Sonntag, 3. mai 2009

Das Zelt war groß, ein 20-Mann-Zelt. Die Zeltbewohner lagen auf Stroh, eine Decke darüber – fertig war das Nachtlager. Überall im märkischen Sand, mitten zwischen den Kiefern, standen Zelte. Und vor jedem Zelt ein Steingarten, Mosaike aus bunten Steinchen, Moospolstern und Ginsterzweigen. Es gab einen Wettbewerb: Welches Zelt hatte den schönsten Steingarten? Das Siegerzelt wurde beim Morgenappell mit einer Urkunde ausgezeichnet. Aber das Schönste am Sieg: Zwanzig hungrige Mäuler durften sich mittags Nachschlag holen. Mal gab es Grütze mit Rhabarber, mal Erbseintopf, mal dünnen Grießbrei mit selbstgesammelten Himbeeren und Blaubeeren.

Das Zeltlager hatte einen Appellplatz, riesig groß. Einzig die Lagerleitung saß in einem Steingebäude, die Waschanlagen, es waren Rohre mit nadelfeinem Wasserstrahl über primitiven Holztrögen, standen unter freiem Himmel, ebenso die Toiletten, vielmehr Verschläge aus grobgesägten Brettern, aus denen es meterweit nach Chlor und Exkrementen stank.

Über allem aber lag betäubend der Duft der Ginsterbüsche, es duftete nach Ginster und nach Kiefern, sobald man den Kopf aus dem Zelt steckte, Ginster, Sand und Kienäpfel überall, wohin man auch trat. Es gab auch ein Terrarium. Dort wurde alles gefangengehalten, was da kreuchte und fleuchte: Eidechsen, Frösche, Libellen, Spinnen und Schmetterlinge. Die Arbeitsgemeinschaft Terrarium galt als die rührigste. Des Tags wurde gewandert oder im Üdersee gebadet, es gab Sportwettbewerbe, Schnellzeichnerwettbewerbe, einen Lagerfunk.

Jo schlief neben der Zeltältesten, Renate. Die hatte ständig was an Jo auszusetzen: dass sie im Schlaf zappelte, dass sie auf ihrem Schlafplatz keine Ordnung hielt, dass sie im Schlaf lachte und brabbelte, dass sie zu früh aufstand – Renate war eine strenge Zeltälteste. Maulend fügte sich Jo.

Jo wusch sich im Üdersee. Die Großen drängelten sich morgens und abends unter Spritzen, Lachen und Gekreisch um die Waschanlage, ließen Jo nicht an den kläglichen Wasserstrahl heran. Eines Tages, als sie wieder mal die Wahl hatte zwischen Gewaschen und Ungewaschen, entdeckte sie, dass der See menschenleer dalag, nur ein paar Schwäne und Enten machten ihn ihr streitig. Ein Bootssteg reichte weit in den See hinein, dort saß sie und putzte sich mit dem kristallklaren Seewasser die Zähne, und Schwäne schwammen herbei und bettelten. An den folgenden Morgen hatte Jo immer ein paar Stücke gemopsten Zwieback dabei. Kaum Schöneres gab es für Jo als diese Morgen am Steg.

Das Frühstück wurde an langen, groben Holztischen eingenommen, unter freiem Himmel, bei jedem Wetter. Die Großen verschlangen Riesenberge von Marmeladenstullen und sangen dazu: „Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Marmelade Fett enthält ..." Kein Frühstück ohne Gesang, kein Frühstück ohne Lachen und Herumalbern. Nach und nach fanden sich Paare, und die wohlausgeklügelte Sitzeinteilung der Lagerleitung geriet ins Vergessen.

Nach dem Frühstück Morgenappell, im Blauhemd Antreten auf dem Appellplatz. Ein FDJler von der Lagerleitung gab den Tagesablauf bekannt, es folgte ein Überblick über neueste Produktionserfolge, unter denen sich Jo nichts vorstellen konnte, dann Auszeichnungen für gutes und Tadel für schlechtes Benehmen, anschließend wurde die FDJ-Fahne gehisst, eine strahlende Sonne auf blauem Grund. Eine FDJlerin rief: „Heißt Flagge!" Ein kräftiger FDJler zog aus aller Kraft so lange an der Strippe, bis die Fahne unter Quietschen und Quarren endlich am Ende der Fahnenstange wehte.

Heute hatte Renate beschlossen, dass das gesamte Zelt Moos und Steinchen für den Steingarten sammeln sollte. Im Wald roch es nach Kienäpfeln und Moos, märkischem Sand und nach Ginster. Jo musste sich dicht bei Renate halten. „Ich habe keine Lust, mir von Ebs (das war der Lagerleiter) einen Tadel einzufangen, nur weil du Rabauke nicht hören kannst", begründete sie ihre Maßnahme. „Nachher sucht dich ganz Deutschland im Wald."

Jo gehörte zu den Moossammlern. Was gab es in diesem Wald nicht alles für Moose! Kleine dünne Polster, um die es sich nicht lohnte, mittelgroße Stücke und Riesenpolster. Schnell war Jos Sack mit Moospolstern gefüllt. Aber als sie aufsah, war sie allein, mutterseelenallein. Nun bekam sie doch einen Schreck: nirgends ein Weg, kein Baum, an dem sie sich orientieren konnte. „Renate! Wo bist du?" Keine Antwort. Sie stolperte durch den fremden Wald, den Sack mit den Moospolstern zog sie, schon mutlos geworden, hinter sich her. Endlich ein Weg. Wohin führte er? Erschöpft und verängstigt ließ sie sich am Wegrand nieder. Es raschelte hinter ihr, etwas stürzte auf sie zu. Erschrocken sprang sie auf. Ein Reh flog mit einem großen Satz über sie hinweg. Und wenn nun ein Wildschwein käme? Wohin sollte sie flüchten?

Jo begann zu weinen.

Eine Eidechse huschte über ihre Beine. Irgendwo hämmerte ein Specht. Die Bäume warfen schon lange, tiefe Schatten. Die Eidechse saß ruhig zu Jos Füßen und sah sie aus stecknadelkopfgroßen Augen an. „Eidechse, hast du dich auch verlaufen?" Die Eidechse antwortete nicht. Jo griff nach der Eidechse. Sie verstand nicht, was geschehen war: Die Eidechse hatte ihren Schwanz verloren, er wand sich in Jos Hand, und die Eidechse war verschwunden.

Es wurde dämmerig. Plötzlich ein menschliches Geräusch, ein Motorrad. Jo stand auf, winkte aufgeregt dem Fahrer zu. Er stoppte. „Gehörst du zum Zeltlager?", fragte der Mann und musterte Jo mit ihrem verheulten Gesicht. „Ich hab mich verlaufen. Die anderen sind weitergegangen. Sie haben mich einfach vergessen."

„Na, wenn das so ist – steig auf." Jo klammerte sich an dem Mann fest.

Die Wache am Tor schickte einen Melder zur Lagerleitung. „Wir haben sie! Wir haben sie!", rief er. Der Lagerleiter kam ans Tor. „Das halbe Lager sucht dich im Wald, du Göre. Und mir sitzt das Herz in der Hose! Verlaufen? So? Das bringst auch nur du fertig: Verläufst dich in einem deutschen Wald! Was hast du dir dabei gedacht, einfach auszubüchsen?"

„Ich hab doch ... Nichts." Jo senkte schuldbewusst den Kopf.

„Dachte ich mir. Dein Glück, dass du gefunden wurdest, in einer Stunde würde dich die Polizei suchen."

Renate blickte streng auf Jo hinab. „Ich spar mir jedes Wort! Sieh nach, ob noch was vom Abendbrot übrig ist. Oder nein, ich komm mit, sonst gehst du mir unterwegs wieder verloren!"

Beim Abendappell wurde Jos Verschwinden und glückliches Wiederauffinden als erstes genannt. Alle sahen auf Jo. Der Lagerleiter sprach ein ernstes Wort: „Vorfälle wie diese ziehen künftig den bedingungslosen Ausschluss nach sich. Außerdem wird ebenfalls ausgeschlossen, wer nach Anbruch der Zeltruhe draußen erwischt wird. Die Lagerordnung wird um diesen Punkt erweitert. Holt die Fahne ein."

„Da hast du ja was Schönes angestellt mit deinem Ausreißen." Renate schüttelte missbilligend den Kopf. „Du hast was gutzumachen. Bring dem Tom aus Zelt 21 diesen Brief hier, wir müssen umplanen. Aber lass dich nicht erwischen! Es ist Zeltruhe, und die Nachtwache ist unterwegs. Und wenn sie dich kriegen, verschluckst du den Zettel."

„Hier, Renate - ich steck ihn in den Schlüpfer, da sieht ihn keiner."

Jo schlich um die Zelte. Die Nachtwache leuchtete in die Dunkelheit. Noch einmal durfte Jo nicht auffallen, der Lagerleiter würde sie bestimmt zurückschicken. Endlich, die Nachtwache war verschwunden. Zelt 21. „Wer ist Tom?" „Hier!" „Ein Brief." Jo nestelte den Brief aus dem Schlüpfer. Tom las den Zettel. „Warte einen Moment. Ich schreib eine Antwort."

„Hör mal, Kleine. Ich hätte da auch einen Brief. Zelt 10, für Karola. Aber nicht lesen. Es ist geheim." Ein Halbnackter hielt ihr einen Zettel hin. Jo steckte beide Briefe unter den Schlüpfergummi.

So begann es. Jo transportierte nach dem Dunkelwerden Liebesbriefe zwischen den Mädchen- und den Jungenzelten, furchtlos, pünktlich, zuverlässiger als die Post. Die Nachtwache war arglos. Der Lagerleiter wunderte sich: Das nächtliche Hin und Her zwischen den Mädchen- und den Jungenzelten hatte anscheinend aufgehört. Er schrieb es seiner guten Erziehungsarbeit zu.

Eines Morgens, Jo saß auf dem Steg und putzte sich die Zähne, stürmte eine Horde fremder Jungen aus dem Dorf auf sie zu, und ehe sie begriff, fand sie sich im Wasser wieder. Sie ruderte mit den Armen. „Hilfe, ich kann nicht schwimmen! Ihr seid gemein!" Die Jungen standen auf dem Steg, lachten und sahen zu, wie Jo mit dem Wasser um ihr Leben rang. „Mit den Armen und den Beinen!", riefen sie. „Ihr seid gemein", gurgelte Jo. Aber sie schaffte es, sie ertrank nicht. Mit den Armen und den Beinen ging es: sie hatte schwimmen gelernt.

Der Juli näherte sich dem Ende, Jo hatte Geburtstag. Heute wurde sie acht Jahre alt. Renate war verschwunden. Jo ging an den Üdersee, baden und Zähne putzen. Als sie, das Handtuch über der Schulter, zurückschlenderte, empfingen sie die Mädchen aus dem Zelt: „Wo bleibst du denn? Wir haben dich überall gesucht. Sie wollen anfangen."

Der Lagerlautsprecher räusperte sich. „Hier spricht Renate. Hallo, Jo, hörst du mich?

Das FDJ-Ferienlager gratuliert dir zum achten Geburtstag. Ich singe dir jetzt ein Lied, ‚Wahre Freundschaft‘, du hast es dir redlich verdient. Und bleib weiter so tapfer und so emsig. Muss ja nicht erklären, was gemeint ist." Ringsum lachte alles. Renate sang: „Wahre Freundschaft soll nicht wanken ..." Jo wurde rot vor Freude.

Die drei Wochen waren im Nu vergangen. Eines Abends hieß es: Abschlusslagerfeuer.

Jo hatte nie so viele Lieder gelernt wie in diesen drei Wochen. Sie kannte alle Melodien und Texte. Die Jungen und Mädchen saßen um das Lagerfeuer herum, Pärchen umarmten sich verstohlen, sie sangen lauthals und küssten sich heimlich. Das Feuer flackerte, Jo sang aus voller Lunge mit: „Hab mein Wage vollgelade ...", „Im schönsten Wiesengrunde ..." – ein halbes Liederbuch, hätte es eines gegeben.

Am nächsten Morgen ging Jo an den Üdersee. Einsam lag er heute früh da, einsamer als sonst. Nirgends ein Schwan, nirgends Enten. Sie saß auf dem Steg, die Beine im Wasser, und blickte über den See. Am anderen Ufer Wald, kein Haus, kein Mensch. Es gab ein leises Gluckern, wenn ein Fisch an die Wasseroberfläche stieß, Libellen umflogen Jo. Wie schön es am See war. Plötzlich Schritte auf dem Bootssteg. Renate, sie kam näher. Sie setzte sich zu Jo.

„Na, traurig? Weil es jetzt zu Ende ist?"

„Nein. Nur ein bisschen. Weil ich den See nicht mitnehmen kann."

„Ich schon. Ich fahre jetzt wieder nach Schleswig-Holstein zurück. Und wenn ich an die Leute dort denke ..."

„Sagen sie zu dir auch Kommunistensau?"

„Schlimmeres, Jo. Viel Schlimmeres. Ach ja, eine schöne Zeit, ein schöner Sommer.

Man muss kämpfen, dass es so bleibt."

„Vielleicht, Renate, sehen wir uns später wieder. Wenn du mal nach Berlin kommst. Ich wohne Kellerstraße 11."

„Ich werde mir deine Adresse merken, Jo." Renate umarmte Jo.

Ein Schwan näherte sich dem Bootssteg. Auffordernd sah er die beiden Menschen an, das große Mädchen und das kleine. Dann, als er verstanden hatte, dass er heute kein Glück hatte, schwamm er davon, hinein in den See.

von fak - veröffentlicht in: Fleiss, Hanna
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