Seit zwanzig Jahren keine Mauertoten! – keine Mauern?
Jänner 1990
WENDE-ELEGIE
Lamentationes inutiles sine fine
Jahrzehnte haben wir
vertrauend einer Fiktion,
entarteten Apologeten,
in dekretierter Bescheidung
kollektiv gelebt, vegetiert
zwischen Reichtum und Not,
genügsam-beschränkt geträumt
von einer Welt des Friedens,
des Brotes, des Rechtes auf Leben
für jeden, für alle Menschen,
von einer heilen Welt,
naiv-überheblich gemeint,
wir hätten die Weisheit gepachtet,
gleich uns dächten alle im Lande,
gläubig der Sache willen
eigenes Unbehagen,
Skrupel, Unmut, Widerspruch,
Aufbegehren verdrängt,
gefühlt nicht, nicht bemerkt,
was an Verbitterung
sich da aufgestaut,
zur Erhebung treibt.
Jetzt, da die Ketten gesprengt
in friedlicher Revolution
herrscht chaotischer Taumel
polarer Emotionen,
finden sich Freude und Angst,
Selbstgefühl, Depression,
Zuversicht, Pessimismus,
Tatendrang, Lethargie,
Stolz und tiefe Scham
(tiefe, tiefe Scham auch!)
in und zwischen den Menschen,
Assoziationen, Parteien,
Foren, Vereinen, Verbänden,
jede Empfindung für sich
oder diverse zugleich,
nicht selten unvermittelt
alternierend bezüglich
Charakter und Kombination
ein Wechselbad von Gefühlen.
Jetzt, da das Volk, befreit
von Druck und Intoleranz,
verallgemeinerndem Schluß nach,
fragwürdig desiderablem,
als mündig gar hochgelobt,
vor der Möglichkeit steht,
basis-demokratisch
(wie demokratisch sonst?)
Mehrheitskonsens-verpflichtet
auf dem Scherbenhaufen
des hinweggefegten,
monarch-oligarchen Systems
seine Welt zu errichten,
die ihm genehme, nur ihm,
sich selbst verschworen-hörige,
Minoritäten achtende,
zwanglos integrierende,
weltoffen humanistische,
macht Anarchie sich breit,
sich äußernd in Demonstrationen
für und gegen alles,
in unproduktiven Debatten,
kontrovers aus Prinzip,
in wilder Urlaubnahme,
wütendem Reisedrang,
in Arbeitsbummelei,
disziplinärer, letztendes
umfassender, allgemeiner
galoppierender Depravation,
wächst unübersehbar
aus brodelndem Untergrund
Aggressivität
gegen Andersdenkende,
unverkennbar auch
hierzulande, so hieß es,
längst überwundene,
gegen Mitbürger, Gäste,
uns gutgläubig ergeben,
Studenten, Lehrlinge, Arbeiter,
aufgenommen als Freunde,
gegen so äußerliches
wie Herkunft, Hautteint, Akzent,
mehrt sich die Zahl der Bürger,
die trotz Pluralismus
betonendem Gehabe
darin sich einig sind,
daß alles, was war, war schlecht,
die, preisgebend Identität,
Charakter selbst und Stolz,
als Schnorrer sich prostituieren,
Sirenengesängen verfallen,
Sprüchen von teutschem Charme,
auf Büchsen-Cola und Kiwis
auf selbstlose Hilfe warten,
Hilfe vom Kapital,
dem Golem mit steinernem Herzen,
während sie ganz im Stillen,
verdeckt hinter Schmonzes und Schmattes,
einem Perlschnurvorhang
blendender Worte und Reden,
glitzender Talmigeschenke,
schon ausgepowert werden.
Jetzt, da das Volk sich entledigt
borniert arrogant repressiver
Vormundschaft, vergreister
Kuratorenhand;
penetrant besorgter Betreuung
durch gängelnde Gouvernanten;
pointiert dezenter Obhut
verdeckter Seelenwächter,
Schutzengel, professioneller;
Androhung, präventiver,
Verordnung und Vollzug
von Maßnahmen zur Erziehung
starrsinnig unbelehrbarer
Individualisten
seitens der Obrigkeit,
beflissener Funktionäre,
systemgefüger Adepten
zweckdienlich formbaren Rechts;
gar staatlichen Alumnaten
dubios beschränkter Haftung;
Jetzt, da es alldem entronnen,
ohne Schirm in die Freiheit entlassen,
Jetzt, da es majorenn,
nicht nur dem Worte nach,
Jetzt, auf sich selbst gestellt
gebricht’s ihm an Selbstvertrauen,
weiß es nicht, was zu tun,
hat es auf einmal Angst,
verspätet und unbegründet,
vor seiner eig’nen Courage,
fehlt ihm, komplexbeladen
aus der Vergangenheit,
der Mut zu gebotener Tat,
auf eigen-ureigenem Weg
an der eigenen Zukunft zu bauen.
Jetzt, da das Volk seine Ketten
gesprengt, da das Volk souverän
vor der Möglichkeit steht,
barmherzig der Zukunft, den Kindern,
der Natur, der Welt gegenüber,
Träumen, bislang mißbrauchten
folgend, Keime zu säen,
die Gemeinsinn, die Liebe beflügeln,
eine Saat in den Boden zu bringen,
aus der Humanismus erwächst,
wählt es, kaum sich bedenkend,
verführt von der düsteren Pracht,
vom drügenden Widerschein
platten Phäakentums,
rücksichtsloser Genußsucht,
verführt von der Aureole
grenzenloser Freiheit
(Freiheit wovon? wofür?)
im angeblich besten aller
virtuellen Sozio-Systeme,
wählt es, so korrumpiert,
statt produktivem Suchen
nach geeigneter Alternative
in sachlicher Partnerschaft
(wobei nur allzu fraglich:
hätte man sie gewährt?)
bedingungslosen Anschluß,
verhüllendes Synonym
für schlichte Unterwerfung,
hoffend zu partizipieren
an Wohlstand und Libertät
nicht achtend die Kenntnis, woher
der Reichtum, der Überfluß,
die dünkelhafte Ansicht,
auserwählt, gestellt zu sein
über alles in der Welt,
verdrängend das Wissen um Hunger,
Krankheit, Siechtum und Tod,
Substrat dieser Prosperität,
dieser Selbstüberheblichkeit.
Jetzt, da das Volk sich freut,
über dem Berge zu sein,
befreit dem Tage lebt,
fehlt ihm der Blick für das,
ahnt eine Minderheit nur,
was morgen sich vor ihm türmt,
vor ihm, dem Volk, das gezeichnet
vom Kainsmal seiner Geschichte.