Sonntag, 10. mai 2009

„Im Herbst kriegst du noch ein Schwesterchen. Oder ein Brüderchen", sagte die Mutter.

„Im November."

„Noch so einen Schreihals, mit dem ich nichts anfangen kann? Und ich bin froh, dass Veronika schon spricht und dass ich mit ihr spazierengehen kann. Alles muss ich vor ihr verstecken. Sie hat mir schon ein Buch zerrissen. Und wo soll das Baby schlafen? In meinem Bett? Dann ziehe ich eben aufs Klo! Nein, ich brauche kein Brüderchen und auch kein Schwesterchen!"

Jo war wütend. Die Familie wurde immer größer, und in der Wohnung wurde es immer enger.

Kaum wusste sie noch, wo sie Schularbeiten machen konnte. Den Stubentisch hatte der Vater mit seinen Büchern belegt, zum Essen musste er alles abräumen. Am Küchentisch wurde alles andere erledigt: Brot geschnitten, das Mittagessen zubereitet, er war Ablage für alles. Eine Ecke hatte sich Jo für das Schularbeitenmachen reserviert. Die würde bestimmt das neue Baby bekommen. Ja, Jo war wütend, und wie!

Jo zog sich zurück von der Familie. Der Kohlenkasten war der einzige Ort, der noch ihr gehörte. Dort las sie. Alles, was sie in die Finger bekam: das Rundfunkprogramm, das die Großmutter ihr gab, sobald sie es nicht mehr brauchte und das Jo vor dem Vater verstecken musste („Wir hören kein Westradio", sagte er, dabei gab es bei Borkmanns gar kein Radio) und die Mädchenbücher der Mutter, die sie nur halb verstand. Ihre Märchenbücher hatte sie alle schon gelesen: Grimms Märchen, Bechstein-Märchen, russische Märchen, ein Buch mit schwarzen Holzschnitten. Wenn sie die Bilder betrachtete, dachte sie an Wassilissa die Schöne oder Iwanuschka, die Namen klangen allein schon märchenhaft.

Die Eltern des Vaters wohnten im dritten Stock. Auch mit ihnen schien es Krach gegeben zu haben. Später erfuhr Jo, was geschehen war: 1933 war der Vater in die Nazipartei eingetreten. Das konnte ihm Jos Vater, sein damals halbwüchsiger Sohn, nie verzeihen. Einmal war Jo dort oben im dritten Stock. Es roch nach schimmligen Büchern. Jo wurde von der Mutter des Vaters übersehen, sie war nur die angeheiratete uneheliche Tochter. Von diesem Tage an ging Jo nur hinauf in den dritten Stock, wenn sie geschickt wurde.

Die Kinder der Kellerstraße sah sie jetzt seltener, sie musste sich um Veronika kümmern. Viel war nicht anzufangen mit der Schwester. Sie verstand noch nichts, plapperte dummes Zeug und zerriss Jos Bücher. Und wenn Jo ihr die neuen Lieder vom Üdersee vorsang, hörte sie nicht zu.

Wolfgang machte sich lustig über Jo: „Kindermädchen!" Er gefiel Jo nicht mehr so wie früher. Wenn Ingo sie Kommunistensau nannte, stand Wolfgang auf seiner Seite. Von dem FDJ-Zeltlager hatte sie nichts erzählt. Sie schwindelte: Sie sei bei einer Tante gewesen, sagte sie.

Die Mutter hatte sie mit Veronika spazieren geschickt. Wolfgang holte sie ein. „Kindermädchen, Kommunistensau!", rief er. Jo drehte sich um und holte aus. „Noch einmal! Und ich knall dir eine!"

Wolfgang war erstaunt über Jos Wut, trotzdem lachte er. Er boxte Jo auf den Oberarm. Jo boxte zurück. „Du sagst noch einmal Kommunistensau zu mir!"

„Hat ja gar nicht weh getan!" Wolfgang blieb zurück. Er rieb sich den Oberarm.

Nein, mit den Kindern der Kellerstraße zu spielen, dazu hatte Jo jetzt keine Lust mehr. Sowieso, bald begann wieder die Schule. Die neue Schule, die im Russensektor. Wenn die anderen erfahren würden, dass sie jetzt zur Pflugstraßen- statt in die Müllerstraßen-Schule ging, wäre das Wasser auf ihre Mühlen, und sie würde sich mit den Kindern nur noch kloppen. Nein, da war es am besten, sie ging gar nicht mehr auf die Straße spielen.

Dann kam der 1. September, Jo ging zum erstenmal in die neue Schule. Die Schule in der Pflugstraße war nur noch eine halbe Schule, den Hauptflügel hatten Bomben getroffen, seine Ruine nahm den größten Teil des Schulhofs ein. Das Verwaltungsgebäude zur Straße war ein Backsteinbau, zerklüftet von Einschüssen, dort fand der Unterricht statt, im Keller. In den oberen Etagen wurden die höheren Klassen unterrichtet. Über den Köpfen der Kinder hingen dicke tropfende Heizungsrohre, es war kalt. Es gab Schichtunterricht: eine Woche Unterrichtsbeginn früh um acht, die zweite Woche begann nachmittags um zwei Uhr.

Herr Menzel war Neulehrer. So nannte man die jungen Menschen, die bei schmaler Ration abends auf der Schulbank saßen und tagsüber mit viel Einfallsreichtum und Elan Kinder unterrichteten. Sie waren selbst noch Schüler, meist ehemalige Hitlerjungen oder BDM-Mädchen oder, falls sie älter waren, gerade aus der Gefangenschaft heimgekehrt. Alle Lehrer mit Nazivergangenheit durften im Russensektor nicht unterrichten. Viele dieser Lehrer gingen deshalb nach Westberlin, wo man sie jetzt mit offenen Armen empfing.

Herr Menzel trug einen fadenscheinigen braunen Straßenanzug, darunter eine undefinierbare weiße Bekleidung, am Hals einen weißen Gummikragen. Ihm war immer kalt, er zitterte, wenn er vor der Klasse stand. Auch die Kinder zitterten vor Kälte, und so fanden sie es nicht komisch, wenn Herr Menzel ihnen mit dünner, halberstickter Stimme Diktate ansagte.

Es wurde in Hefte geschrieben, mit Tinte. Das Papier war so grau und so schlecht, dass man die Abdrücke der Schrift auf der Rückseite in Spiegelschrift lesen konnte. Die schwarze Flüssigkeit in den Tintenfächern zerlief, sobald sich die Feder spreizte, und hinterließ in Jos Heften dicke, unschöne Kleckse. Sie musste erst einmal lernen, mit Tinte zu schreiben, die anderen Kinder hatten es bereits in der ersten Klasse gelernt. Herr Menzel schüttelte den Kopf, wenn er die Diktate zurückgab: „Null Fehler, Jo, aber Schrift vier. Macht leider nur eine Zwei. Mach dir nichts draus, Goethes Schrift war auch nicht viel schöner." Die Klasse lachte. Jo fand das nicht zum Lachen, sie schämte sich. In Schrift eine Vier, auf der Schiefertafel war ihr das nie passiert. Überhaupt, sie kannte einiges nicht, was die anderen Kinder kannten: den monatlichen Wandertag und auch im Rechnen waren sie viel weiter, sie rechneten bis tausend und kannten das Einmaleins bis zur Fünf. Jo hatte vieles aufzuholen.

Rechnen unterrichtete eine junge Lehrerin, Fräulein Besenkamp.

Und was Jo auch nicht kannte: Junge Pioniere. Sie trugen blaue Halstücher. Sie kamen nie ohne Schularbeiten in die Schule. Sie sagten nicht vor. Sie schwatzten nur, wenn sie nicht erwischt wurden. Sie waren die besten Schüler in der Klasse. Sie waren Vorbilder. Bei Frühunterricht trafen sie sich nachmittags zum Pioniernachmittag, und am nächsten Tag erzählten sie Neuigkeiten, und die anderen Kinder staunten: Bei den Pionieren konnte man was erleben, nicht nur in Mutters Stube herumhocken und wie Jo jüngere Geschwister beaufsichtigen.

„Pappi, ich will Pionier werden", sagte Jo eines Abends, „ich soll deine Unterschrift bringen." Der Vater staunte: „Du? Pionier? Warum denn?"

„Die Pioniere sind unsere Vorbilder, sagt Herr Menzel, sie machen so viele Sachen. Sie singen Lieder, Pionierlieder und Volkslieder. Auch russische Lieder und sie gehen in Ausstellungen und ins Kindertheater, und manchmal machen sie Wanderungen. Und sie haben zehn Gebote. Und für den Frieden sind sie auch. Aber nur die besten Schüler dürfen Pioniere werden, sagt Herr Menzel. Sie haben auch ein fortschrittliches Bewusstsein."

„So, das sagt Herr Menzel auch? Dass sie ein fortschrittliches Bewusstsein haben?" Der Pappi schmunzelte. „Aber darüber lässt sich reden. Aber nur unter einer Bedingung: Schriftzensur mindestens Zwei, sonst wird’s nichts mit dem Pionier, Fräulein. Du sagst selbst: nur die Besten!"

„Aber ich bin doch nicht schuld! Das ist die Tinte und das Papier!"

„Dann frag ich mich aber, warum die anderen Kinder nicht auch eine Vier in Schrift haben. Haben sie bessere Tinte und besseres Papier?"

Der Pappi hatte recht. Sie musste sich mehr Mühe geben. Nach den Schularbeiten übte sie Schreiben mit dem Federhalter, seitenlang. Täglich wurde ihre Schrift besser. In Diktaten erhielt sie jetzt immer eine Drei in Schrift, Endzensur Eins. Aber der Vater war immer noch nicht zufrieden. „Eine Zwei in Schrift, hab ich gesagt. Das ist auch fortschrittliches Bewusstsein. Daran lass ich nicht rütteln!"

In den westalliierten Sektoren hatte es im Sommer eine Währungsreform gegeben. Der Vater schimpfte: „Spalterwährung! Judaslohn!" Von einem Tag auf den anderen prangten die Läden in bunten Farben, die Schaufenster waren gefüllt mit Dingen, die Jo nie gesehen hatte. Überall entstanden Buden, an denen man für wenige Pfennige Kaugummi, Sahnebonbons und Schokolade kaufen konnte. Jo bettelte die Großmutter: „Kauf mir doch einen Kaugummi, bitte, Oma." Großmutter hielt nichts von Kaugummi. „Ich kauf dir lieber Schokolade, die ist nahrhafter."

Jo strich durch die bunten Läden. Bei Hertie stand sie lange vor einer großen offenen Vitrine: ein ganzer Berg in Zellophanpapier eingewickelter Füllhalter, Stück eine Mark. Einen solchen Füllhalter haben! Dann verlief die Tinte nicht mehr, sie bekäme eine Zwei in Schrift und würde Junger Pionier werden dürfen!

Jo bettelte: „Oma, ich brauche einen Füllhalter. Bei Hertie gibt es ganz billige, nur eine Mark!

Dann will ich auch keinen Kaugummi haben und keine Schokolade. Bitte, liebe, liebe Oma.

Nur einmal, nur einen Füllhalter."

„Füllhalter? Da frag mal deinen Vater, der ist dafür zuständig. Das kann ich Opa nicht erklären, der kontrolliert mein Haushaltsbuch."

Der Vater arbeitete inzwischen bei der DEFA in Babelsberg. Das Gehalt im Osten war niedrig, es wurde zu sechzig Prozent in Ostwährung und zu vierzig Prozent in Westwährung ausgezahlt. Von den vierzig Prozent mussten die Miete und die Strom- und Gasrechnungen bezahlt werden. „Nur harte Währung, was soll ich mit dem Klopapier", sagte der Hauswirt, als der Vater ihm die doppelte Miete in Ostwährung anbot. Von den sechzig Prozent Ostwährung wurden Lebensmittel eingekauft, in der Boyenstraße, im Russensektor, wo Großmutter mal Stammkundin war.

Die Eltern konnte Jo also nicht bitten, ihr einen Füller bei Hertie zu kaufen. „Oma, liebe Oma. Ich will nie mehr im Leben Schokolade essen. Ich will nur einmal einen einzigen Füller. Schenk ihn mir doch zu Weihnachten. Bitte, Oma. Dann stänkere ich auch nicht mehr mit Siggi."

„Den Siggi siehst du jetzt doch gar nicht mehr. Kommt abends, verschwindet morgens, wie ein Schlafbruder. Aber gut, Jo, ich lass mich breitschlagen. Aber dass du Opa nichts sagst. Dafür gibt es heute aber auch keine Schokolade. Opa sieht sich mein Haushaltsbuch ganz genau an. Da kann ich nicht schreiben: einen Füller für Jo. Dann kriegt der einen Anfall. Ich schreib: Schokolade." Und bekümmert fügte sie hinzu: „Und das alles, weil Rita ihrer bei den Roten ist. Zustände sind das. Und woher willst du den Füller haben?"

„Ooch, da fällt mir schon was ein, Oma."

Und dann hielt Jo den Füller in der Hand. Einen richtigen Füller. Andächtig entfernte sie das Zellophanpapier und füllte die Tinte ein. Probehalber kritzelte sie ihren Namen auf einen Fetzen Packpapier. Gestochen scharf stand er da, in blauer Tinte, wie gedruckt: Jo. Ohne Faserspuren, ohne Kleckse. Sie würde nicht nur eine Zwei, sondern sogar eine Eins in Schrift bekommen, da war sie sicher.

Und jetzt, jetzt endlich konnte sie Junger Pionier werden.

von fak - veröffentlicht in: Fleiss, Hanna - Community: Mehr menschlichkeit
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