazischweine, nich die Russen. Na, dann sag ick eben jarnischt mehr." Gustav lehnte sich zurück und starrte in die Kerze, die schon wieder halb heruntergebrannt war.
„Na, Jo", Leo beugte sich über den Tisch zu Jo. „Wie hat dir denn Weihnachten gefallen?"
Jo drückte die Puppe an sich. „Prima, Onkel Leo. Ich hab gar keine Angst gehabt. Nur ein klitzekleines bisschen."
„Die Puppe, Otto, ist von Egon, hat er aus Polen mitgebracht, bei seinem letzten Urlaub. Zwanzig Jahre ist er geworden. Zwanzig." Gustav wischte eine Träne aus dem Auge. Egon war sein Sohn
gewesen, und nun lag er in Russland, niemand wusste, wo. „Gib auf die Puppe acht, Jo. Ist schließlich von E...- huch, beinahe hätte ich was gesagt, vom Weihnachtsmann isse." Er räusperte sich
schuldbewusst.
„Mach ich, Onkel Gustav", sagte Jo arglos. „Aber jetzt muss sie schlafen. Ich sing ihr noch mal O Tannebaum vor, ganz leise. Ich hab auch schon einen Namen für sie. Aber den sag ich euch nicht."
Später, als alle sich verabschiedet hatten und die Stube wieder hergerichtet war, kam Siggi aus der Küche. „Na, da hat sich der Weihnachtsmann aber übernommen", sagte er und betrachtete
kennerisch die Puppe. „Gleich eine Puppe! Der kennt dich bloß noch nicht, Jo. Warte mal aufs nächste Weihnachten, da gibt’s was auf den Hintern, kannst du Gift drauf nehmen."
„Nächstes Weihnachten bin ich groß. Ich heul nicht."
„Wollen wir doch mal sehen." Er gab ihr einen Klaps auf den Hintern.
Jo fing an zu weinen. „Du bist gemein, du bist doch nicht der Weihnachtsmann! Der darf das. Aber du nicht, das sag ich Oma!"
Siggi grinste nur und brummte. Wie der Weihnachtsmann. Nachdenklich drückte Jo ihre Puppe an sich. Wirklich, Siggi konnte brummen. Wie der Weihnachtsmann.