Nach 10 Jahren sollten sie nur einmal im Jahr ihren Hochzeitstag feiern wie andere normale Familien auch. Mark hatte das gesagt, um Lina herauszufordern. Eigentlich – und daher stammte ja ihre besondere Anziehungskraft auf ihn – war sie unvernünftig romantisch und gerade eben irgendwie anders.
Lina hatte ihn nur böse angesehen und ihn etwas brummiger als sonst gebeten, Annis Hausaufgaben zu kontrollieren, sie schaffe es nicht mehr, heute sei doch ihr Fitnesstraining. Da hatte er sich Anni gewidmet. Ein Glück, dass das Mädchen ihn noch mit einem Blick betrachtete, als wäre er ein unerkannter Geheimagent oder etwas anderes Bewundernswertes. Aber das würde sie wohl mit der Pubertät ablegen. Ob ein zweites Kind ein zweites Glück wäre? Ach was! Es verlängerte nur ein wenig die Illusionen.
Gute Nacht, Papa.
Mark lief ins Bad, holte einen feuchten Lappen, lächelte Anni an, wischte ihr den Zahnpastaklecks vom Nachthemd und schleuderte sie lachend durch die Luft. Dann ließ er sie ins Bett plumpsen, zog die Decke zurecht und flüsterte in den Gute-Nacht-Kuss hinein, Träum schön, Schatz.
Nachdem er die Kinderzimmertür hinter sich zugezogen hatte, verwandelte sich sein Ich-bin-dein-Papa-und-deine-Mama-Lächeln in eine traurige Fratze. Ich hätte auch Politiker werden können, knurrte er.
Dann ging er den Korridor entlang, wo sich hinter einer Zwischentür das Schlafzimmer und Linas Umkleide- und Ruheraum verbargen. Sorgfältig lauschte er auf Geräusche hinter sich. Nein, Anni wollte nicht pullern gehen, vielleicht schlief sie diesmal tatsächlich gleich ein. Mark schalt sich einen unvorsichtigen Narren. Aber er konnte nicht anders. Er schloss die Zwischentür ab und öffnete den alten Kleiderschrank.