Samstag, 12. juli 2008 6 12 /07 /2008 04:55

„Der spinnt! Ganz sicher.“

„Ronny, das glaub ich nich. Wenn sie nun mal gewettet habn!“

„Mensch, Käse, glaubst du im Ernst, dass Kati vor denen strippt? Und hier?“

„Ronny, wenn ich’s doch sage! Max hat das alles ganz genau beschrieben: Fünf Schnecken aus Bünnerwitz in einem Opel Astra. Immer eine nach der anderen raus. Alle in Jeansröcken. Die als erstes runter. Dann die T-Shirts und Schuhe auf ´n Haufen, die Zwillingsmützen zu Fähnchen … Max sind kreuzweise Stielaugen gewachsen; und zum Schluss ham se ihre Strings abgerollt und Max und Eddy zur Erinnerung geschenkt. Max hat Katis String rumgereicht. Ein Duft, ein Duft, sag ich dir!“

„Ach, halt ’s Maul. Wer weiß, wo er den her hatte.“

Trotzdem starrte Ron die leere Straße in Richtung Siedlung, als würden die Mädchen gerade aus ihrem Astra schwirren.

„Kati. Hm ... Glaub ich nicht.“

Der Gefreite Käsich hatte sich eine Zigarette angezündet und bot Ron Feuer an. In der Morgendämmerung war das Rauchen die einzige Abwechslung, die dieser Wachposten bot. Ron sog gierig den Rauch ein. Dabei sah er Käsich vor sich, in dessen Rücken ihre Baracke und die Verlängerung der Straße hinter dem Schlagbaum und Bäume natürlich, viele Kiefern, wie sie für die Heide hier typisch waren. Hunderte, Tausende. Aber irgendetwas an dem Bild war ungewöhnlich. Wenn es nicht so albern gewesen wäre, hätte er Käsich angestoßen und...

Ron drehte sich unruhig weg. Krampfhaft versuchte er das Bild der Puppen aus der Disco auf die Straße zu zaubern. Es misslang. Ruckartig drehte er sich zurück. Da war er wieder, dieser unheimliche Eindruck. Nein anders. Rons Finger umkrampften unbewusst die MPi.

Käsich herrschte ihn an: „Eh, Ronny, was ist denn? Spinnst du?“

„Sieh doch selbst! Guck dir die Bäume an! Fällt dir was auf?“

Käsich starrte jetzt an der Straße entlang zum Bombodrom.

„Meinst du ...?“

„Ich hätte gewettet, vorhin standen die da anders.“

„Hm. Stimmt.“

Auch Käsich hielt sich nun an seiner MPi fest.

„Käse, Mensch! Warum kriegen wir nie die geilen Wetten ab?“

„Ronny, du meinst ...“

„Ich hab zwar noch kein Schwein gesehen, aber wenn da nicht der Spieß dahinter steckt, freß ich mein Koppel. Gebraten und gelocht!“

Ron und Käsich hielten nun ihre Gesichter in Richtung Siedlung, als wäre der Generalangriff des Weltterrorismus oder wenigstens ein Stripperinnenbus angekündigt worden.

„Was machen wir, Ron?“

„Eigentlich ... scheiß auf die Dienstvorschrift ... Am liebsten würd ich ihnen eine Garbe vor den Bug donnern, dass sie Sand fressen vor Schreck.“

Käsich hielt es nicht aus. Vorsichtig schielte er nach hinten. Unwillkürlich verkrampften auch seine Finger an der MPi. Drei der Bäume waren scheinbar bis auf etwa fünfzehn Meter an den Posten herangekommen. Aber um von Menschen angehoben zu werden, waren sie viel zu groß und außerdem ... unten, wo der Stamm aufsetzen müsste, wanden sich armdicke Wurzeln am Boden entlang.

Ron sah das Entsetzen in Käsichs Gesicht, er drehte sich um, hielt die MPI im Anschlag, sah die drei Kiefern als kleine Gruppe in seiner Nähe, aber ihre Wurzeln lagen wie Krakenarme am Boden und regten sich nicht.

Wenn jetzt ein Bus von draußen auf das Bombodrom zu gefahren wäre, die beiden Posten hätten ihn selbst mit Auspuffschaden nicht bemerkt. Beiden kam es so vor, als näherten sich ihnen die Kiefern weiter, aber eine tatsächliche Bewegung war nicht zu erkennen. War das eine Halluzination der überreizten Nerven oder glitten jetzt die Bäume schneckenartig auf sie zu?

Plötzlich drehte Ron durch. Fast wie von allein schossen die Kugeln im Dauerfeuer auf den Stamm der mittleren Kiefer zu. Dumpf hallten die Schüsse im Wald wider. Käsich stand reglos da.

Auf den Krach hin, vielleicht auch, weil eine der Kugeln in den Stamm eingedrungen war, klatschten die Krakenwurzeln wütend auf den nadligen Boden. Vielbeinig rannten die Bäume auf die Männer am Schlagbaum zu. Etwa zwei Meter vor ihnen blieben sie ruckartig stehen. Der mittlere begann zu fluoreszieren. Besonders kräftig leuchtete dabei die Baumspitze. Zuerst in einem immer heller werdenden Grün, dann gelblich und letztlich wurde sie – wie beim Reifen einer Frucht – rot und deutlich dicker.

Käsich und Ron starrten wie hypnotisiert auf die Erscheinung. Das Telefon im Wachhäuschen klingelte wütend ohne dass es die Posten bemerkten.

Die Baumspitze hatte sich in eine Knospe verwandelt, die sich – noch immer wachsend – allmählich zur Blüte entfaltete. Sie war bereits größer als ein Fußball. Dieser Ball leuchtete in grellen Rottönen, vor allem violett und pink. Aus seiner Mitte wuchs ein Stachel heraus.

„Ron ...“ Käsich hatte es brüllen wollen. Aus seinem Mund kam nur ein heiseres Krächzen. Und als hätte selbst das die merkwürdige Pflanze gestört, saugte sie tief Luft ein, um dann in Richtung der Posten zu niesen. Ein extrem süßer Duft hüllte sie ein. Sie waren nicht mehr in der Lage, sich zu bewegen. Gebannt verfolgten Ron und Käsich, wie die glockenförmige Blüte immer weiter wuchs. Plötzlich schniefte die Kiefer eine zähflüssige Masse auf Rons Kopf. Sein Käppi löste sich auf. Auch seine Haare. Käsich sah reglos zu, wie sich schillernde Bläschen auf der Kopfhaut seines Partners ausbreiteten. Merkwürdigerweise bildete er sich jetzt ein, dass ihn das Telefon rief, in der Baracke das Alarmsignal ertönte. „Beeilt euch! Rettet uns“, wollte er rufen.

Die Blütenblätter streckten sich. Sie waren schon fast zwei Meter lang. Der Ron am nächsten stehende Baum war noch ein Stück an ihn herangerückt. Dann hatte er seine Blüte über den Mann gestülpt. In deren riesigen Glockenbauch gurgelte es merkwürdig. Die Blütenspitzen schoben sich langsam unter Rons Füße, berührten sich und dann dehnte sich der gewaltige Blütenkörper, zog sich zusammen, dehnte sich erneut und zog sich wieder zusammen – so als presse er den von ihm umschlungenen Körper immer weiter ins Innere. Allerdings schrumpften dabei die Beulen, unter denen die Überreste des Männerkörpers verborgen waren, mit jeder Schluckbewegung weiter zusammen. Schließlich hob sich die inzwischen kleiner und schlanker gewordene Blüte wieder. Sie war dabei zu einer footballförmigen Knospe zusammengeschrumpft.

Käsich war sich nicht mehr sicher, ob er wirklich einen Alarm gehört hatte. Er nahm auch kein Telefonklingeln mehr wahr.

Der Baum leuchtete in allen Regenbogenfarben. Plötzlich beugte sich die kleine Knospe noch einmal in Richtung Wachhäuschen, und dann spuckte sie einen glänzenden Gegenstand aus. „Das Koppelschloss!“ schoss es Käsich durchs Hirn. Bruchteile von Sekunden später schniefte die zweite Kiefer. Vor den Augen des Wachpostens blitzte kurz ein Spuckfladen auf, bevor er auf seinem Kopf aufschlug. Käsich dachte noch, „Ich brenne!“, dann dachte er nichts mehr.

Nachdem sie die unförmigen Metallteile, die einmal Maschinenpistolen, Koppelschlösser und Patronen gewesen waren, zu einer winzigen Pyramide angehäuft hatten, hoben die Bombenkiefern den Schlagbaum an und zogen schmatzend und wiederkäuend davon. Der widerlich süße Gestank blieb zurück. Die ersten beiden Soldaten waren verduftet. Während man erfolglos nach ihnen suchte, dröhnten die nächsten Teststaffeln über den Kiefern des Bombodroms. 

von fak - veröffentlicht in: Gali, Slov ant - Community: Kultur-Schock
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