Wieder wurde es Sommer. Jo war jetzt sieben Jahre alt. Tagsüber, wenn der neue Pappi auf der Arbeit war, ging sie zur Großmutter. Heimlich, die Mutter bangte, dass er es eines Tages erfahren würde. Das kleinste Missgeschick, eine Unachtsamkeit - und der Teufel wäre bei Borkmanns los. Aber Jo war geschickt geworden. Wenn der neue Pappi fragte, was sie den Tag über angestellt hatte, hatte Jo sich allerhand Ausreden zurechtgelegt: auf der Straße gespielt, mit der Mutter einkaufen gewesen, mit Veronika gespielt, der Mutter in der Küche geholfen.
Großvater murrte. „Du, Jule", Großvater winkte Jo gefährlich mit dem kleinen Finger, „du kannst deinem Großmaul sagen, wir füttern hier sein angeheiratetes Balg durch. Das kostet was." Das Großmaul, das war der neue Pappi. Und das angeheiratete Balg, das war sie, Jo.
Großmutter ging jetzt fast jeden Tag zur Kirche. Öfter nahm sie die Enkelin mit. Jo lernte beten und Kirchenlieder singen. Als sie noch bei der Großmutter wohnte, hatte sie schon Kindergebete gelernt: „Ich bin klein, mein Herz ist rein, du bist mein Gott, ich will immer artig sein."
Großmutter las in der Bibel, während das Mittagessen auf dem Feuer brodelte. Und sie erzählte der Enkelin, wie es war, als Gott die Menschen schuf: Er nahm einen Klumpen Lehm, und so entstand Adam. Und dann operierte er Adam eine Rippe heraus, das war Eva. Sie erzählte auch, wie Gott die Erde erschaffen hatte und das Weltall: in sechs Tagen.
Jo war skeptisch. Manchmal dachte sie, die Großmutter nehme sie nicht mehr ernst. Die Geschichte von Adam und Eva zum Beispiel, das war doch ein Märchen. Was sollte sie mit Märchen, sie war doch schon groß, und sie wusste, wie Menschen gemacht werden, Ingo hatte es ihr erklärt: mit Schweinereien, und nicht im Garten Eden, sondern nachts, im Bett.
Der neue Pappi hatte gesagt, im Himmel gibt es keinen Gott, nur Wolken, und die sind für das Wetter zuständig, aber nicht für einen alten Mann mit langem Bart. Und Engel gebe es schon gar nicht. Gott, das sei nur was für Bekloppte, eine Droge fürs dumme Volk. Und seine Kinder sollten mal kluge Menschen werden, die nicht der Kirche und dem Papst auf den Leim gingen, sie sollten auf ihre eigene Kraft vertrauen und auf ihren eigenen Kopf. Deshalb würden sie auch keine schlechteren Menschen werden, jopp tui matsch. Jo hatte alles begriffen, nur dieses „jopp tui matsch", was hieß denn das?
Der neue Pappi lachte. „Das ist Russisch. So fluchen sie in Russland." Er kannte noch allerhand andere Flüche. „Einer schlimmer als der andere", sagte die Mutter. „Fluch nicht vor dem Kind."
Großmutter, als Jo ihr erzählte, dass es keinen Gott gibt, war entsetzt: „Aber Kind, wie kann man das einem so jungen Menschen bloß beibringen! Sowas Verantwortungsloses! Wie willst du denn durchs Leben kommen - ohne Gott? Komm heute mal mit in die Kirche, ich zeig dir, dass es Gott gibt. Und außerdem steht es in der Bibel."
Jo ging mit zur Kirche. Sie kannte Pfarrer Neubert schon lange, er war ein freundlicher Mann, der ihr manchmal einen Keks und bunte Bildchen zugesteckt hatte. Der Weg zu Großmutters Kirche war weit, und als sie ankamen, war der Gottesdienst fast beendet.
„So gedenken wir denn der Toten des schrecklichsten aller Kriege", sagte Pfarrer Neubert am Altar und warf einen strengen Blick auf die Neuankömmlinge, „die wie unser Herr Jesus Christus ihr Leben gegeben haben für uns Sterbliche in diesem Jammertal und die wir nur mit Gottes Hilfe würdig sind, dieses Geschenk anzunehmen. Amen."
In den Bänken saßen ein paar alte Frauen. „Amen", sagten sie.
„Wir singen jetzt ‚Christlicher Glaube und christliches Leben‘, liebe Gemeinde, Seite 243."
Er begann zu singen:
„Durch Adams Fall ist ganz verderbt
menschlich Natur und Wesen
ohn Gottes Trost, der uns erlöst
hat von dem großen Schaden,
darein die Schlang Eva bezwang,
Gotts Zorn auf sich zu laden."
Die alten Frauen bewegten die Münder, Großmutter sang mit kräftiger Altfrauenstimme, sie schloss halb ihre Augen. Das Lied hatte viele Strophen, und als der Gesang an die Stelle gekommen war: „... durch unsern Herrn Jesum Christum, deinen Sohn, der mit dir und dem Heiligen Geiste lebet und regieret von Ewigkeit zu Ewigkeit.", seufzte sie aus voller Brust. „Warum singst du nicht mit? Du kennst das Lied doch", sagte sie zu Jo.
Jo konnte ihr nicht erklären, dass sie, egal, was sie tat, irgend jemanden verraten müsse: entweder sie, die Großmutter, oder den neuen Pappi. Deshalb probierte sie es, keine Verräterin zu werden, indem sie zwar mit der Großmutter in die Kirche ging, aber nicht mitsang, keiner von beiden konnte ihr so einen Vorwurf machen.
„Wo ist denn nun Gott?", fragte sie. „Du wolltest ihn mir zeigen."
Großmutter wurde ernst. „Man kann ihn nicht sehen, man muss ihn spüren, er ist überall, vorn am Altar, in der Kerze, sogar in der Luft, in mir, in dir, in jedem Menschen", sagte sie. „Der gottlose Schubiak, dein sogenannter Vater, ist nur zu dumm, das zu begreifen. Das hat er in Russland gelernt."
Es war schon früher Nachmittag, als sie nach Hause kamen. Großvater empfing sie wütend. „Wie lange soll ich noch warten, bis du Jule dich um deinen Mann kümmerst! Jeden Tag in die Kirche latschen, Pfaffe hier, Pfaffe da - aber zu Hause sitzt dein Mann und schiebt Kohldampf! Ab heute geht es nur noch sonntags in die Kirche! Basta!"
Jo dachte nach: Wer nicht in die Kirche ging und Gott nicht in sich spüren wollte, war ein gottloser Schubiak wie der neue Pappi. Aber Großvater? Der wollte doch auch nicht Gott in sich spüren, der ging nie zur Kirche und las auch nicht in der Bibel. War der auch ein gottloser Schubiak? Und warum war er dann Großmutters Mann?
Abends, wenn sie in dem alten Kinderbett in der Küche lag und betete, wartete sie darauf, Gott in sich zu spüren. Aber sie spürte ihn nicht. Nur das Knie tat weh, das spürte sie. Das kam davon, dass das Bett zu kurz war, und vom Wachsen, hatte der neue Pappi ihr erklärt. Im Herbst werde sie eingeschult. Bis dahin würde er ein neues Bett auftreiben müssen.
Sie konnte schon das Vaterunser. Großmutter hatte es ihr so lange vorgesprochen,
bis sie es auswendig aufsagen konnte. Jeden Abend vor dem Einschlafen flüsterte sie es, in der Hoffnung, eines Tages Gott doch noch in sich spüren zu dürfen. Sie war gerade bei „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern", als sie zusammenschreckte: Der neue Pappi stand neben ihrem Bett.
„Was flüsterst du denn da?"
„Nichts. Gar nichts."
„Aber ich habe doch ganz deutlich gehört, dass du geflüstert hast. Seit wann wird denn bei Borkmanns gebetet?"
„Ich habe gesprochen, nur so, mit mir selbst ..."
„Red keinen Unsinn, ich habe doch alles verstanden! Also, woher hast du das?"
„Von ... , aber schimpf nicht, von Oma. Sie hat gesagt, wenn ich jeden Abend bete, werde ich Gott in mir spüren."
„Gott! Simplicius! Heiliger Bimbam! Dass ich nicht lache! Das kann auch bloß auf dem Mist von denen da unten wachsen! Also, mein Fräulein, ab jetzt: Noch ein einziges Gebet, und du lernst mich kennen! Hast du verstanden?"
„Ja, hab ich."
„Na, dann verstehen wir uns ja."
Am nächsten Morgen kam die Mutter in die Küche gestürzt. „Was war denn hier gestern abend los? Was hast du angestellt? Es ist wegen dir. Die brüllen sich bei Muttern an wie die Kesselflicker!"
Jetzt hörte Jo es auch: Der neue Pappi und der Großvater schrien sich an. Es schallte durchs ganze Treppenhaus. Sie verstand nicht, worum es ging. „Vielleicht", mutmaßte sie, „wegen dem Vaterunser gestern abend?"
„Himmel, meine Mutter. Ihr Frommtun! Und du? Lass die Beterei, Jo. Das bringt bloß Unglück. Aber dass der Helmut gleich so auf die Pauke hauen muss! Herrje, und mein Vater, der Stinkstiebel! Die schlagen sich die Köpfe ein!" Sie lief die Treppe hinunter.
Jo stand an der Tür. Sie lauschte. „Du hirnverkleisterter Stalinanbeter! Du vaterlandsloser Bolschewist!", hörte sie Großvater brüllen. „Du verdammter, störrischer Stehkragenprolet!", die Antwort des neuen Pappi. Polternde Schritte auf der Treppe. Jo huschte ins Bett zurück.
„Dem hab ich es aber gegeben!" Der neue Pappi schnaufte. „Wo gibt es denn sowas!
Mir das Kind mit dem Pfaffenkram versauen! Wenn ich dich noch mal beim Beten erwische! Die Neussens da unten existieren nicht mehr! Merk dir’s! Ein für allemal!"
Jo kroch unter das Bettdeck.
Wenn sie nur wüsste, wer recht hatte: Großmutter oder der neue Pappi. Sie trat ans Küchenfenster, barfuß und im Nachthemd. Am Himmel war außer Wolken nichts zu sehen. Sicher hatte der neue Pappi recht, da oben konnte doch niemand sitzen. Der würde runterfallen, der müsste sich schon an den Wolken festhalten. Aber Großmutter hatte gesagt, man könne Gott nicht sehen.Verflixt, wer hatte denn nun recht?
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