Einstein und Kolumbus waren Hühner und – wie alles bei uns – etwas Besonderes.
Mein kleiner Bruder Tim hatte sich schon seit langem Tiere gewünscht. Ein Pferd, einen Esel, eine Kuh, eine Ziege, Schafe, Hühner, Enten, Kaninchen oder einen Waschbären. Ich hatte auch nichts dagegen. Grit hatte uns ein Kaninchenbaby angeboten. Aber Mutter blockte: Es sei Winter, wo sollten wir hin mit dem Tier und überhaupt hätten wir eh schon genug ungelöste Probleme. Ständiges Draufherumklopfen macht das zäheste Kotelett weich, dachten wir, und Mutti war sehr zäh, wenn es um unsere Wünsche ging.
Dann sollte ein Auto mit jungen Hühnern, die braune Eier legten, durch die Siedlung kommen. Wer welche haben wollte, sollte sich melden. Ich rief an, dass wir wollten. Sie würden deshalb direkt vor unserem Haus halten. Nun galt es nur noch, meine Mutter von den Hühnern zu überzeugen. Dabei half mir Timmi mit seiner Morgenmuffelei. Wie immer wollte er nicht aufstehen. Meine Mutter hatte die erste vergebliche Weckzeremonie bereits durch. Da rief ich: „Unsre Hühner kommen!“
Sofort sprang der Kleine auf, stotterte aufgeregt „Wo? Wann?“ und „Warum hat mir keiner was gesagt?“
Die letzte Frage hätte genauso von Mutti kommen können, die fassungslos zusah, wie Tim in höchstens zwei Minuten vollständig und ordentlich angezogen war.
„Mit Hühnchen kuscheln. Ich will zu meinen Kuschelhühnern. Eier suchen, Ostern feiern.“ Wer hätte da nein sagen können?
Endlich war das Hühnerauto da. Sieben Vögel flatterten in ihren künftigen Stall. Genauer, sechs richtig ängstliche und ein besonderes. Das untersuchte sofort einen Steinhaufen auf seine Verwendbarkeit für ... keine Ahnung, was Hühner mit Mauersteinen anfangen können. Das war also ein Forscherhuhn. Und da es den Kopf bewegte wie unser Physiklehrer, sollte es dessen Spitznamen bekommen: „Einstein“.
Nachdem ich meinem kleinen Bruder erklärt hatte, das sei ein berühmter Forscher gewesen, war er mit dem Namen einverstanden und hüpfte im Freudentaumel um das Huhn herum: „Einstein, kein Stein, ein Stein, kein Stein!“
Ich dachte die ganze Zeit an das Bild von Einstein, also dem richtigen, mit herausgestreckter Zunge.
Alle normalen Hühner flüchteten durch den Kriegstanz meines Bruders eingeschüchtert in eine Ecke. Nur Einstein nutzte die Gelegenheit, den künftigen Stall unverschlossen zu erleben, zu einem Erkundungsausflug.
Mit diesem Tag begann für die Hühnerschar eine glückliche Zeit. Unbeaufsichtigt ließen wir sie überall in Hof und Garten herumlaufen. Sie schonten die Erdbeerpflanzen und jäteten den Löwenzahn dazwischen. Meine Mutter freute besonders, dass die Tiere nur ganz leise vor sich hin gackerten.
Allerdings blieb Einstein das einzige Eier legende Huhn. Bald sah meine Mutter die Vögel immer feindseliger an. In ihren Augen waren Hühner, die nur vorne fraßen, um hinten zu kacken, absolut unnütze Tiere. Und diese Hennen fraßen ständig. Nachdem die mitgebrachten Futterreserven aufgebraucht waren, drangen sie bis in die Küche vor, als Tim die Türen offen gelassen hatte.