Mit 16 ging ich mit Tante Gustl und meiner Mutter zum Maifest am Tag der Arbeit. Da lernte ich euren Vater kennen.
Kurz darauf meldete er sich zum Arbeitsdienst; so hatte er etwas Geld für uns. Er erwischte die untere Laufbahn als Bahnbeamter, die Chance auf ein gesichertes Einkommen.
Als künftiger Beamter hatte er seine arische Abstammung mit einer Ahnentafel und seine Staatstreue mit seiner Parteizugehörigkeit zu belegen. Den Stammbaum hat er später verbrannt. Und er ist auch nur in den NSKK eingetreten; das war so eine Art Sportbund. Was verstand er schon von Politik.
Onkel Heinrich hatte das Glück mit Stalingrad. Die meisten deutschen Soldaten sind von dort nicht wiedergekommen. Stellt euch vor, Heinrich hätte sich nicht rechtzeitig das linke Bein abgefroren! Dann hätten ihn keiner mit dem letzten Flugzeug aus dem Kessel rausgeholt, und wir ihn nie wieder gesehen! Für ihn war so der Krieg zu Ende.
Was Vati erlebt hat, hat er nie erzählt. Manchmal gab es Feldpost von irgendwo in Europa. Manchmal kam er auf Urlaub. Zuletzt als Feldwebel. Dann kam die Front zurück.
Die Nachrichten waren furchtbar. Ich hatte miterlebt, wie wir mit Gefangenen umgegangen waren. Das also erwartete uns, wenn wir von den Russen gefangen würden. Dann lieber alles auf einen Karren, was nicht niet- und nagelfest war, und ab Richtung Westen. Bloß nicht den Russen in die Hände fallen!
Wir hatten ein Pferd. Jandl fand es lustig, auf den Packen zu thronen und den anderen Karren vor und hinter uns zu winken. Ich mußte mich wieder um alles kümmern. Eßbares eintauschen zum Beispiel. Bald war der Karren merklich leichter. Wenn ich wenigstens gewußt hätte, was mit Vati los war! Der letzte Brief war aus Stettin gekommen. Eine Verlegung nach Wismar stünde bevor. Dabei war es verboten, Orte in Briefen zu nennen.
Unser Ziel war Bayern. Oder Hessen. Jedenfalls weit genug weg von den Russen. Warum mußte Jandl ausgerechnet jetzt Fieber und Durchfall bekommen? Wie sollte ich Wäsche waschen im Treck? Bald stank es fürchterlich auf unserem Karren. Woher Wasser bekommen? Nachrichten? Wie lange der Treck unterwegs sein würde? Bis wohin? Alles ungewiß.
In diesem Zustand kamen wir an einem Rangierbahnhof vorbei. Das war meine Chance. Reichsbahner mußten sich doch helfen ...