Freitag, 5. september 2008 5 05 /09 /2008 05:21

So zog mit den Russen der Hunger ein. Die kamen dann auch auf unsere Halbinsel. Einquartierungen für Offiziersfamilien.

Wir blieben ein russenfreies Haus. Vielleicht, weil Vati sich inzwischen erfolgreich auf dem Bahnhof beworben hatte. Als einziger gelernter Bahnbeamter wurde er plötzlich zum deutschen Bahnhofsvorsteher von Schwerin befördert. Natürlich stand ihm ein russischer Bahnhofskommandant zur Seite. Igor Sergejewitsch war ebenfalls gelernter Eisenbahner, und Vati fand schnell Kontakt zu ihm.

Von wegen verordnete Freundschaft. Jedenfalls nicht bei uns! Die DSF war das einzige Politische, auf das sich Vati eingelassen hat. Den Ausweis von 47 gibt es noch ... Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, so hieß das damals ...

Dann tobte irgendein besoffener Soldat zwischen den Gleisen. Grölte, verprügelte den Deutschen, der ihn beruhigen wollte, schimpfte ihn Faschist und blieb schließlich zuckend auf dem Hauptgleis liegen. Vati wurde gerufen. Aber was konnte er ausrichten? Er meldete es dem russischen Kommandanten. Unglücklicherweise mit den Worten: Da liegt ein besoffener Russe auf den Gleisen. Das sonst immer gutmütige Gesicht des Igor Sergejewitsch verfinsterte sich sofort. Nein, Hans - er nannte Vati wie alle Deutschen Hans - das ist kein Russe, das ist ein Bandit. Wir kümmern uns um ihn. Vati hat es bereut, sich nicht selbst „gekümmert„ zu haben. Wie einen Mehlsack schnappten sie den Körper und schleuderten ihn über die Ladeklappe des Lasters. Ab nach Sibirien. Wer weiß, warum er sich so aufgeführt hat. Nein, nein, zu so was solltest du nicht Russe sagen, wiederholte Igor Sergejewitsch später noch einmal.

Fast wären Vati und er Freunde geworden und wir eine normale Bahnbeamtenfamilie.

Eines Tages jedoch behauptete jemand, Vati wäre als Beamter in der Nazipartei gewesen; das hätte er verschwiegen.

Ohne weitere Verhandlung wurde der Bahnhof nachentnazifiziert und Vati arbeitslos.

... Warum wir trotzdem in der DDR besser dran waren? ... Nein, heute nicht! ...

... Das hoffe ich doch, daß ihr den Kachelofen nicht abreißt. Es ist so gemütlich hier. Und vielleicht sitzt ihr mal an dem Platz und erzählt euren Enkeln Geschichten.

von fak - veröffentlicht in: Gali, Slov ant - Community: Lebensalltag
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