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germanist 

 

marbach Germanistik im Netz - Virtuelle Fachbibliothek Germanistik  

Gegen deutsche Kriege

20. Mai 2008 2 20 /05 /Mai /2008 06:52

vom täufer

redet man

noch immer

von ihm

noch nicht

obwohl er

einer mission folgt

so sagt er

sich

lass deine

werke sprechen

ein torweg

vom bürgersteig zum hof

bunt gekachelt

gefliest

doch der zweck

heiligt die

nicht von ihm

zu zahlenden mittel

allein

er fügt

die schwarz

abgedrückte

farbe

zu einem wort zusammen

FUCK

noch einmal

FUCK

so hat

johannes die

welt

verstanden

schwarz

in wolken

durch die düse

gedrückt.

(Slov ant Gali)

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19. Mai 2008 1 19 /05 /Mai /2008 05:29

es kann sein

ich habe dich

blühend

geliebt.

 

trockene

starre stacheln

an gezahnten fiederteiligen welligen

blättern

widerstehen

kaltem wind.

 

funkelndes

blattwerk dorrt über

tief versteckten

wurzeln

frostwind

vereist fragen.

 

wenn sonne lockt

öffnen sich neue

blüten neuen

hummeln und neuen

eseln wirst du 

blähungen bringen.

 

es kann sein

ich habe dich

geliebt

(Slov ant Gali; enthalten in „Mit Blindenhund durchs Liebesland“, erste Lesung im Kulturforum Hellersdorf am 2.6.08, 19.00 Uhr)

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18. Mai 2008 7 18 /05 /Mai /2008 06:25

11.7. Waisen (reimlose Zeilen innerhalb eines Reimgefüges):

                                                                                                                         (Weerth, Lebewohl)

Noch einen Kuß, noch einen Druck der Hand!

Und fröhlich zieh ich dann von Land zu Land;

Laß einmal noch der schwarzen Locken Pracht

Im Winde wehn, noch einmal singe sacht

Das schönste mir von deinen schönen Liedern!

oder:

                                                                                                           (E.Möricke, Der Feuerreiter)

            Sehet ihr am Fensterlein

            Dort die rote Mütze wieder?

            Nicht geheuer muß es sein,

            Denn er geht schon auf und nieder.

            Und auf einmal welch Gewühle

            Bei der Brücke, nach dem Feld!

            Horch! Das Feuergköcklein gellt!

                        Hinterm Berg,

                        Hinterm Berg

            Brennt es in der Mühle!

 

11.8. Körner: Verse, die sich nicht innerhalb der gleichen Strophe, sondern mit bestimmter      Verszeile einer anderen Strophe reimen.

                                                                                                                                          (Goethe)

 


Feiger Gedanken

Bängliche Schwanken,

Weibisches Zagen,

Ängstliches Klagen

Wendet kein Elend,

Macht dich nicht frei.

 

Allen Gewalten

Zum Trotz sich erhalten,

Nimmer sich beuden,

Kräftig sich zeigen,

Rufet die Arme

Der Götter herbei!

 


 

11.9. Schlagreim (innerhalb einer Reihe 2 aufeinander folgende Wörter):

                                                                                                                         (Rilke, Der Panther)

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

So müd geworden, daß er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

Und hinter tausend Stäben keine Welt.

 

Sonderform Echoreim: ganze oder teilweise Wiederholung des letzten Wortes, eines als Frage            formulierten Verses

                                                                                                        (A.W.Schlegel, Waldgespräch)

            Hier bin ich einsam, keiner hört die Klage.   Klage!

                        Niemand vertrau’ ich mein verzagtes Stöhnen.   Tönen.

                        Soll ich stets ungeliebt der Spröden fröhnen?   höhnen.

                        Wie lang harr’ ich umsonst, daß es mir tage?   Tage

            Mich findet Gunst zu leicht auf ihrer Wage.   wage!

                        Wem liegt wohl dran, mein Leben zu verschönen?   Schönen.

                        So wird das holde Glück mich endlich krönen?   Krönen.

                        Wer gibt mir frohe Kund’ auf jede Frage?   frage!

            Was ist dein Thun dort in den Felsenhallen?   hallen.

                        Und was ist Schuld, daß du nur Laut geblieben?   lieben.

                        So fühlst du etwas bei Verliebter Schmerzen?   schmerzen.

            Glaubst du, dein Spiel könn’ irgend wem gefallen?   allen.

                        Wem wird es denn zu lieb mit uns getrieben?   Trieben.

                        Wer sehnt sich leeren Widerhall zu herzen? Herzen.

 

Sonderform nachhallender oder endschallender Reim: Gleichklang zweier oder mehrerer         Silben von der letzten Hebung an

                                                                                                                                    (Fr.Rückert)

            Die Ernt’ ist wie die Saat, drum, was ihr sät, seht!

            Ein Tor, wer früh versäumt hat, und zu spät späht,

            Wie wer den Braten wegwirft und das Bret brät.

            Wer nie dem Rater folgt, der was mißrät, rät,

            Und nie, was er gebaut, zerstört, der steht, stät,

            Auf dieser ird’schen Welt, die selbst nicht stät steht.

 

11.10. Binnen/Innenreim:

                                                                                                                            (Bürger, Leonore)

Und horch! Und horch! Der Pfortenring

Ging lose, leise klinglingling!

Komm’, schürze, spring’ und schwinge dich!

Und Liebchen schürzte, sprang und schwang

Sich auf das Roß behende

 

oder:

                                                                                                                                        (H.Heine)

            Eine starke schwarze Barke

            segelt trauervoll dahin

            Die verstummten und vermummten

            Leichenhüter sitzen drin.

 

Sonderformen:

 

a. Mittelreim: Reim im Inneren aufeinanderfolgender Verse

 

b. Mittenreim: Reim zwischen Versende und vorangehendem oder folgendem Vers;

 

c. Schlagreim: Gleichklang unmittelbar aufeinander folgender Wörter in einem Vers (s. unter    11.9)

 

d. Zäsurreim – Reim im Versinneren vor ener Zäsur

                                                                                                                         (Nibelungenstrophe)

            Uns ist in alten maeren     wunders vil geseit

            von helden lobebaeren,     von grôzer arebeit,

            von fröuden, hôchgezîten,     von weinen und von klagen,

            von küener recken strîten     muget ir nu wunder hoeren sagen.

 

oder:

                                                                                                                           (aus Snorra-Edda)

            Farar snarar fylkir byrjar,

            freka breka lemr á snekkjum.

            Vaka taka visat rekkar,

            (usw)

 

11.11. Augenreim = Reim zwischen orthographisch identischen, versch. ausgesprochenen       Worten:

            LogeWoge oder Frauchenrauchen

 

11.12. Schleppreim: identischer Reim hinter dem richtigen Reim (meist in Scherzgedichten)

            Ach komm hernieder, mache neu,

            Den Frühling wieder mache neu.

 

11.13. gebrochener Reim: Reimbildung durch eine Silbe im Wortinneren (in verstärkender,      oft humorvoller Absicht)

                                                                                                                                   (Hans Sachs)

            Hans Sachs war ein Schuh-

            macher und Poet dazu

 

oder:

                                                                                        (W. Busch, Abenteuer eines Junggesellen)

            Knarr – da öffnet sich die Tür,

            Wehe! Wer tritt da herfür?

            Madam Sauerbrod, die schein-

            Tot gewesen, tritt herein.

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17. Mai 2008 6 17 /05 /Mai /2008 05:53

2008 wurde der ver.di-Literaturpreis für Prosa (im jährlichen Wechsel mit Lyrik und Kinder-/ Jugendliteratur) vergeben.

Preisträger war


Volker Brauns
in der Insel-Bücherei erschienene Büchlein

 „Das Mittagsmahl“.


Eigentlich ein Muss für alle, die mit Worten arbeiten…Nein, ich werde auch nicht dem Verlangen nachgeben, ein paar Sätze zu zitieren. Das Buch enthält zu viele solcher Sätze – und die anderen haben es nicht verdient, ignoriert zu werden.

Der Text ist sparsam mit Eigenschaftswörtern. Wer Action sucht, ist sicher auch am falschen Platz. Es ist „einfach“ eine kurze Reflexion zum Verhältnis zu seinem in den letzten Kriegstagen gefallenen Vater. (Es ist soweit "einfach", wie man dies bei Volker Braun erwarten kann.) Man kann sich dem Text nicht entziehen: Man ist berührt.

(Slov ant Gali)

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16. Mai 2008 5 16 /05 /Mai /2008 06:05

Lichtgeborener Nachmittag.
Kein Laut, kein Wind.

Der im Angerteich grundelt,
Der Höckerschwan, weckt unbekümmert
Schlafende Seerosengeister. Fünffingrig,
Von schönem Geäder, wehts
Herbstlich von den Bäumen herüber,
Fängt sich im Uferröhricht.

Holunderbüsche, über Zäune
Gewunden, sonnenprall, blauschwarzes
Gehänge. Blüten, von spätem Rot,
In den Vorgärten, Moos zwischen Kopfsteinen,
Strohbraune Dächer. Hinterm Fenster
Ein altes Gesicht, müd
Beschwerlicher Sommer und Winter.

Trunken vom Tag,
Stürmt der Schwan übers Wasser fort.
Herüber vom Ahornwäldchen
Schickt er den Seerosenschrei,
Federnweiß.

(Hanna Fleiß)

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15. Mai 2008 4 15 /05 /Mai /2008 06:06

 als sie im letzten band
einer kulturgeschichte
der menschheit
las
es seien
die vernünftigsten wesen gewesen
die den planeten erde
unbewohnbar
für sich  
gemacht hatten
meinte sie
das buch
sei schlecht
geschrieben

(Slov ant Gali)

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14. Mai 2008 3 14 /05 /Mai /2008 06:45

11. besondere Formen des Reims:

 

11.1. Halbreim, unreiner Reim: Ach neige / Du Schmerzensreiche (Goethe); Jugend / su­      chend respektive Zweig / reich (Novalis); Auge / Hauche (George)

                                                                                                                                       (Volkslied)

Dort hoch auf jenem Berge

Da steht ein Mühlenrad,

Das mahlet nichts denn Liebe

Die Nacht bis an den Tag.

 

11.2. Assonanzen (im Beispiel auf u, durch alle Strophen):

                                                                                                                          (Heine, Akmansor)

In dem Dome zu Cordova

Stehen Säulen, dreizehnhundert,

Dreizehnhundert Riesensäulen

Tragen die gewalt’ge Kuppel.

Und auf Säulen, Kuppel, Wänden

Ziehn von oben sich bis unten

Des Konrans arab’sche Sprüche,

Klug und blumenhaft verschlungen.

Mohrenkön’ge bauten weiland

Dieses Haus zu Allahs Ruhme,

Doch hat vieles sich verwandelt

In der Zeiten dunklem Strudel.

 

11.3. rührende Reime (auch Konsonanten vor reimtragendem Vokal einander gleich):

nieman ne was ime gelîch:

sîn antlizze was zîrlîch.

 

11.4. identischer Reim:

                                                                                (Volkslied, Es blies ein Jäger wohl in sein Horn)

Deine großen Hunde, die fürcht’ ich nicht.

Sie kennen meine hohen, weiten Sprünge ja nicht.

 

oder:

                                                                                                                      (Goethe, Blumengruß)

Der Strauß, den ich gepflücket,

Grüße dich vieltausendmal!

Ich habe mich oft gebücket,

Ach, wohl ein tausendmal,

Und ihn ans Herz gedrücket

Wie hunderttausendmal.

 

oder:

                                                                                               (aus K.v.Holtei, Ein Wiener in Berlin)

            In Berlin, sagt er,

            mußt du sein, sagt er,

            Und gescheit, sagt er,

            Immer sein, sagt sagt er,

            Denn da habens, sagt er,

            Viel Verstand, sagt er,

            Und ich bin dort, sagt er,

            Schon bekannt, sagt er.

 

11.5. erweiterter Reim (mehr als zwei Silben):

                                                                                                                          (Keller, Im Schnee)

Wie naht das finster türmende

Gewölk so schwarz und schwer!

Wie jagt der Wind, der stürmende,

Das Schneegestöber her!

 

oder (häufig in Ghaselen):

                                                                                                    (Platen, Im Wasser wogt die Lilie)

Im Wasser wogt die Lilie, die blanke, hin und her,

Doch irrst du, Freund, sobald du sagst, sie schwanke hin und her!

Es wurzelt ja so fest ihr Fuß im tiefen Meeresgrund,

Ihr Haupt nur wiegt ein lieblicher Gedanke hin und her!

 

11.6. Schüttelreim:, Sonderform des Doppelreims (die den Gleichlaut einleitenden Konsonanten vertauscht):

                                                                                                                                            (Heine)

            Sie tragen Rotmäntelchen, lang und bauschig,

            Die Miene ist ehrlich, doch bang und lauschig.

                                                                                                                                           (Trojan)

Man sollte ihn nur auf Schächerbänken

Den Gästen in die Becher schenken
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13. Mai 2008 2 13 /05 /Mai /2008 06:04
um mich
wabert
das nichts
ich erwarte
den knall
und alles
fängt
an


(Slov ant Gali)
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12. Mai 2008 1 12 /05 /Mai /2008 06:00
 Mond, flüstre ich, Mond,
Fröhlicher Eintänzer der Nacht.
Stern, sagst du, des klirrenden Frosts,
Alte Finsternis, willkommen.

Der Nachtvogelschrei. Von blauem Schwarz,
Sagst du, das Gesträuch in der Kühle. Weiß,
Flüstre ich, das Haar der Birke, jetzt,
Unterm Nebelgeflirr.

Dein fernes Gesicht im Dunst
Der schwarzen Stille, die rauscht, die stöhnt.
Sieh mich an. Dass uns Gras wächst ins Haus,
Dass uns septembers schneit Heu ins Haar.


(Hanna Fleiß)
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11. Mai 2008 7 11 /05 /Mai /2008 06:36

Streit und Widerstreit

Horst Schneider »Hysterische Historiker Vom Sinn und Unsinn eines verordneten Geschichtsbildes“ Verlag Wiljo Heinen, Böklund 2007,3o4 Seiten, brosch., ISBN 978-3-939828-14-3, 12,00€

 

Ein Stabreim im Buchtitel - wenn das keinen harmonisierenden Zusammenklang eines wechselvollen Inhalts bedeutet. dann ist’s die notwendige Ironie, mit der man sich heutiger Geschichtsschreibung nähern sollte. Vom Sinn und Unsinn eines verordneten Geschichtsbildes« handelt die Streitschrift des Dresdner Historikers Horst Schneider und zielt auf die sich objektiv und  wissenschaftlich gebende Geschichtsdarstellung der DDR im heutigen  „einig Vaterland«. Wer die Flut der Publikationen zum verflossenen Staat auf deutschem Boden überschaut, findet eine  Geschichtslandschaft. die von Diktatur  und Stasi.von Unrechtsstaat und trutzigem Widerstand dagegen, von Nischen und Ampel- oder Sandmännchen geprägt ist.

 

Der Autor, jüngst erst 80 geworden, will auf seine alten Tage ein solches Bild nicht dauernd vorgehalten bekommen und wenigstens hie und da ein paar Korrekturen zurechtrücken. Er beginnt Grundlegendem. mit der Gleichsetzung von Nazidiktatur und proklamierter „Diktatur des Proletariats“ in der Rubrik Totalitarismus. Er wählt aus der uferlosen Fülle von Zitaten etliche, deren Grundtenor und verräterischer Höhepunkt das Postulat ist, man dürfe nicht den gleichen Fehler wiederholen, den man gegenüber dem „Dritten Reich“ begangen habe, sondern es gel­te, gründlich mit dem verbreche­rischen System der DDR abzu­rechnen. Diktatur gleich Diktatur. Wenn man sich auf das Niveau von Hubertus Knabe oder Guido Knopp begibt. ersterben ernst­hafte Argumente schon auf der Zunge. Es bedarf äußerster An­strengung. sich Tiraden anzutun. die eigentlich nur umsetzen was Klaus Kinkel 1990. einst Außen­minister und FDP-Vorsitzender, als Ziel formuliert hatte. nämlich alles für die Delegitimierung der DDR zu tun. Joachim Herrmann und Hein Geggel von der SED-Propagandaspitze haben nie sol­che Effektivität erreicht.

Horst Schneiders besonderes Ver­dienst in diesem Umfeld ist die Einbeziehung der BRD-Geschich­te in die konkrete historische Beurteilung gesellschaftlicher Bereiche - von Eigentum über Ideologie bis Erinnerungspolitik. Er zeigt, wie tief greifend die welthistorischen Umstände auf Entwicklung und Politik beider deutschen Staaten gewirkt ha­ben. Die geschenkte Revolution auf dem Gebiet der späteren DDR war vom ersten Augenblick an bedroht, und zwar nicht nur aus Richtung Westen. Das fort­währende Infragestellen der DDR als eigenes Staatswesen brachte Abwehrreaktionen her­vor, die mancher - bis heute - als notwendig erachten mag, die aber das Bild des Aufbruchs ei­nes zukunftsträchtigen Staates der Arbeiter und Bauern bereits damals trübten. Wenn »Linke« heutzutage die Geschichte der DDR »aufarbeiten« (was immer das sein mag), dann suchen sie weitgehend in den internen Ver­hältnissen Fehler und Defizite, die letztlich zum sang- und klanglosen Abgang des sozialistischen Projekts auf deutschem Boden geführt haben.

Als grundlegender Mangel wird unisono das Defizit an Demokra­tie ausgemacht, das je nach Defi­nition des Begriffs leichter oder schwerer zu werten ist. Der Au­tor geht ins konkrete Detail, ver­gleicht Strukturen diesseits und jenseits der Elbe mit den Verhält­nissen der Nazi-Diktatur und kommt zu bemerkenswerten Übereinstimmungen wie Abwei­chungen. In seiner »Abwehrschlacht« gegen die Fälschungen und Unterstellungen von BRD-Geschichtsschreibung und -Po­litik lässt er selbstkritischer Befragung jedoch (vielleicht?) zu wenig Raum. Erklären lässt sich vieles, entschuldigen weniges, ungeschehen machen gar nichts. Alle Diskussionen, die ich mit vor allem jungen Leuten führe, machen sich an konkreten Beispielen fest, wozu nicht zuletzt die Medien beitragen, z. B. mit Filmen wie »Die Frau am Checkpoint Charlie«. Was in der Geschichte zur Fußnote wird, das Einzelschicksal, bestimmt oft genug das Gesamturteil über ganze Epochen. Wirkung - so zeigt es Lessing in seiner »Laokoon«- Abhandlung ist nicht durch Darstellung der historischen Schlachtfelder, sondern durch die »Großaufnahme« des einen Gefallenen zu erreichen. Das hat mit Wissenschaft, mit dem, was wir Geschichte nennen, freilich wenig zu tun. Alles, was an Geschehenem in die Geschichte eingeht, muss erst von ihr überhaupt bemerkt und gefiltert werden. Horst Schneider erläutert in seinem »Ideologie«-Kapitel überzeugend und detailreich, welche Rolle der Geschichtsschreiber spielt, welche Interessen ihn leiten, wessen Brot er isst. Die in den Denkspuren des Totalitaris­mus-Begriffs (letzterer kann seine Herkunft aus der formalen Lo­gik kaum verleugnen) ihr - bei allen Widersprüchen - »gleichge­schaltetes« Geschichtsbild konstruieren, sind den herrschenden Machtverhältnissen vor allem deshalb dienlich, weil sie schon die Träume von einer friedlichen, so­zial gerechten, wirklich mensch­lichen Welt im Voraus delegi­timieren (siehe die aktuelle SPD-Debatte um die schlimmsten Auswüchse der »Agenda 2010«). Was der Autor unter der Über­schrift »Erinnerungspolitik« zu­sammenfasst, bringt die Interes­senlage von Traditionalisten der Kommunismus- bzw. DDR-For­schung West in Gemeinsamkeit mit einer Gruppe »Bürgerrecht­1er« Ost auf den Punkt: Vom Schwerpunkt »Stasi« aus soll die gesamte gesellschaftliche Wirk­lichkeit der DDR in drei Themen­bereiche hineingefiltert werden:

»Herrschaft - Gesellschaft - Wi­derstand«, »Überwachung und Verfolgung« sowie »Teilung und Grenze« Um der medialen Über­macht zu widerstehen, ohne in ein »Schabowski-Trauma« zu ver­fallen oder sich in einer Entschul­digungsspirale zu verfangen, sieht Horst Schneider nur das Genre einer Streitschrift als letz­te Chance, die Attacken der herr­schenden Ideologen abzuweh­ren. Er müht sich mit Begriffs- und Definitionserklärungen, mit Verweisen auf historische Fakten, manchmal mit dem Mut der Ver­zweiflung, an tatsächlichen und bleibenden Werten der deut­schen Arbeiterbewegung zu ret­ten, was noch zu retten ist.

Er gibt vielerlei Denkanstöße für die »Produktivkraft Geschichte«, ohne die eine linke Volksbewe­gung nicht auskommt. In diesem Zusammenhang muss aber noch von etlichen gravierenden Be­harrungsinseln in der Schneider­schen Geschichtsbetrachtung die Rede sein. Er sieht das Ver­ständnis der Gesetzmäßigkeiten geschichtlicher Entwicklung und die revolutionäre Rolle des Pro­letariats darin fast sakrosankt. Doch Niederlage bleibt Nieder­lage Und eine Welt globalisierten Kapitals wirft auch auf die Ver­gangenheit neues Licht, vor allem aber stellt sie für die bewusste Gestaltung von Zukunft neue Fra­gen.

Ich komme noch einmal auf den Begriff und auf die unterschied­liche reale »Aufarbeitung« von DDR-Geschichte vieler „demo­kratischer Sozialisten“. und Tota­litarismus-Aufklärer zurück. Ich kann ein antikes oder sonst wie verschlissenes Möbelstück so »aufarbeiten«, restaurieren, dass es wieder wie neu aussieht. Auf Geschichte angewendet. führt sich solcherlei Bemühung von selbst ad absurdum. Es bedarf der gründlichen Analyse. die nicht in Dokumentengläubigkeit ver­harrt, die das Einzelschicksal als Teil des Ganzen zur Kenntnis nimmt, ohne es für das Ganze zu halten, die Zwänge und Notwen­digkeiten des Handelns durch­leuchtet und unauflösliche Wi­dersprüche als Sterne dauernder Denkanstoßes auf dem Weg der Erkenntnis stehen lässt. Die Teu­felmacher scheitern von vornherein daran, die Heiligenschein­produzenten ebenfalls.

Linkes Denken darf die Erfahrungen aus der DDR-Vergangenheit weder links noch rechts be~ lassen. Was auch immer das Gefängnis des globalisierten Kapitalismus aufbrechen mag. es wird keine Oktoberrevolution mehr sein. Und allen, die das Feh­len von Demokratie zu DDR-Zeiten beklagen, aber auch jenen, die das Vorhandensein von Demokratie im Einheitsdeutschland bejubeln, sei mit Schneiderschem Ungestüm ins Stammbuch geschrieben: Demokratie erfordert Menschen mit der Motivation, sich ihrer Interessen bewusst zu. werden, das heißt als Voraussetzung Bildung und Selbstbewusstsein des Bürgers. Angesichts von Kinderarmut und Hartz IV ist kaum zu leugnen: Demokratie muss man sich leisten können.

 

„Jeder aber lügt, der bewusst im Hörer falsche Vorstellungen und Annahmen erregt, mit dem Willen, daraus Nutzen zu ziehen oder einen Zweck damit zu erreichen.“

Arnold Zweig (1887 -1968), Essays. Erster Band, Berlin 1959, S. 367


veröffentlicht in ICARUS 1/2008

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