Es war ein Junge. Die Mutter hielt das Baby im Arm und zeigte es Jo: „Sieh mal, wie hübsch er ist." Jo schluckte. Jetzt war das Baby da. „Aber was ist denn das für ein Horn am Kopf?"
„Das?" Die Mutter fuhr liebkosend mit der Hand über das Babyköpfchen. „Das ist eine Geburtsbeule. War nicht ganz einfach, die Geburt."
Jetzt waren sie drei Kinder. Drei Kinder und zwei Erwachsene in Stube und Küche. Und so ein hässliches Baby! Mit Beule am Kopf! Jo wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.
Der Vater staunte: „Wie hast du das angestellt? Meine Tochter hat in Schrift eine Eins! Na, da muss ich doch zustimmen. Jo, du hast mich wieder mal aufs Kreuz gelegt! Natürlich darfst du jetzt Pionier werden."
Zur Pioniergruppe gehörten Jörg, Gabi, Trapper, Wölfchen, Dieter und Ilona. Ilona war die beste Schülerin der Schule. Sie war ein hübsches Mädchen: tiefschwarze lange Zöpfe, in die sie rote oder weiße Seidenschleifen band, dunkle Augen, eine Haut wie Milch und Seide.
Jörg bestimmte, was die Pioniere an den Pioniernachmittagen tun würden: mal mit sowjetischen Pionieren Erfahrungen austauschen, mal ins Kindertheater, mal um den Müggelsee herumwandern, mal Rechenschaftsberichte abgeben.
Gabi war neidisch auf Ilonas schöne Zöpfe. Sie ließ sich auch Zöpfe wachsen, aber ihre waren dünn und aschgrau. Ständig hatte sie an Ilona etwas auszusetzen. „Die kiekt ja so komisch", sagte sie. Jo wurde wütend. „Pioniere sind nicht neidisch. Und sie zanken sich nicht wegen der doofen Zöpfe."
Trapper hieß so, weil er immer von Trappern und Indianern schwärmte. „Du müsstest eigentlich Zappelphilipp heißen", sagte Jo. „Man zieht an deiner Quasselstrippe, und schon zappeln deine Arme und Beine." Trapper wurde rot. Er war beleidigt. „Und du? Du müsstest Schmierfink heißen!" Jetzt war Jo beleidigt. „Aber ich habe mich gebessert, ich habe jetzt in Schrift eine Eins! Selber Schmierfink!"
Wölfchen und Dieter waren Freunde. Ständig waren sie auf der Suche nach verborgenen Schätzen. Einmal, prahlte Wölfchen, hätten sie in einer Ruine einen vergrabenen Schatz ausgebuddelt. „Und was war das?" Wölfchen geriet ins Stottern. „Das weiß ich nicht mehr, Dieter hat den Schatz." Jo lachte. „Mir kannst du viel erzählen! Einen Schatz! In einer Ruine! Da findest du höchstens noch einen verbeulten Nachttopf!"
Pionierleiterin war Lydia, eine junge Frau, die sich immer ein geblümtes russisches Tuch um den Hals schlang. Sie hatte mit ihren Eltern in der Sowjetunion gelebt und war erst vor kurzem nach Deutschland zurückgekommen. Sie sprach halb deutsch, halb russisch. Lydia kannte viele Spiele für Kinder, ganz andere, als Jo sie kannte. Zum Beispiel „Wir fahren nach Jerusalem" oder Gedichteraten, oder jemand nannte eine Jahreszahl, und die anderen mussten erraten, welcher Dichter in diesem Jahr geboren wurde. Lydia sang sehr gern. Alle Kinder lernten von ihr russische Lieder. Am besten gefiel Jo das Lied „Wolga, Wolga, matsch radnaja", sie sang es öfter, wenn sie Schularbeiten machte.
Lydia hatte in Moskau in einem Chor gesungen, und sie war traurig, dass sie in Deutschland noch keinen neuen Chor gefunden hatte. „Am besten, wir gründen selbst einen Chor!" Alle waren begeistert, am meisten Jo. „Ich kenne alle Volkslieder, ich habe sie im FDJ-Zeltlager gelernt." Und Lydia lernte von Jo die Melodien und Texte der deutschen Volkslieder, während Lydia sich mit russischen Liedern revanchierte.
Zum erstenmal trat der Chor zur Weihnachtsfeier auf. Weil es einen so großen Raum in der Schule nicht gab, wurde Weihnachten auf dem Schulhof gefeiert. Es war kalt, aber die Begeisterung machte die Herzen der Kinder warm. Und als der Chor dann sang, klatschte die ganze Schule, bis die Finger wund waren, und neue Kinder wurden Chormitglieder.
Der Chor sang auch in anderen Schulen, er wurde berühmt wegen der melancholischen Lieder, die die Kinder auf russisch sangen. Zwar verstand niemand ein Wort, aber Lydia übersetzte die Texte. Einmal fuhren die Kinder sogar bis nach Greifswald zu einem Chorwettbewerb. Einen Platz errangen sie nicht, aber eine Fresstüte wurde jedem Sänger als Trostpreis in die Hand gedrückt, darin Dropse, Kekse, Dauerwurst und ein Apfel.
Die Mutter freute sich über die Dauerwurst. „Endlich mal was auf der Stulle! Nicht immer bloß Margarine! Ich weiß schon gar nicht mehr, wie Wurst schmeckt." Hunger litten sie jetzt nicht mehr, aber mehr als Margarinestullen zur Schule und zu Mittag Weißkohl- oder Mohrrübeneintopf oder Kartoffelsuppe konnte sich die Familie nicht leisten, schon gar nicht Fleisch oder Wurst. Die Familie war zu groß und das Gehalt des Vaters zu klein. Großmutter steckte Jo etwas zu, heimlich, damit es der Großvater nicht erführe: ein halbes Weißbrot, einen angebrochenen Rama-Margarinewürfel, eine Tüte Mehl oder Gries, zu Weihnachten eine bunte Tüte voller Schokolade, Kringel und Lebkuchen.
Anfang Dezember gab es eine Überraschung: Ein Paket kam an. Aus der Schweiz, vom Roten Kreuz. Die Mutter öffnete es. „Nein, so etwas! Deine Hylusdrüse zahlt sich aus, Jo!
Sieh mal, was sie dir schicken." Die Mutter hielt eine Flasche in der Hand: Lebertran!
Zwei Knäuel weicher rosa Wolle lagen im Paket, zwei Büchsen Cornedbeef, eine Tüte Zucker, Bonbons und ein Stofftier, eine Maus, die quietschen konnte. „Bedank dich beim Roten Kreuz, mal ihnen was und schreib ein Gedicht dazu, das kannst du doch", sagte die Mutter.
Der Vater, als er die Bescherung des Roten Kreuzes sah, geriet in Wut. „Das haben wir nicht nötig, dass sie uns Almosen schicken! Schick das Paket zurück, Rita!" Die Mutter war störrisch. „Das soll Jo entscheiden, es ist ihr Paket." Jo entschied: Das Paket bleibt, die Maus bekommt Veronika. „Aber den Lebertran trinke ich nicht!" Der Vater grinste. „Das Beste am Paket, und du willst es nicht. Dann trink ich ihn!" Und er nahm die Flasche und trank sie auf einen Zug aus. Jo zählte die Glucker in seiner Kehle. Sie war starr vor Staunen: Das war wirklich eine Leistung.
Großmutter, wenn Jo sie besuchte, strickte. Ein ganzes Fach im Vertiko hatte sie mit bunter Wolle zugestopft, die Tür ließ sich schon schlecht schließen. „Jo, meine Kleine, ich strick euch was für den Winter. Sieh mal, was ich mir für ein Muster ausgedacht habe."
Großmutter strickte für jeden etwas: Zuerst für den Großvater einen dicken warmen Schal aus grauer Angorawolle, für Siggi, den Jo lange Zeit nicht gesehen und nach dem sie auch keine Sehnsucht hatte, mehrere Paar Socken, für die Mutter ein Tuch aus Mooswolle, filigran gestrickt, sie saß lange daran. Jo bekam einen blauen Pullover mit Noppen, sie trug ihn nur sonntags oder bei festlichen Anlässen. Großmutter strickte und strickte. „Mein Strickwunder", sagte Großvater.
Jo war jetzt wieder eine gute Schülerin geworden. Herr Menzel hielt ihr Diktatheft hoch: „Nehmt euch ein Beispiel! Da kann ich ja nur eine uneingeschränkte Eins geben!"
Klaus, der neben ihr saß, stieß Jo in die Rippen: „Angeberin!"
Jörg hatte sich etwas ausgedacht: Den Westschutzmann ärgern. „Alle kommen mit Pioniertüchern. Und dann sag ich euch, wie wir es machen!"
Berlin war jetzt auch äußerlich geteilt. In den Westsektoren gab es volle Läden, im Ostsektor hingen Stalinbilder in den Schaufenstern, garniert mit einem Blumentopf. An den Sektorengrenzen standen Polizisten, bewaffnet nur mit einem Knüppel, noch durften sie keine Schusswaffen tragen, auf dem Kopf einen Helm aus schwarzem Bakelit.
In der Invalidenstraße, dort, wo sie nicht mehr Müllerstraße hieß und wo später das Walter-Ulbricht-Stadion gebaut wurde, war die Grenze zwischen den Stadtbezirken Wedding und Mitte. Zwei Welten trafen hier aufeinander, in den Augen der meisten Menschen, registrierte Jo, war die gute Welt die Westwelt und die schlechte Welt die Ostwelt.
Der Polizist stand stramm vor der Ruine. Er langweilte sich und blickte aufmerksam zu den Kindern hinüber. Er schlug sich sanft mit dem Knüppel an die Beine, abwartend, die Kinder mit den Pioniertüchern, diesen blauen Lappen, hatten irgendwas vor. Leider standen sie auf dem Osttrottoir, und so weit reichte seine Macht nicht.
Jörg verriet seinen Plan. „Also, jemand geht hin und fragt den Polizisten irgendwas. Am besten du, Jo, du traust dich. Irgendwas Freches. Und dann machen wir einen Sprechchor:
‚Nieder mit der Spalterpolizei!‘ Das bringt Punkte im Pioniertagebuch. Los, Jo, du bist dran!"
Jo tat, als ob sie was auf dem Straßenpflaster verloren hätte. Plötzlich stand sie vor dem Polizisten. „Haben Sie nicht mein Portemonnaie gesehen?" Der Polizist blieb stumm. „Na, dann sagen Sie mir doch mal, wie spät es ist." Der Polizist sah nach, er winkelte den Arm an. „Es ist genau fünfzehn Uhr acht", sagte er. „Na, dann ist es ja doch schon ganz schön spät. Fast schon zu spät", sagte Jo. Jetzt begriff der Polizist. „Du Göre, schieb ab! Mich auf den Arm nehmen wollen. Ich komm dir gleich hin!" Er drohte mit dem Knüppel.
Im selben Moment begann der Sprechchor: „Nieder mit der Spalterpolizei! Nieder! Es lebe das vereinte Deutschland!" Es gab wenig Passanten in dieser zerbombten Gegend, trotzdem blieben einige Leute stehen und schimpften mit den Pionieren. „Wie die Pimpfe! Was man den Kindern heute nur für Propaganda beibringt! Wie bei Adolf! Geht erst mal in den Westen und seht euch die vollen Schaufenster an! Die hämmern euch die Ostscheiße nur so in die Köpfe. Werdet erst mal erwachsen, dann könnt ihr mitreden!"
Jo erwiderte nichts. Sie dachte an die Margarinestullen und die Kartoffelsuppe. Was hatte sie von den vollen Schaufenstern?
Abends erzählte sie dem Vater davon. Der war nicht begeistert. „Was habt ihr Lausebande euch dabei gedacht? Gar nichts? Na, das dachte ich mir."
Lydia, als sie am nächsten Tag erfuhr, was geschehen war, schimpfte. „Natürlich kann keiner die Westpolizei leiden, natürlich wollen wir ein einiges Deutschland. Aber doch nicht so. Es gibt schon so genug Zwischenfälle an den Sektorengrenzen. Das hätte ins Auge gehen können!"
Die Pioniere standen mit gesenkten Köpfen vor ihr. Alle Begeisterung war verflogen.
Jörg prahlte: „Ich mach mir nichts aus der Meckerei. Das nächste Mal machen wir es eben schlauer." Alle waren einverstanden. Doch am meisten einverstanden war Jo.