Sonntag, 9. november 2008
Mit Rabenflügeln stürzt die Nacht hernieder,
Aas suchend stakst sie durch die stillen Räume,
schleicht diebisch sich in meine sanften Träume,
krächzt heiser düstre Galgenvogellieder.
Den Kopf verwirrt vom Nachtmahr, schwer die Glieder,
so lieg ich wach und stell mir bange Fragen,
hör plötzlich hell die Nachtigallen schlagen
und schließ beglückt, entrückt die Augenlider.
Und träum von all den Vögeln unter Sternen,
von Dodos, Kiwis in den weiten Fernen,
von Eulen, Käuzen, Uhus in den Wäldern.
Von Vögeln, die am Morgen erst erwachen -
werd morgen über meine Dummheit lachen,
wenn kluge Raben kreisen über Feldern.
Flink, flink, flink, fangt frischen Fisch,
Tintenfisch mit langen Armen,
hackt ihn, presst ihn ohn' Erbarmen,
würzt ihn, bringt ihn auf den Tisch!
Fischdöner! Der letzte Schrei
auf'm Kiez nachts um halb eins,
Mädchen futtern und Karl-Heinz,
auch die Luden sind dabei.
Alle haun sie rein wie doll,
haben Riesenappetit,
saufen dazu Aquavit,
kotzen dann die Theke voll.
Hauen sich die Augen blau,
schlagen sich die Köppe ein.
Schon sticht’s einer ab, das Schwein.
Übrig bleibt ein Mordsverhau.
Und mein Liebster wischt und rennt
vierzehn Stunden voller Hast,
gönnt sich weder Ruh noch Rast,
's bisschen Freizeit wird verpennt.
Ackert, rackert wie ein Tier,
denkt sich: Mann, der Job ist schwer,
mies bezahlt, doch noch was mehr
als zum Amt gehn für Hartz IV.
Tu die Arbeit, putz das Klo
und erfülle deine Pflicht.
Trotzdem, Schatz, vergiss mich nicht,
bald mach ich dich wieder froh!
Petra Namyslo
Im blassen Morgenlicht, in den dunklen Raum
verwoben, die Silhouette einer einsamen Frau
am Fenster, den Kopf schlaftrunken im Traum
gefangen, dessen Gespenst, müde und grau,
bettschwer in sein finsteres Versteck schlurft.
Am frühen wolkenverhangenen Himmel kreist
ein schwarzer Vogel, Bote aus einem fernen
Land jenseits der Wolken. Der Weg verwaist,
der sie wegführt, hin zu den silbernen Sternen.
Ach, hätte es wirklich all des Schmerzes bedurft?
Nichts mehr zu fühlen, ohne Furcht, Verlangen
oder Begierde zu sein. Kein Wunsch oder Wille
hält die Frau noch in Raum und Zeit gefangen.
In Gedanken flieht sie weit weg in die ferne Stille,
befreit von dem Dasein, das sie einst bedrückt.
Sie öffnet das Fenster, atmet ein letztes Mal
die frische Morgenluft. Sie breitet die Arme aus.
Und während sie fortfliegt aus dem Jammertal,
weht ihr letzter Atem leise in den Tag hinaus.
Und schon ist ihre Seele Zeit und Raum entrückt.
Petra Namyslo