Dann vergaß Marion ihre Vorlesungsmitschrift in Techniken der Gesprächsführung. Unschuldig lagen die Blätter unter der Garderobe. In den nächsten Tagen vermisste Marion sie nicht, und sie wären sicher mit einer Staubschicht bedeckt in ihre Hände zurückgekehrt, wäre es am Freitag nicht windig gewesen. So war Rita noch einmal zurück ins Haus gekommen, um sich ein Kopftuch umzubinden. Das war ihr auf den Boden gefallen. So leuchteten ihr handgeschriebene Blätter ins Auge. Sie hob sie auf und wollte sie auf Rolfs Schreibtisch legen, da stutzte sie wegen der Handschrift. Dann stutzte sie wegen des Namens, der sorgfältig oben links auf jedes Blatt geschrieben war, und dann wegen der Daten rechts, und dann musste sie sich einen Augenblick hinsetzen.
An jenem Tag wurde Rita Aufmüpfer zweimal von ihrem Chef wegen Unaufmerksamkeit ermahnt. Marion also hieß das Wunder ihres Mannes und sie selbst hatte das Mädchen auf ihn angesetzt. Warum musste die Strafe nur so durch die Hintertür kommen?
Sie war eine praktisch veranlagte Frau. Im Auto auf der Fahrt nach Hause hatte sie bereits den Gedanken verworfen, ihren Mann zur Rede zu stellen. Was wollte sie eigentlich? Hatte sie vor Marion so viel von ihrem Mann gehabt wie jetzt? Diese Studentin hatte ihren Rolf mit dem Bewusstsein von Erfolg erfüllt, und sie, die Ehefrau, konnte diesen erfolgreichen Mann genießen. Sie war doch noch nicht alt, und sie hatte Bedürfnisse, und was für welche. Bei dem Gedanken rieben sich unwillkürlich ihre Oberschenkel aneinander, und beinahe hätte sie die nächste Kurve verpasst. Seine Männlichkeit ist nicht unerschöpflich – sie würde sich das größere Stück sichern. Diese Studentin konnte ihr leid tun: Der blieb nur ein übernächtigter Rolf übrig.
Rolf Aufmüpfer fühlte sich noch immer wohl. Allein, inzwischen unterhielt er sich oft lieber über Kunst mit dem jungen Mädchen als dem Drängen ihrer Ausziehbewegungen nachzugeben. Schließlich flüchtete es sich schlechter vor dem suchenden Tasten der Ehefrau, mit der man ständig Bett an Bett schlief, als vor der klingelnden Nachmittagsattraktion. Stückweise wurde ihm bewusst, dass er ja an seiner Frau nur die geschwundene Zuwendung vermisst hatte. Wenn Marion nun einmal die Pille zu nehmen vergaß? Aufmüpfers Roman „Liebe nach Tageszeiten“ war fast fertig. Ihm fehlte nur noch ein deftiger Schluss. Sollte er seinem Helden das Leben mit zwei Frauen bis an sein Lebensende gönnen? Vielleicht hauchte er sein Leben zwischen den Schenkeln des Mädchens aus – das musste doch ein traumhafter Tod sein – und als Schlussbild lagen sich die heulenden Witwen an seinem Grab in den Armen? Die Sterbeszene begeisterte ihn. Wenigstens testen würde er sie. Er spielte das vortägliche Keuchkonzert noch einmal ab und trommelte eine Melodie in die Tasten.
Er merkte nicht einmal, dass sich hinter ihm die Tür geöffnet hatte. Marion hatte den veranstaltungsfreien Vormittag und den ausgeliehenen Haustürschlüssel sorgsam verheimlicht. Rolf merkte nicht, wie sie die Zimmertür wieder schloss. Er wunderte sich, dass Marion nicht kam und sich nicht meldete. Den Brief und den Haustürschlüssel auf der Garderobe bemerkte er nicht.
„Liebe Rita, mit Ihrem „Künstler“ kann und will ich nichts mehr anfangen. Machen Sie mit ihm, was Sie wollen. Entschuldigen Sie meine Schwäche, Marion“
Rita nahm den Zettel mit ins Bad, zerriss ihn in viele Schnipsel, die sie in den kleinen Hygieneeimer schweben ließ, und betrachtete sich im Spiegel.
„Was soll’s? Auf Dauer wäre es doch nicht gut gegangen. Ewig kann ich mich nicht so jung halten. Behalte ich den halb erfolgreichen Künstler als Mann ganz, anstatt den ganz erfolgreichen nicht einmal halb zu haben.“
Von nun an begleitete sie ihren Mann an den Abenden, an denen er in Speiseräumen der Arbeiterwohlfahrt aus seinen Texten las.