Wieder flog der Herbst ins Land, mit fallenden Blättern, launischen Winden, die durch die Ruinen pfiffen, lauen Altweibersommer- und kühlen Regentagen. Der neue Pappi war aufgeregt: Jo wurde eingeschult. Ein zweites Mal, diesmal aber richtig, mit Schultüte.
Die Schule in der Müllerstraße war ein Backsteinbau, brandgeschwärzt, imposant – ein Riese gegen die Schar Menschlein, die durch die Eingangstür strömten, beklommen blickende Kinder mit Schultüten im Arm, die ungewohnte Schulmappe auf dem Rücken, aus der das Schwämmchen für die Schiefertafel baumelte.
Die Lehrerin hieß Fräulein von Eckstein. Sie war alt, mager, furchteinflößend. Ihr Haar war schneeweiß, ein kleiner Dutt zierte den Hinterkopf, eine Kamee das hängende Fleisch am Doppelkinn. Ihr schwarzes Seidenkleid knisterte, wenn sie durch die Bankreihen ging. Sie war eine der bedauernswerten Lehrerinnen, die von ihren adligen Familien in den Gouvernanten- oder Lyzeumsdienst abgeschoben worden waren. Lehrerinnen mussten unpolitisch sein und durften nicht heiraten. Gewöhnlich waren sie nicht in der Nazipartei gewesen und hatten die schlimmen Jahre an irgendwelchen Privat- oder Konfessionsschulen überdauert. Jetzt, nach dem Krieg, im Jahre 1948, als noch klar war, dass die meisten Lehrer nazistisch belastet waren, wurden die adligen Fräuleins im öffentlichen Schuldienst wieder gebraucht.
Der neue Pappi war skeptisch. „Na, das wird ja was werden – das Fräulein von Dingsda und du Rüpel!" Aber er unterschätzte Jo. Jo fügte sich in das Eckstein-Regiment. Es war ein strenges Regiment: Gerade sitzen und stehen, nicht lümmeln, Beine stillhalten, Schwatzen und Einschlafen verboten, radiert wird nicht, hier vorn ist die Tafel, Mappenkontrollen, Hände vorzeigen, gelegentlich ein Schlag mit dem Zeigestock auf die Finger, wenn ein Übeltäter gar zu verstockt war. Das Schreiben und das Lesen lernte Jo spielend. Sie galt als gute, gefügige, selbstständige Schülerin. Und wenn die Kreide durch die Klasse flog, duckte sie sich und unterdrückte ein Kichern. Das Kinderheim hatte sie Schmerzhafteres gelehrt, Jo war auch gegen brüllende Erwachsene abgehärtet. Sie fühlte sich wohl in der Schule.
Wäre da nicht der Religionsunterricht gewesen. Jo war das einzige Kind in der Klasse, das nicht am Religionsunterricht teilnehmen durfte. Und da die Religionsstunde nicht, wie es vernünftig gewesen wäre, an den Anfang oder an das Ende des Schultages verlegt wurde, sondern in die zweite oder dritte Stunde, musste Jo, während die Klasse im Warmen saß, auf dem langweiligen, zugigen Schulhof herumstehen und auf den Beginn der nächsten Unterrichtsstunde warten. Ihr Mäntelchen hielt nur schlecht den Wind und den Winterfrost ab, ihre Stoffschuhe mit den Holzsohlen waren eher Ansichtssache, als dass sie ihrem Zweck dienten – kurz, Jo beschloss eines sehr kalten Wintertages, nicht mehr für die Religionsfreiheit zu leiden und der Hofkälte zu entgehen, indem sie während des Religionsunterrichtes auf ihrem Platz sitzen blieb. Sie hatte deshalb kein schlechtes Gewissen vor dem neuen Pappi, sie vertraute seinem gesunden Menschenverstand.
Sie wurde eine begeisterte Anhängerin des Religionslehrers, des Herrn Wipprecht. Er war jung, freundlich, mitfühlend und migränekrank. Wenn er keine Kopfschmerzen hatte, brachte er die Klasse zum Lachen oder ihr ein neues Kirchenlied bei. Und was er alles wusste! Die Geschichte von Adam und Eva im Garten Eden kannte er, das mit den sechs Tagen, in denen Gott die Erde und das Weltall erschaffen hatte, und viele traurige Geschichten von Jesus Christus in seiner Krippe zu Bethlehem.
Als er die Sache mit Adam und Eva erzählte, kicherte Jo. Sie wusste es besser. Alle wussten es besser, aber alle hörten mit scheinheilig aufgerissenen Ohren zu oder kicherten leise, und Herr Wipprecht freute sich: Ausgezeichnete Mitarbeit.
„Wer kennt ein Tier, das kein Fell hat?", fragte er. Jo wusste: Es ging um die gemeine Schlange, die Eva verführte, den Apfel vom Baum der Erkenntnis abzureißen und reinzubeißen. Sie meldete sich: „Das Schwein, das hat kein Fell", sagte sie spitzbübisch.
Herr Wipprecht stutzte: Darauf war er noch gar nicht gekommen. „Sehr gut!", sagte er trotzdem. Er musste die Frage anders stellen: „Welches Tier hat keine Beine?"
„Die Blindschleiche! Ein Fisch! Der Tausendfüßler!"
„Nein, der Tausendfüßler, das ist nicht richtig. Der hat Beine, sogar tausend, nicht zu übersehen. Und der Fisch, ja, das stimmt, der hat keine Beine. Aber darauf komme ich noch zurück. Jetzt aber, Kinder - die Blindschleiche, da kommen wir der Sache schon näher. Es ist die Schlange, Kinder, die ich meine. Die Schlange, die falsche Schlange, die vom Teufel gesandt wurde."
Er war ein natürlicher Pädagoge, und Jo war so begeistert über ihn und dass Religion nicht langweilig wie bei Pastor Neubert in Großmutters Kirche war, dass sie ihr Geheimnis lüftete: Sie erzählte der Großmutter von Herrn Wipprecht. „Aber das ist ein Geheimnis", sagte sie. Großmutter freute sich: Ihre Enkelin würde trotz dieses abartigen Schwiegersohns eine gute Christin werden.
Jo ahnte nicht, was sie angerichtet hatte. Natürlich konnte die Großmutter Jos Geheimnis nicht lange für sich behalten, sie prahlte vor der Tochter mit ihrer guten christlichen Erziehung, die den Grundstein für Jos nunmehrige Folgsamkeit gelegt habe. „Und in der Schule ist sie die Beste in Religion!", fügte sie mit einem kleinen Seitenhieb auf den Schwiegersohn hinzu.
Am nächsten Morgen brachte der neue Pappi Jo in die Schule. Vor der Direktortür verabschiedete er sie mit vielsagend unterdrücktem Zorn. Jo ließ sich all ihre Missetaten durch den Kopf gehen, sie kam nicht darauf, weshalb der neue Pappi unbedingt mit der Direktorin sprechen wollte. Sie war guten Mutes.
Es war während des Leseunterrichts. Die Direktorin stand plötzlich vor der Klasse. „Wer von euch ist Johanna Brockmann?" Jo meldete sich und stand auf. „Was hast du deinem Vater erzählt? Dass du gezwungen wirst, am Religionsunterricht teilzunehmen? Schäm dich für diese Lüge!"
Jo begriff: Großmutter hatte ihr Geheimnis verraten. Deshalb also hatte der neue Pappi mit der Direktorin gesprochen. Die Erwachsenen waren alle gleich: Sie selbst schwindelten die Kinder an, aber wenn die Kinder mal schwindelten, dann war das gleich ein großes Verbrechen. Aber sie hatte gar nicht geschwindelt, sie war unschuldig. Auch Christus musste unschuldig leiden, und Jo fühlte sich ganz gut in ihrem Leiden für die christliche Sache. Mit Großmutter, das war klar, musste sie ab jetzt ein bisschen vorsichtiger umgehen.
Abends dann die Standpauke: „Und wenn du noch einmal ... Ich zieh dir den Hosenboden stramm, mein Fräulein ... Mich so zu blamieren ... Ich nehm dich aus der Schule raus ...
Na, das wäre doch gelacht, wenn mich meine Tochter so aufs Kreuz legt ... Die nächste Klasse ... Na, du wirst schon sehen. Ich lass dich umschulen! Und in der neuen Schule, da gibt es keinen Religionsunterricht!"
Jos Ansehen in der Klasse hatte gelitten: Sie war eine Lügnerin. Roswitha, die neben ihr saß, meldete sich: „Ich will nicht neben der falschen Schlange sitzen bleiben." Der Platz neben Jo blieb leer.
Fräulein von Eckstein übersah ab diesem Tag ihre gute Schülerin, wenn sie sich meldete. Jo bekam nur noch Zweien und Dreien. Im Zeugnis rächte sich die Lehrerin an dem unchristlichen Vater: „Jo könnte eine sehr gute Schülerin sein, wenn sie mit mehr Aufmerksamkeit an ihre Schularbeiten ginge. Ursache dafür sind wohl die Verhältnisse im Elternhaus."
Trotzdem, Jo wurde versetzt, in die zweite Klasse.