Erst sehr spät merkten meine Eltern, dass es seit meinem 12. Geburtstag kein Bild von mir gab. Jedenfalls keines, das man sich hätte ansehen können. Denn ich hatte mich angesehen. Und weil ich ein guter Schüler war, mich so gesehen wie mich Gila und ihre Freundinnen wohl angesehen haben mussten.
In den kommenden 20 Jahren hatte sich vieles in meinem Leben verändert. Ich war aber immer noch sicher, der Menschheit einen großen Dienst zu erweisen, wenn mein Abbild im großen Recyclingzyklus verblieb.
Eine Ehepartnerin lernte ich per geistig hochwertig formulierter Zeitungsanzeige kennen und per weniger geistig hochwertiger Wortwechsel trennten wir uns wieder voneinander. Ich ergriff einen Beruf, der für jede Erwähnung ungeeignet ist - nicht weil er so anrüchig gewesen wäre, sondern weil er so total geruchlos war. Im Leben waren stets andere rechts und links von mir, natürlich hinter, aber überwiegend vor mir. Mit 38 stellte ich fest, dass meine Exfrau mir Nina nur deshalb übergehalst hatte, weil sie nicht an mich erinnert werden wollte. So verliebte ich mich in ein Bücherregal, denn das konnte sich nicht dagegen wehren. Irgendwie bekam ich Angst, dass Nina genau an der Stelle weiterdrehen würde, wo ich langsam abdrehte. Töchter sollten zu ihren Vätern aufschauen können, weil sie deren Größe sahen. Meine Tochter verheimlichte mir die Einladungen zum Elternabend. „Es reicht, wie sie mich finden; da müssen sie nicht noch wissen, dass du mein Vater bist.“ Mehr, als dass „sie“ ihre Klassenkameradinnen waren, bekam ich nicht aus Nina heraus. Doch ich hörte wieder Gila damals in meiner Klasse lachen „...ich dich aber nicht“, nachdem ich den Mut gefunden hatte, ihr zu sagen, dass ich sie toll fand.
Vergessen wir das. Davon wollte ich gar nicht erzählen.
Denn manchmal entfloh ich meiner Wohnung und dem gleich bleibenden Arbeitsweg, um eine Lesung zu besuchen. Solche Lesungen hatten einen eigenartigen Reiz. Ich brauchte nichts zu tun. Meist stellte ich mich an den Rand der kleinen Gesellschaften und beobachtete die Leute. Unsicher verleugneten die meisten von ihnen die eigene Einsamkeit, solange ihnen andere Gesichter entgegenlächelten. Kaum hatte sich dieses nicht persönlich gemeinte Lächeln dem nächsten zugewendet, sackten sie in sich zusammen, nur durch die neu Dazukommenden für Augenblicke aus ihrem Schattenleben gerissen. Wenn sie sich dann wieder zurückziehen durften, erschienen sie mir wie unentdeckte Kinder meines Vaters.