Fleiss, Hanna

Sonntag, 19. april 2009 7 19 /04 /2009 08:04

Wieder wurde es Sommer. Jo war jetzt sieben Jahre alt. Tagsüber, wenn der neue Pappi auf der Arbeit war, ging sie zur Großmutter. Heimlich, die Mutter bangte, dass er es eines Tages erfahren würde. Das kleinste Missgeschick, eine Unachtsamkeit - und der Teufel wäre bei Borkmanns los. Aber Jo war geschickt geworden. Wenn der neue Pappi fragte, was sie den Tag über angestellt hatte, hatte Jo sich allerhand Ausreden zurechtgelegt: auf der Straße gespielt, mit der Mutter einkaufen gewesen, mit Veronika gespielt, der Mutter in der Küche geholfen.

Großvater murrte. „Du, Jule", Großvater winkte Jo gefährlich mit dem kleinen Finger, „du kannst deinem Großmaul sagen, wir füttern hier sein angeheiratetes Balg durch. Das kostet was." Das Großmaul, das war der neue Pappi. Und das angeheiratete Balg, das war sie, Jo.

Großmutter ging jetzt fast jeden Tag zur Kirche. Öfter nahm sie die Enkelin mit. Jo lernte beten und Kirchenlieder singen. Als sie noch bei der Großmutter wohnte, hatte sie schon Kindergebete gelernt: „Ich bin klein, mein Herz ist rein, du bist mein Gott, ich will immer artig sein."

Großmutter las in der Bibel, während das Mittagessen auf dem Feuer brodelte. Und sie erzählte der Enkelin, wie es war, als Gott die Menschen schuf: Er nahm einen Klumpen Lehm, und so entstand Adam. Und dann operierte er Adam eine Rippe heraus, das war Eva. Sie erzählte auch, wie Gott die Erde erschaffen hatte und das Weltall: in sechs Tagen.

Jo war skeptisch. Manchmal dachte sie, die Großmutter nehme sie nicht mehr ernst. Die Geschichte von Adam und Eva zum Beispiel, das war doch ein Märchen. Was sollte sie mit Märchen, sie war doch schon groß, und sie wusste, wie Menschen gemacht werden, Ingo hatte es ihr erklärt: mit Schweinereien, und nicht im Garten Eden, sondern nachts, im Bett.

Der neue Pappi hatte gesagt, im Himmel gibt es keinen Gott, nur Wolken, und die sind für das Wetter zuständig, aber nicht für einen alten Mann mit langem Bart. Und Engel gebe es schon gar nicht. Gott, das sei nur was für Bekloppte, eine Droge fürs dumme Volk. Und seine Kinder sollten mal kluge Menschen werden, die nicht der Kirche und dem Papst auf den Leim gingen, sie sollten auf ihre eigene Kraft vertrauen und auf ihren eigenen Kopf. Deshalb würden sie auch keine schlechteren Menschen werden, jopp tui matsch. Jo hatte alles begriffen, nur dieses „jopp tui matsch", was hieß denn das?

Der neue Pappi lachte. „Das ist Russisch. So fluchen sie in Russland." Er kannte noch allerhand andere Flüche. „Einer schlimmer als der andere", sagte die Mutter. „Fluch nicht vor dem Kind."

Großmutter, als Jo ihr erzählte, dass es keinen Gott gibt, war entsetzt: „Aber Kind, wie kann man das einem so jungen Menschen bloß beibringen! Sowas Verantwortungsloses! Wie willst du denn durchs Leben kommen - ohne Gott? Komm heute mal mit in die Kirche, ich zeig dir, dass es Gott gibt. Und außerdem steht es in der Bibel."

Jo ging mit zur Kirche. Sie kannte Pfarrer Neubert schon lange, er war ein freundlicher Mann, der ihr manchmal einen Keks und bunte Bildchen zugesteckt hatte. Der Weg zu Großmutters Kirche war weit, und als sie ankamen, war der Gottesdienst fast beendet.

„So gedenken wir denn der Toten des schrecklichsten aller Kriege", sagte Pfarrer Neubert am Altar und warf einen strengen Blick auf die Neuankömmlinge, „die wie unser Herr Jesus Christus ihr Leben gegeben haben für uns Sterbliche in diesem Jammertal und die wir nur mit Gottes Hilfe würdig sind, dieses Geschenk anzunehmen. Amen."

In den Bänken saßen ein paar alte Frauen. „Amen", sagten sie.

„Wir singen jetzt ‚Christlicher Glaube und christliches Leben‘, liebe Gemeinde, Seite 243."

Er begann zu singen:

„Durch Adams Fall ist ganz verderbt

menschlich Natur und Wesen

ohn Gottes Trost, der uns erlöst

hat von dem großen Schaden,

darein die Schlang Eva bezwang,

Gotts Zorn auf sich zu laden."

Die alten Frauen bewegten die Münder, Großmutter sang mit kräftiger Altfrauenstimme, sie schloss halb ihre Augen. Das Lied hatte viele Strophen, und als der Gesang an die Stelle gekommen war: „... durch unsern Herrn Jesum Christum, deinen Sohn, der mit dir und dem Heiligen Geiste lebet und regieret von Ewigkeit zu Ewigkeit.", seufzte sie aus voller Brust. „Warum singst du nicht mit? Du kennst das Lied doch", sagte sie zu Jo.

Jo konnte ihr nicht erklären, dass sie, egal, was sie tat, irgend jemanden verraten müsse: entweder sie, die Großmutter, oder den neuen Pappi. Deshalb probierte sie es, keine Verräterin zu werden, indem sie zwar mit der Großmutter in die Kirche ging, aber nicht mitsang, keiner von beiden konnte ihr so einen Vorwurf machen.

„Wo ist denn nun Gott?", fragte sie. „Du wolltest ihn mir zeigen."

Großmutter wurde ernst. „Man kann ihn nicht sehen, man muss ihn spüren, er ist überall, vorn am Altar, in der Kerze, sogar in der Luft, in mir, in dir, in jedem Menschen", sagte sie. „Der gottlose Schubiak, dein sogenannter Vater, ist nur zu dumm, das zu begreifen. Das hat er in Russland gelernt."

Es war schon früher Nachmittag, als sie nach Hause kamen. Großvater empfing sie wütend. „Wie lange soll ich noch warten, bis du Jule dich um deinen Mann kümmerst! Jeden Tag in die Kirche latschen, Pfaffe hier, Pfaffe da - aber zu Hause sitzt dein Mann und schiebt Kohldampf! Ab heute geht es nur noch sonntags in die Kirche! Basta!"

Jo dachte nach: Wer nicht in die Kirche ging und Gott nicht in sich spüren wollte, war ein gottloser Schubiak wie der neue Pappi. Aber Großvater? Der wollte doch auch nicht Gott in sich spüren, der ging nie zur Kirche und las auch nicht in der Bibel. War der auch ein gottloser Schubiak? Und warum war er dann Großmutters Mann?

Abends, wenn sie in dem alten Kinderbett in der Küche lag und betete, wartete sie darauf, Gott in sich zu spüren. Aber sie spürte ihn nicht. Nur das Knie tat weh, das spürte sie. Das kam davon, dass das Bett zu kurz war, und vom Wachsen, hatte der neue Pappi ihr erklärt. Im Herbst werde sie eingeschult. Bis dahin würde er ein neues Bett auftreiben müssen.

Sie konnte schon das Vaterunser. Großmutter hatte es ihr so lange vorgesprochen,

bis sie es auswendig aufsagen konnte. Jeden Abend vor dem Einschlafen flüsterte sie es, in der Hoffnung, eines Tages Gott doch noch in sich spüren zu dürfen. Sie war gerade bei „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern", als sie zusammenschreckte: Der neue Pappi stand neben ihrem Bett.

„Was flüsterst du denn da?"

„Nichts. Gar nichts."

„Aber ich habe doch ganz deutlich gehört, dass du geflüstert hast. Seit wann wird denn bei Borkmanns gebetet?"

„Ich habe gesprochen, nur so, mit mir selbst ..."

„Red keinen Unsinn, ich habe doch alles verstanden! Also, woher hast du das?"

„Von ... , aber schimpf nicht, von Oma. Sie hat gesagt, wenn ich jeden Abend bete, werde ich Gott in mir spüren."

„Gott! Simplicius! Heiliger Bimbam! Dass ich nicht lache! Das kann auch bloß auf dem Mist von denen da unten wachsen! Also, mein Fräulein, ab jetzt: Noch ein einziges Gebet, und du lernst mich kennen! Hast du verstanden?"

„Ja, hab ich."

„Na, dann verstehen wir uns ja."

Am nächsten Morgen kam die Mutter in die Küche gestürzt. „Was war denn hier gestern abend los? Was hast du angestellt? Es ist wegen dir. Die brüllen sich bei Muttern an wie die Kesselflicker!"

Jetzt hörte Jo es auch: Der neue Pappi und der Großvater schrien sich an. Es schallte durchs ganze Treppenhaus. Sie verstand nicht, worum es ging. „Vielleicht", mutmaßte sie, „wegen dem Vaterunser gestern abend?"

„Himmel, meine Mutter. Ihr Frommtun! Und du? Lass die Beterei, Jo. Das bringt bloß Unglück. Aber dass der Helmut gleich so auf die Pauke hauen muss! Herrje, und mein Vater, der Stinkstiebel! Die schlagen sich die Köpfe ein!" Sie lief die Treppe hinunter.

Jo stand an der Tür. Sie lauschte. „Du hirnverkleisterter Stalinanbeter! Du vaterlandsloser Bolschewist!", hörte sie Großvater brüllen. „Du verdammter, störrischer Stehkragenprolet!", die Antwort des neuen Pappi. Polternde Schritte auf der Treppe. Jo huschte ins Bett zurück.

„Dem hab ich es aber gegeben!" Der neue Pappi schnaufte. „Wo gibt es denn sowas!

Mir das Kind mit dem Pfaffenkram versauen! Wenn ich dich noch mal beim Beten erwische! Die Neussens da unten existieren nicht mehr! Merk dir’s! Ein für allemal!"

Jo kroch unter das Bettdeck.

Wenn sie nur wüsste, wer recht hatte: Großmutter oder der neue Pappi. Sie trat ans Küchenfenster, barfuß und im Nachthemd. Am Himmel war außer Wolken nichts zu sehen. Sicher hatte der neue Pappi recht, da oben konnte doch niemand sitzen. Der würde runterfallen, der müsste sich schon an den Wolken festhalten. Aber Großmutter hatte gesagt, man könne Gott nicht sehen.Verflixt, wer hatte denn nun recht?

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Samstag, 11. april 2009 6 11 /04 /2009 08:00

Die letzte Untersuchung beim Arzt. „Gratuliere", sagte er, „du bist wieder völlig gesund. Aber um den Lebertran, junges Fräulein, um den kommst du nicht herum. Wir geben dir eine Flasche mit." Er lachte gutmütig.

Es ging ans Kofferpacken. Die Schwestern halfen den kleineren Kindern, Jo war jetzt alt genug, um ohne Hilfe auszukommen. Alles zwitscherte und lachte: Es geht nach Hause!

Nur Jo lachte nicht. Sie stand am Fenster und sah ein letztes Mal auf das Meer hinaus.

Meer, Meer, dir ist es egal, wer an deinem Ufer weint. Deine Wellen werden wie eh und je in die Brandung schlagen, wie eh und je werden die Möwen kreischen. Nur ich, Jo, bin dann nicht mehr hier.

„Jo, komm schon, anstellen! Es geht los." Mariechen schien noch zarter geworden zu sein. Auch sie würde aus Jos Leben verschwinden. Jo gab ihr einen Kuss. „Falls wir auseinandergerissen werden. Du fährst nach Köln und ich nach Berlin. Ich schreib dir, sobald ich schreiben kann. Wirst du mir schreiben? Merk dir meine Adresse: Berlin, Kellerstraße 11."

Diesmal wurde Jo nicht seekrank. Die Rückfahrt kam ihr kürzer vor als die Hinfahrt, der Schaukelzauber war weg. Kaum auf dem Schiff, und schon kam Hamburg in Sicht. Der Zug fuhr ein. Die Kinder wurden eingeteilt, wie Jo es geahnt hatte: Die Berliner in einem Wagen, die westdeutschen Kinder in einem anderen. Unterwegs würde der Zug getrennt, sagten die Schwestern.

 

Mariechen weinte. Sie umarmte die Freundin. „Ich schreib dir, Ehrenwort!" Dann war sie in der Mädchengruppe untergetaucht.

Jo saß am Fenster. Sie war traurig. Alles, was sie sah, sah sie heute zum letzten Mal: Das Meer, Mariechen, das Schiff, wieder das Meer, den Zug. Warum? Die Landschaft flog vorüber, Felder, Wälder, zerstörte Städte. Die Dampflok prustete, sie hatte es heute eilig.

Es war schon dunkel, als der Zug Berlin erreichte. Alle schrien und lachten, sie hatten ihre Verwandten auf dem Bahnhof gesehen und winkten. Jo wartete, bis die Drängelei vorbei war, dann stieg sie ganz langsam aus. Sie sah sich um: Die Großmutter war nirgends zu entdecken.

Aber da, die Mutter! Und Onkel Fred war dabei, der andere Borkmann-Sohn, den sie kaum kannte.

Die Mutter stürzte auf sie zu, umarmte und küsste sie. „Mein Gott, was bist du groß geworden. Und dick! Sieh mal, wen ich mitgebracht habe. Eine schöne Überraschung."

Jo gab Onkel Fred die Hand und machte einen Knicks. „Guten Tag, Onkel Fred", sagte sie.

Onkel Fred lachte. Er lachte so sehr, dass ihm die Tränen kamen. Jo verstand nicht: „Warum lachst du?"

Onkel Fred lachte noch immer. „Aber Jo", auch die Mutter lachte, „das ist doch nicht ..."

Onkel Fred unterbrach sie: „Warte, sag nichts. Vielleicht kommt sie von selbst drauf, wer ich bin."

„Du bist nicht Onkel Fred? Du schwindelst. Klar, du bist Onkel Fred, ich weiß doch, wie der aussieht."

Onkel Fred stellte sich vor Jo hin. „Sieh mich mal genau an. Wer bin ich?"

„Onkel Fred."

„Nein, ich bin nicht Onkel Fred, ich bin ..." Die Mutter fiel ihm ins Wort: „Aber das ist doch, das ist doch, Jo – das ist der Pappi! Erkennst du ihn denn nicht? Du hast doch sein Foto gesehen, es steht auf dem Vertiko."

Jo wollte es nicht glauben. „Du bist nicht Onkel Fred? Du bist der Mann auf dem Foto, der mit dem Stahlhelm? Aber du siehst doch aus wie Onkel Fred. Wie kommt denn das, man kann euch ja verwechseln, seid ihr Zwillinge?"

„Zwillinge!" Onkel Fred lachte. „Du machst mir Spaß. Sag Pappi zu mir, ich bin doch nicht mein eigener Bruder. Ich bin dein Pappi."

„Der aus Russland? Und ich soll Pappi zu dir sagen?"

„Willst du mir keinen Kuss geben?" Der neue Pappi breitete die Arme aus.

„Nein." Jo sah misstrauisch zu ihm auf.

Die Mutter mischte sich ein. „Sei nicht bockig, gib dem Pappi einen Kuss. Mach schon. Wir müssen nach Hause."

„Und wo ist Oma? Warum ist sie nicht mitgekommen?"

Die Mutter schwieg. „Du gehst nicht mehr zu deiner Oma", sagte der neue Pappi. „Du wohnst jetzt bei uns. Wir sind eine Familie und Mutters Vater eine andere."

Nicht mehr zu Oma gehen! Zu ihrer Oma! Während der S-Bahn-Fahrt sah Jo wütend zu ihm hinüber. Er beachtete sie nicht, sondern sprach mit der Mutter. Dass er aber auch so aussah wie Onkel Fred! Wie die Zwillinge Wolfgang und Peter, die man nur unterscheiden konnte, wenn sie beieinander waren.

Das Haus Nummer elf schlief schon. Alles war wie immer, nichts hatte sich verändert. Es roch auch wie immer: nach Kohlengrus aus dem Keller, ein bisschen muffig, nach den Klos auf der Treppe. Sogar die Stelle im Treppenhaus, wo Jo ein Männchen in den Wandputz geritzt hatte, sah aus wie immer. Jo fuhr mit der Hand darüber hinweg: Guten Abend, Männeken.

 

„Darf ich bei Oma klingeln?", fragte sie.

„Oma schläft schon. Deine Sachen sind alle schon oben, bei uns in der Wohnung." Die Mutter schloss die Wohnungstür auf.

„Du schläfst in der Küche", sagte sie. „In der Stube ist kein Platz für dein Kinderbett."

„Aber ich bin doch schon viel zu groß! Da passe ich gar nicht mehr rein."

„Red nicht, sondern zieh dich aus. Morgen früh erzählst du, wie es in Wiek auf Föhr war.

Wir sind müde heute abend. Veronika schläft schon."

„Aber morgen früh darf ich zu Oma gehen?"

„Darüber reden wir noch", sagte die Mutter. „Aber dass der Pappi das nicht mitkriegt."

„Warum nicht?"

„Frag nicht. Es hat Krach gegeben. Dass du mir nicht noch mehr Ärger machst. Morgen früh, wenn der Pappi zur Arbeit geht, erzähl ich dir alles. Und jetzt gut Nacht."

Jo lag in ihrem alten Kinderbett. Es war wirklich schon zu klein geworden, sie musste die Beine anwinkeln. Sie dachte an all das Neue, das an diesem Tag auf sie eingestürmt war: Die Fahrt nach Berlin, Mariechen, die Schwestern, das Lachen der Kinder. Und heute morgen noch war sie an der Nordsee gewesen. Und - natürlich würde sie zu Oma gehen! Es hatte Krach gegeben. Warum? Jo kamen die Tränen, alles war verloren: die Nordsee, Mariechen, und jetzt auch noch Oma. Und den neuen Pappi? Den brauchte sie nicht, was wollte er hier?

Am nächsten Morgen, der neue Pappi war schon zur Arbeit gegangen, saß Jo mit der Mutter und Veronika beim Frühstück am Tisch in der Stube.

„Plötzlich stand er vor der Tür", sagte die Mutter. „Ich habe ihn kaum wiedererkannt. Er ist so dünn geworden. Ach ja. So war das, als er ..."

Der neue Pappi interessierte Jo nicht. „Warum hat es Krach gegeben?", fragte sie. „Du wolltest es mir heute morgen erzählen. Warum darf ich nicht mehr bei Oma sein?"

„Nicht so energisch, meine Tochter."

Jo starrte die Mutter trotzig an. „Ich gehe aber wieder zu Oma. Ich wollte ihr Muscheln mitbringen, aber wir durften nicht an den Strand. Ich will ihr guten Tag sagen. Ich versteh das nicht."

„Naja, der Krach ... also, ich weiß nicht, ob du das schon verstehst. Pappi war in Russland, in Gefangenschaft."

„Na und? Das weiß ich doch."

„Aber er – also wenn Krieg ist, wenn die Menschen sich totschießen, wenn also ... Nein, das verstehst du noch nicht."

„Ich weiß schon, was Krieg ist. Wenn Bomben fallen und wir in den Bunker rennen müssen."

„Aber Pappi war Soldat, und er wollte kein Soldat sein. Er musste auf Leute schießen, die er gar nicht erschießen wollte. Und da ist er hingegangen zu den fremden Soldaten, zu den Russen, und hat gesagt: Ich ergebe mich."

„Ach so. Dann wollte er nicht schießen?"

„Er wollte, dass der Krieg zu Ende geht. Verstehst du?"

„Aber das ist doch gut! Ich wollte auch, dass der Krieg zu Ende geht. Im Bunker war es so kalt. Und die schrecklichen Sirenen ..."

„Und dann musste ich zur Gestapo. Erst war er ja nur vermisst. Aber irgendwie, weiß der Himmel, ist rausgekommen, dass er Überläufer ist."

„Gestapo? Was ist das?"

„Kind, dir das zu erklären ... Sie haben eine Haussuchung gemacht, hier bei uns, vierundvierzig. Du warst damals noch ganz klein."

„Die Gestapo – das waren Soldaten?" Jo überlegte. Ja, da war etwas gewesen, ... Soldaten, ja, einmal, als sie noch ganz klein war, sie lag im Bett, es war Nacht, Geschrei, uniformierte Männer in der Wohnung, Mutti weinte, sie stand am Ofen, ganz in die Ecke gedrückt ...

Plötzlich tat ihr die Mutter leid. „Aber verhaftet haben sie uns nicht", sagte sie, und ihre Stimme war zärtlich geworden.

„Und dann musste ich hin, zur Gestapo. Aber ich hatte Glück. Der Gestapomann war einer aus meiner Klasse. Er hat den Fall vertuscht. Sie hätten uns alle ins KZ gebracht: mich, meinen Vater, meine Mutter, Siggi, alle. Dich auch."

„Aber warum darf ich deshalb nicht mehr zu Oma?"

„Herrgott, dein Opa, Jo! Ein oller Hartschädel, ein Holzklotz wie aus dem Buche! In den geht nichts mehr hinein! Verräter, hat er Pappi beschimpft. Bringst die ganze Familie ins KZ, hatte er damals gesagt, zu mir, seiner eigenen Tochter. Mein eigener Vater. Und zu meinem Mann, der gerade aus Russland kommt ..."

„Aber warum Verräter? Was soll er denn verraten haben? Und deshalb darf ich nicht mehr zu Oma? Und was ist das – ein KZ? Ein Kinderheim?"

„Frag nicht. Das wirst du später alles erfahren. Wenn du größer bist."

„Aber ich will zu Oma gehen!"

„Dann geh. Sie ist schließlich meine Mutter. Aber ich weiß von nichts."

Jo sprang vom Tisch auf. „Ich geh gleich. Sie wartet, dass ich klingle. Aber dass ich keine Muscheln mitgebracht habe ..."

Die Treppen herunterfliegen, klingeln, brrr, brrr, klingeln, klingeln – alles eins.

„Oma! Oma! Ich bin wieder da! Meine Oma!"

Großmutter riss die Enkelin an sich. Großmutter schluchzte, Jo schluchzte. Ihr Gesicht war tränennass, von ihren Tränen und den Tränen der Großmutter.

„Komm erst mal in die Stube ..." Großmutter wischte sich die Tränen mit der flachen Hand ab. „Ich altes Weib, hab am Wasser gebaut ... Komm, Nase putzen ... "

Omas Stube ... Jo schwebte hinein. Wieder zu Hause. Endlich.

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Mittwoch, 8. april 2009 3 08 /04 /2009 12:37

Der Winter verging mit Spritzen, Lebertran und Stürmen vor den Fenstern. Die Nordsee kam mit großen Wellen, sie spritzten die Fensterscheiben voll. Doch eines Tages schien wieder die Sonne, der Sturm war zu anderen Meeren weitergezogen. „Alles die Mäntel anziehen! Los, los! Wir gehen spazieren!" Die Schwestern klatschten in die Hände.

Spazieren. Jos Herz hüpfte vor Freude. Endlich an den Strand dürfen. Endlich das Meer sehen, es riechen, so wie es damals gerochen hatte, am Steg in Hamburg: nach Schlick, nach Kieselsteinen, nach Muscheln. Das Wasser mit den Händen schaufeln, es sollte salzig sein. Und weich wie Butter, sagten die großen Mädchen.

„Zweierreihen, an die Hände fassen! Und dass ihr euch benehmt wie die Weihnachtsengel. Sonst denken die Leute, hier kommt eine Horde Hottentotten!"

Mariechen lief neben Jo. Vor ihr unterhielten sich zwei große Mädchen über ihre Väter.

„Meiner ist ein Baron", sagte die eine. Die andere kicherte. „Und meiner Fürst Kacke."

Jo mischte sich ein. „Das ist noch gar nichts! Meiner ist der Kaiser von Amerika!"

Mariechen sah stolz zu ihr auf.

„Du spinnst ja, in Amerika gibt es doch gar keinen Kaiser", sagte die mit dem Fürst-Kacke-Vater.

„Selber spinnen macht fett. Ich bin sogar eine Prinzessin aus Chikago." Ingo hatte von Chikago geschwärmt, dort lebten nichts als Revolvermänner, hatte er gesagt, so als ob er selbst ein Revolvermann sei, und so stolz, als ob ihm dieses Chikago gehöre.

Das Mädchen blieb stehen. „Und wo hast du deine Krone?"

Jetzt war Jo in Verlegenheit. Schnell sagte sie: „Der Koffer war zu voll. Sie hat nicht mehr reingepasst."

Das Mädchen wusste keine Antwort, die Jo übertrumpfen konnte. „So was Verlogenes übersehe ich doch glatt", sagte sie abschätzig.

Mariechen schmiegte sich an Jo. Sie war sehr stolz auf die Freundin. „Eine richtige Prinzessin?", fragte sie. „Klar", sagte Jo.

Der Ort war klein, die Häuser waren klein, ein paar gepflasterte und ungepflasterte Straßen.

Leute standen am Straßenrand, sie ärgerten sich über die Heimkinder. Die Obstbäume standen weiß im Hochzeitskleid da, wohin das Auge blickte, nichts als Wiesen, grün, grün, grün. Ein paar helle Punkte darauf, weit entfernt. Die Punkte bewegten sich. „Das sind Kühe", sagten die Kinder.

„Weißt du, was Kühe sind?", fragte Jo. Mariechen hob die Schultern. Auf dem Weg lagen grüne Flatschen. „Kuhfladen", wussten einige. Wie kamen diese Kuhfladen hierher, mitten auf den Weg? Und was war das für ein Wort: Kuhf? Was ein Laden war, wusste Jo. Aber Kuhf? Mit einem Laden hatte dieses Kuhf wohl nichts zu tun.

Sie kamen an ein Bauernhaus. Der Bauer führte die Kinder in den Stall. Es stank, sie hielten sich die Nase zu. „Es muss stinken im Stall", sagte der Bauer. „Und das hier ist meine Mastsau." Ein kugelrundes, rosiges Tier, es hatte eine dicke Nase, zwei große Löcher darin. Jo stand vor dem Gitter und dachte nach: Der Bauer hatte Sau gesagt, so etwas sagte man nicht. Jos Begeisterung für die Freundlichkeit des Bauern sank.

Weiter ging der Spaziergang. Wieder Wiesen, strahlendblauer Himmel darüber, Insekten summten. Irgendwo zwitscherten Vögel. Die Kinder waren still geworden. Alle genossen das schöne Wetter, viele waren erschöpft, manche maulten, sie wollten zurück ins Heim.

„Der Deich!", wurde vorn geschrien. Jo wollte den Deich sehen, sie drängelte, Mariechen an der Hand, nach vorn. Die Kinder bestaunten den Deich. Es waren Steine, gemauerte, blanke Steine, die Insel machte an dieser Stelle einen Bogen. Das Meer schlug wütend mit seinen Wellen an den Deich. Schaum. Wie der Geifer der Brauereipferde in Herrn Kluges Schmiede.

Jo war begeistert, sie lief nach vorn. Sie breitete die Arme aus, Wellen und Geifer bespritzten sie, der Wind umwehte sie. „Hier ist die Welt zu Ende", rief sie. „Huhu, das Ende der Welt!"

Und der Wind trug ihre Worte davon, weit, weit über das Meer. Der Himmel schwieg in seinem Blau. Er war wohl derselben Meinung.

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