(was bisher geschah)
Alle Männer bekamen eine Antwort. Zwar waren die Mailtexte immer noch gleich. Nur die Reaktionen der verschiedenen Sofa-Herkulesse waren es nicht. Mal behaupteten sie, um zu testen, ob ihr Text
überhaupt gelesen wurde, sie wollten hauptsächlich mit Marena schlafen, sie müsse einfach ihre Fähigkeiten als Liebhaber erlebt haben, mal wollten sie sie sofort heiraten oder ihre
Kinderlosigkeit beenden.
Erik, der kaum noch wusste, wer er war, konnte seiner Phantasie endlich freien Lauf lassen. Bis... ja bis er der flügellahme Engel wurde. Dem kam eine ausgeflippte Idee:
“Liebe Marena,
wenn du so bist, wie du aussiehst und wie deine - sicher vielfach verschickte - Mail es verspricht, dann bist du die, die ich suche und ich der, den du suchst.
Wenn die 0190er Nummer keine Abzocke ist, gibt es noch eine andere Möglichkeit, die Männer durchzusieben: Bestelle sie einfach alle gleichzeitig zu einem Date, z.B. auf den Alex an die Weltzeituhr. Ich weiß nicht, ob du das als öffentliche Versammlung bei der Polizei anmelden musst, aber vielleicht geht es auch so.
Mache dir mit einem von ihnen einen flotten Abend - und wer von den anderen nicht vor lauter Eigenliebe so eingeschnappt ist, dass er danach nichts mehr mit dir zu tun haben will, sondern hartnäckig an dir hängt, ist eine gute engere Wahl ... viel Spaß!
Ein dich heimlich liebender Luzifer”
Marenas folgender Rundbrief war denkbar einfach:
“Ich habe es noch einmal durchdacht. Du hast so nett geantwortet. Am einfachsten treffen wir uns am nächsten Dienstag um drei am Alex neben der Weltzeituhr. Du wirst mich wohl erkennen.
Küsschen Marena”
... Am Dienstag um 15 Uhr warteten etwa 150 Männer auf ihre Angebetete. Etwa 40 von ihnen trampelten ihre kalten Füße neben dem Uhrpilz warm, sorgfältig darauf bedacht, zu jedem anderen einen Sicherheitsabstand von mindestens eineinhalb Metern einzuhalten. Der Rest lungerte an den Schaufensterauslagen, dem Zeitungskiosk oder dem U-Bahn-Eingang herum.
Zehn nach drei hatten sich die meisten Mannsgesichter dem miesen Wetter angeglichen. Ansonsten passierte nichts, als dass das Trampeln heftiger wurde.
Punkt 15.18 Uhr trottete der erste mit hängenden Blumenstengeln in Richtung S-Bahn davon. Als ob sich die Kandidaten untereinander abgesprochen hatten, schauten die meisten anderen noch einmal demonstrativ auf die Uhr und überließen sich, teilweise sichtlich fluchend, dem Berufsverkehrsstrom. Erik schlug den Kragen hoch, hoffte er doch, durch besonderes Durchhaltevermögen aufzufallen. Es konnte ja sein, dass Marena den Einfall konstruktiv weiterentwickelt hatte und irgendwo beobachtete, wer am längsten für ihre Gunst durchstand.
Doch absolut nichts geschah. Nach 40 Minuten Wartezeit verzog sich auch Erik, um zu Hause seine verkühlte Blase mit heißem Bier zu behandeln.
Von allen Adressen Eriks gingen ähnliche Mails an “Mittsommersonnenschein” ab. Sie bekundeten Verständnis, dass das Wetter zu schlecht gewesen sei, Marena länger habe arbeiten müssen oder dass ein anderer Grund, den sie natürlich fürchterlich bereue, Marena am Date gehindert habe. Wenn sie es weiter wolle, dann wären sie zu jedem neuen Date an neuem Platz zu neuer Zeit bereit. Es solle nur nicht gerade die Weltzeituhr zu sein. Da hätten zum fraglichen Zeitpunkt ungewöhnlich viele zweifelhafte Gestalten herumgelungert. Mit denen solle sie sich nicht abgeben ...
Tatsächlich lud sie Erik als “Erik”, “Sofa-Herkules”, “ihren Besten”, “ihren Schwan”, “Marcus” und “James Bond” zu einem gemütlichen Beisammensein in Onkel Tacos mexikanisches Eckrestaurant ein. Natürlich ging er – oder sollte man besser sagen gingen sie – hin. Unruhig sah er sich in dem fast leeren Schuppen um. Wer würde noch alles erscheinen? An wessen Tisch würde sie sich setzen? Eigentlich hatte Marena nicht eine Mail abgeschickt, die wirklich für ihn alleine gewesen wäre. Als nach 20 Minuten sein Bier gegen ein neues ausgewechselt wurde, bestellte er eine Steakpfanne mit extra viel Mais. Er setzte gerade zum ersten Happen an, da fragte eine warme weibliche Stimme: “Ist hier noch frei?”