Sonntag, 11. mai 2008

Streit und Widerstreit

Horst Schneider »Hysterische Historiker Vom Sinn und Unsinn eines verordneten Geschichtsbildes“ Verlag Wiljo Heinen, Böklund 2007,3o4 Seiten, brosch., ISBN 978-3-939828-14-3, 12,00€

 

Ein Stabreim im Buchtitel - wenn das keinen harmonisierenden Zusammenklang eines wechselvollen Inhalts bedeutet. dann ist’s die notwendige Ironie, mit der man sich heutiger Geschichtsschreibung nähern sollte. Vom Sinn und Unsinn eines verordneten Geschichtsbildes« handelt die Streitschrift des Dresdner Historikers Horst Schneider und zielt auf die sich objektiv und  wissenschaftlich gebende Geschichtsdarstellung der DDR im heutigen  „einig Vaterland«. Wer die Flut der Publikationen zum verflossenen Staat auf deutschem Boden überschaut, findet eine  Geschichtslandschaft. die von Diktatur  und Stasi.von Unrechtsstaat und trutzigem Widerstand dagegen, von Nischen und Ampel- oder Sandmännchen geprägt ist.

 

Der Autor, jüngst erst 80 geworden, will auf seine alten Tage ein solches Bild nicht dauernd vorgehalten bekommen und wenigstens hie und da ein paar Korrekturen zurechtrücken. Er beginnt Grundlegendem. mit der Gleichsetzung von Nazidiktatur und proklamierter „Diktatur des Proletariats“ in der Rubrik Totalitarismus. Er wählt aus der uferlosen Fülle von Zitaten etliche, deren Grundtenor und verräterischer Höhepunkt das Postulat ist, man dürfe nicht den gleichen Fehler wiederholen, den man gegenüber dem „Dritten Reich“ begangen habe, sondern es gel­te, gründlich mit dem verbreche­rischen System der DDR abzu­rechnen. Diktatur gleich Diktatur. Wenn man sich auf das Niveau von Hubertus Knabe oder Guido Knopp begibt. ersterben ernst­hafte Argumente schon auf der Zunge. Es bedarf äußerster An­strengung. sich Tiraden anzutun. die eigentlich nur umsetzen was Klaus Kinkel 1990. einst Außen­minister und FDP-Vorsitzender, als Ziel formuliert hatte. nämlich alles für die Delegitimierung der DDR zu tun. Joachim Herrmann und Hein Geggel von der SED-Propagandaspitze haben nie sol­che Effektivität erreicht.

Horst Schneiders besonderes Ver­dienst in diesem Umfeld ist die Einbeziehung der BRD-Geschich­te in die konkrete historische Beurteilung gesellschaftlicher Bereiche - von Eigentum über Ideologie bis Erinnerungspolitik. Er zeigt, wie tief greifend die welthistorischen Umstände auf Entwicklung und Politik beider deutschen Staaten gewirkt ha­ben. Die geschenkte Revolution auf dem Gebiet der späteren DDR war vom ersten Augenblick an bedroht, und zwar nicht nur aus Richtung Westen. Das fort­währende Infragestellen der DDR als eigenes Staatswesen brachte Abwehrreaktionen her­vor, die mancher - bis heute - als notwendig erachten mag, die aber das Bild des Aufbruchs ei­nes zukunftsträchtigen Staates der Arbeiter und Bauern bereits damals trübten. Wenn »Linke« heutzutage die Geschichte der DDR »aufarbeiten« (was immer das sein mag), dann suchen sie weitgehend in den internen Ver­hältnissen Fehler und Defizite, die letztlich zum sang- und klanglosen Abgang des sozialistischen Projekts auf deutschem Boden geführt haben.

Als grundlegender Mangel wird unisono das Defizit an Demokra­tie ausgemacht, das je nach Defi­nition des Begriffs leichter oder schwerer zu werten ist. Der Au­tor geht ins konkrete Detail, ver­gleicht Strukturen diesseits und jenseits der Elbe mit den Verhält­nissen der Nazi-Diktatur und kommt zu bemerkenswerten Übereinstimmungen wie Abwei­chungen. In seiner »Abwehrschlacht« gegen die Fälschungen und Unterstellungen von BRD-Geschichtsschreibung und -Po­litik lässt er selbstkritischer Befragung jedoch (vielleicht?) zu wenig Raum. Erklären lässt sich vieles, entschuldigen weniges, ungeschehen machen gar nichts. Alle Diskussionen, die ich mit vor allem jungen Leuten führe, machen sich an konkreten Beispielen fest, wozu nicht zuletzt die Medien beitragen, z. B. mit Filmen wie »Die Frau am Checkpoint Charlie«. Was in der Geschichte zur Fußnote wird, das Einzelschicksal, bestimmt oft genug das Gesamturteil über ganze Epochen. Wirkung - so zeigt es Lessing in seiner »Laokoon«- Abhandlung ist nicht durch Darstellung der historischen Schlachtfelder, sondern durch die »Großaufnahme« des einen Gefallenen zu erreichen. Das hat mit Wissenschaft, mit dem, was wir Geschichte nennen, freilich wenig zu tun. Alles, was an Geschehenem in die Geschichte eingeht, muss erst von ihr überhaupt bemerkt und gefiltert werden. Horst Schneider erläutert in seinem »Ideologie«-Kapitel überzeugend und detailreich, welche Rolle der Geschichtsschreiber spielt, welche Interessen ihn leiten, wessen Brot er isst. Die in den Denkspuren des Totalitaris­mus-Begriffs (letzterer kann seine Herkunft aus der formalen Lo­gik kaum verleugnen) ihr - bei allen Widersprüchen - »gleichge­schaltetes« Geschichtsbild konstruieren, sind den herrschenden Machtverhältnissen vor allem deshalb dienlich, weil sie schon die Träume von einer friedlichen, so­zial gerechten, wirklich mensch­lichen Welt im Voraus delegi­timieren (siehe die aktuelle SPD-Debatte um die schlimmsten Auswüchse der »Agenda 2010«). Was der Autor unter der Über­schrift »Erinnerungspolitik« zu­sammenfasst, bringt die Interes­senlage von Traditionalisten der Kommunismus- bzw. DDR-For­schung West in Gemeinsamkeit mit einer Gruppe »Bürgerrecht­1er« Ost auf den Punkt: Vom Schwerpunkt »Stasi« aus soll die gesamte gesellschaftliche Wirk­lichkeit der DDR in drei Themen­bereiche hineingefiltert werden:

»Herrschaft - Gesellschaft - Wi­derstand«, »Überwachung und Verfolgung« sowie »Teilung und Grenze« Um der medialen Über­macht zu widerstehen, ohne in ein »Schabowski-Trauma« zu ver­fallen oder sich in einer Entschul­digungsspirale zu verfangen, sieht Horst Schneider nur das Genre einer Streitschrift als letz­te Chance, die Attacken der herr­schenden Ideologen abzuweh­ren. Er müht sich mit Begriffs- und Definitionserklärungen, mit Verweisen auf historische Fakten, manchmal mit dem Mut der Ver­zweiflung, an tatsächlichen und bleibenden Werten der deut­schen Arbeiterbewegung zu ret­ten, was noch zu retten ist.

Er gibt vielerlei Denkanstöße für die »Produktivkraft Geschichte«, ohne die eine linke Volksbewe­gung nicht auskommt. In diesem Zusammenhang muss aber noch von etlichen gravierenden Be­harrungsinseln in der Schneider­schen Geschichtsbetrachtung die Rede sein. Er sieht das Ver­ständnis der Gesetzmäßigkeiten geschichtlicher Entwicklung und die revolutionäre Rolle des Pro­letariats darin fast sakrosankt. Doch Niederlage bleibt Nieder­lage Und eine Welt globalisierten Kapitals wirft auch auf die Ver­gangenheit neues Licht, vor allem aber stellt sie für die bewusste Gestaltung von Zukunft neue Fra­gen.

Ich komme noch einmal auf den Begriff und auf die unterschied­liche reale »Aufarbeitung« von DDR-Geschichte vieler „demo­kratischer Sozialisten“. und Tota­litarismus-Aufklärer zurück. Ich kann ein antikes oder sonst wie verschlissenes Möbelstück so »aufarbeiten«, restaurieren, dass es wieder wie neu aussieht. Auf Geschichte angewendet. führt sich solcherlei Bemühung von selbst ad absurdum. Es bedarf der gründlichen Analyse. die nicht in Dokumentengläubigkeit ver­harrt, die das Einzelschicksal als Teil des Ganzen zur Kenntnis nimmt, ohne es für das Ganze zu halten, die Zwänge und Notwen­digkeiten des Handelns durch­leuchtet und unauflösliche Wi­dersprüche als Sterne dauernder Denkanstoßes auf dem Weg der Erkenntnis stehen lässt. Die Teu­felmacher scheitern von vornherein daran, die Heiligenschein­produzenten ebenfalls.

Linkes Denken darf die Erfahrungen aus der DDR-Vergangenheit weder links noch rechts be~ lassen. Was auch immer das Gefängnis des globalisierten Kapitalismus aufbrechen mag. es wird keine Oktoberrevolution mehr sein. Und allen, die das Feh­len von Demokratie zu DDR-Zeiten beklagen, aber auch jenen, die das Vorhandensein von Demokratie im Einheitsdeutschland bejubeln, sei mit Schneiderschem Ungestüm ins Stammbuch geschrieben: Demokratie erfordert Menschen mit der Motivation, sich ihrer Interessen bewusst zu. werden, das heißt als Voraussetzung Bildung und Selbstbewusstsein des Bürgers. Angesichts von Kinderarmut und Hartz IV ist kaum zu leugnen: Demokratie muss man sich leisten können.

 

„Jeder aber lügt, der bewusst im Hörer falsche Vorstellungen und Annahmen erregt, mit dem Willen, daraus Nutzen zu ziehen oder einen Zweck damit zu erreichen.“

Arnold Zweig (1887 -1968), Essays. Erster Band, Berlin 1959, S. 367


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