Montag, 14. juli 2008

Erik wehrte sich gegen diese Anzeige des Tages: Was sollte ausgerechnet die an ihm finden? Wenn in Berlin insgesamt drei attraktive Frauen herumlaufen mochten, so waren ihm zwei davon noch nicht begegnet; und hier war das Bild der dritten. Vergeblich. Diese Marena ging ihm nicht aus dem Kopf. Er konnte es ja wenigstens probieren; bei so einer Webanzeige war es kaum peinlich abzublitzen. Es würde doch nichts schaden, den Text, den er an die Partnerinnen geschickt hatte, von denen er glaubte, sie würden zu ihm passen, auch in das Mailtextfeld dieser Traumfrau zu kopieren. Sekunden später stand auf seinem Bildschirm “Ihre Mail wurde erfolgreich versandt, die Absender- und Empfängeradresse wurde automatisch eingefügt.”

Er klickte diesen Satz gedankenlos weg, sah ihn aber noch eine Weile vor sich. Schließlich wusste er warum. Das war die Lösung: Der Provider bot ihm sieben E-Mailadressen. Was sprach dagegen, sich selbst sechsfach Konkurrenz zu machen – mit abgewandelten Texten natürlich, vielleicht sogar einmal als allein erziehender Vater. Das war die Idee. An Stelle von Erik konnte er “dein Sofa-Herkules”, “dein Bester”, “dein flügellahmer Engel”, “dein Schwan”, “Marcus” bzw. “James Bond” schreiben. Wenigstens rein rechnerisch hob das seine Chancen auf das Siebenfache.

... Tage vergingen mit Arbeit und Kontaktproblemen. Dann landeten Mails von “Mitsommersonnenschein” in allen Mailkörben: “guten abend erik ...” bzw. “... du Sofa-Herkules”, “... mein lieber Schwan”, “... mein flügellahmer Engel”, “... mein James Bond” usw. “Vielen dank für deine zuschrift auf meine kontaktanzeige. Ich weiß es hat etwas gedauert, aber ich war dem ansturm nicht gewachsen, erst recht nicht, nachdem man mich auf die erste seite gesetzt hatte.

Ich heiße marena, bin 35 jahre alt, 169 cm groß, vom sternzeichen zwilling und seit 5 jahren geschieden. .... Ich hatte schon einmal ein anzeige geschaltet, aber bei über 400 zuschriften kein glück. Diesmal sind es bereits 750.

Um die teils sehr negativen erfahrungen nicht noch einmal zu erleben und vielleicht wirklich einen netten mann zu finden, gibt es für den erstkontakt von mir nur eine von einer vermittlung aufgeschaltete 0190iger nummer. Dies ist keine abzocke, sondern ein mittlerweile weit verbreitetes bemühen, wirklich ernst gemeinte zuschriften von anderen zu unterscheiden. Ich habe nicht die zeit, mich mit jedem der 750 männer persönlich zu treffen oder per mail in kontakt zu bleiben.

Wenn du jetzt noch interesse hast, freue ich mich auf deine antwort.

Marena”

Natürlich antwortete Erik auf diesen Standardtext sieben Mal. Erik “Erik” zum Beispiel schrieb:

“Hallo Marena,

zuerst möchte ich dir sagen, dass die 0190er Nummer den Kontakt in eine schmuddlige Ecke rückt. Aber ich gebe zu, dass du arge Probleme haben musst, deine 750 Bewerber durchzusieben. In diesem Fall  bist du mit einem äußerlichen Makel geschlagen: Eine Frau, die toll aussieht, provoziert erst einmal den männlichen Wunsch, solch Rasseweib ins Bett zu bekommen. Das darfst du den Kerlen nicht verübeln – da gehen manchmal die Triebe durch.

Bei meinem angehängten Bild kannst du den römischen Daumen nach oben oder unten richten, ob du dir mich als Partner-Typ für dich vorstellen könntest oder nicht. Ich bin der Gladiator in deiner Arena.

Deine Formulierung “auf Wunsch meines Mannes kinderlos” bedeutet offenbar, dass du gern Kinder gehabt hättest – ist das immer noch so? Wenn du mich wolltest, dann gäbe ich mir Mühe, dich nicht zu enttäuschen, in keiner Beziehung. ... Vielleicht bist du bisher nur einem Typ Mann aufgesessen, der für dich der falsche war. Wenn du es jetzt noch mit mir probieren willst, dann melde dich wieder. Ich würde mich freuen – selbst, wenn es die 0190er Nummer wäre.

Liebe Grüße Erik”

Die anderen schickten kein Foto – und sei es, dass Marena ja wissen musste, wie James Bond aussah.

Erik war sich nicht sicher, ob nur ein Geschäft dahinter steckte. Wenn alle 750 Schreiber 5 Minuten die Servicenummer nutzten, dann wären das schon 60 Stunden, für die es Prämie gäbe. Allerdings, wenn die anderen Männer genauso vorgegangen wären wie er, hätte es Marena nur mit 100 Kerlen zu tun gehabt.

von fak - veröffentlicht in: Ant-Gali, Slov - Community: Lebensalltag
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