10. Elegie: ursprünglich Gedicht in Distichen
(Goethe, Römische Elegien)
Saget, Steine, mir an, o sprecht, ihr hohen Paläste!
Straßen, redet ein Wort! / Genius regst du dich nicht?
Ja es ist alles beseelt in deinen heiligen Mauern,
Ewige Roma; nur mir / schweiget noch alles zu still.
O wer flüstert mir zu, an welchem Fenster erblick ich
Einst das holde Geschöpf, / das mich versengend erquickt?
Ahn ich die Wege noch nicht, durch die ich immer und immer
Zu ihr und von ihr zu gehen, / opfre die köstliche Zeit?
…
Special zu Elegie (und Ode): (nach Brockhaus Enzyklopädie, Ergänzungen aus Best, Handb. literarischer Fachbegriffe)
Elegie, v. griech. élegos, Trauergesang (mit Aulosbegleitung [schalmeienart. Instrument])
Gedichtart in Distichen, zuerst verwendet von Archilochos (7. Jh. vuZ.); Inhalt: allgemein moralisch; Kriegslied: Kallinos, Tyrtaios; polit. Gedicht: Solon, Theognis in alexandrini scher Zeit: Phanokles, Philetas, Kallimachos; in abendländischer Überlieferung bedeutsa mer römische Oden: Ovid (Tristitia), Catull, Tibull, Properz; sie legten wehmütigen Grundton der neueren Elegien fest: Klage über Trennung, Tod, Verlust, Sehnsucht nach Unerreichbarem; humanistische Dichtung übernahm antike Form: in Frankreich: Villon, Marot, de Ronsard; in Deutschland: auf Empfehlung von Opitz Distichen durch gereimte Alexandriner ersetzt, nicht Form sondern Klage, wehmütiger Ton bestimmend; Klopstock, in antiker Form Hölty, v.Matthisson; in der Goethezeit gespannt zwischen Idyllischem und Erotischem: Goethe (Römische Elegien, in Distichen; Marienbader Elegie); Streben nach Ideal: Schiller; Erkenntnis der Unvereinbarkeit von Ideal und Wirklichkeit: Hölderlin (Griechenland, Brot und Wein); im 19. Jahrhundert: Platen, Rückert, Mörike, Grillparzer (Tristia ex ponto), Geibel, v. Saar (Wiener Elegie); im 20. Jahrhundert: Rilke (Duineser Elegien), Celan; Gesangstücke lyrisch-wehmütigen, sehnsüchtig-klagenden Inhalts: Schubert, Beethoven, Brahms; auch bei Instrumentalstücken: Liszt, Bartók, Strawinsky u.a. – elegisch: 1. Elegie betreffend¸ 2. wehmütig, voll Schwermut
Ode, v. griech. ode, Gesang, Lied; in griechischer Antike Sammelbegriff für alle zu Musik vorgetragene strophische Dichtung, so Chorlieder in der Tragödie und Chorlyrik, v.a. Pin dars, letztere ohne feste Strophenformen, im lyrischen Einzelgesang (Monodie) hingegen feste Odenmaße (nähere Erläuterungen siehe unten): alkäische Strophe, asklepiadeische Verse (Asklepiades), adonischer Vers, sapphische Strophe; römische Literatur: v.a. Ho raz deutsche :Literatur: Opitz, Fleming, Gryphius, Klopstock entscheidenden Schritt in der Assimilation: Rhythmisierung des deutschen Verses nach Worttakten in Einklang mit der des antiken Verses nach Quantitäten, darüber hinaus schuf er neue Strophenformen bis hin zu freien Rhythmen (Die Frühlingsfeier, Der Zürchersee); in Klopstocks Nachfolge, nicht mehr eindeutige Terminologie und Abgrenzung zur Hymne; Lyrik des jungen Goethe in freien Rhythmen; 2. Höhepunkt in deutscher Dichtung: Hölderlin (An die Parzen, Abendphantasie); im 19. Jahrhundert: Platen , horazische Originalformen; Neubelebung im 20 Jahrhundert: Borchardt, Jünger, Weinheber
Ergänzungen zu Elegie:
alkäische Strophe: (nach Alkaios) Vierzeiler; zwei elfsilbige, ein neunsilbiger und ein zehn silbiger Vers (Beispiele: Klopstock, Hölderlin)
archilochische Strophe: (nach Archilochos) aus zwei Distichen oder Verbindung von Her xameter und Tetrameter
asklepiadeische Verse (Asklepiades): Vierzeiler, zwölfsilbige Asklepiade, siebensilbiger Pherekrateus und achtsilbiger Glykoneus; zumeist: a) zwei Asklepiadeen, ein Pherekrateus und ein Glykoneus; b) drei Asklepiadeen und ein Glykoneus als Endvers
sapphische Strophe: Vierzeiler, drei sapphische Elfsilber () und ein Adoneus (Dipodie aus Daktylus un Trochäus: l - k - k / l - k)
11. Elision: (E., gr. Herausstoßung) Ausstoßung im Wortinneren zwischen zwei Konsonan ten zur Ausspracheerleichterung respektive der Metrik zuliebe, z.B.: meint’ ich statt meinte ich
12 Ellipse: (E., gr. Auslassung) Auslassen von Satzgliedern, ohne daß Zusammenhang ge stört wird, besonders bei ekstatischem Sprechen (Sturm und Drang. Expressionismus)
(Goethe)
Ja, alles flieht mich nun. Auch du! Auch du!
13. Enjambement: s. Brechung
14. Haiku (Hokku): japan. Kettengedicht, 17 Silben in 3 Zeilen mit Silbenverteilung 5, 7, 5
(Matsuo Bascho)
Der uralte Teich.
Von dem Laubfroschsprung erzeugt:
Wasser-plitsch-platsch-laut.
15. Knittel/Knüttelvers: vierhebiger, paarweise gereimter Vers mit männlicher Kadenz
(Goethe, Jahrmarktsfest zu Plundersweilern)
Werd’s rühmen und preisen weit und breit
Daß Plundersweilern dieser Zeit
Ein so hochgelahrter Doctor ziert
Der seine Collegen nicht kujonirt.
Habt Dank für den Erlaubnißschein,
Hoffe ihr werdet zugegen seyn
Wenn wir heut Abend auf allen Vieren
Das liebe Publikum amüsiren.
Ich hoff’ es soll euch wohlbehagen
Geht’s nicht von Herzen, so geht’s vom Magen.
16. Limerick: volkstüml., einstrophiges Gedicht komischen Inhalts, 5 Verse, Reimschema aa bb a, Endzeile bringt meist groteske bis unsinnige Wendung
(Carl Peiser)
Stets trug nur ein Tuch statt des Wamses,
Auch bei Regen, der selige Ramses.
Der Arzt warnt ihn sehr,
Doch er fand kein Gehör,
Zuletzt sprach er nur: „Da ham Se’s!“