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marbach Germanistik im Netz - Virtuelle Fachbibliothek Germanistik  

Gegen deutsche Kriege

31. Juli 2009 5 31 /07 /Juli /2009 11:34

Heupferdchenzeit,

Blaue Zeit. Als die Linden,

Die schönen Linden, sich bogen

Am Rande der Straße

Unter der Last der Düfte. Als

Der weiße Mond Honig trank.


Die Stadt lebte

Ihren Tag, mit grauer Stirn, ein Ach

In den Hallen der Bahnhöfe. Und kein Himmel

Sank auf die Nächte. Nur in den Kellern

Die Zikaden schrien

Lieder der Liebe.

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24. Mai 2009 7 24 /05 /Mai /2009 19:31

Die Westzonen hatten sich im Frühjahr zur Bundesrepublik Deutschland zusammengeschlossen. Jo las die Zeitungsüberschriften in der „Täglichen Rundschau". Im Osten wurde protestiert: Kein Separatstaat! Deutschland muss eins bleiben! Der Westen blieb hart, es war nicht mehr rückgängig zu machen. Was blieb dem Osten übrig? Am 7. Oktober 1949 wurde als Antwort in der Sowjetischen Besatzungszone die Deutsche Demokratische Republik gegründet. Im Westen wurde sie nur „die Zone" genannt.

Es war ein paar Tage vor Weihnachten. Es war schon dunkel, Jo kam aus der Schule, vom Nachmittagsunterricht. Bereits von weitem sah sie den Pferdewagen vor der Haustür stehen. Sie brachte ihn nicht mit ihrer Familie in Zusammenhang, sondern glaubte, er habe mit Onkel Kluge und seiner Schmiede auf dem Hinterhof zu tun.

Als sie vor der offenen Wohnungstür stand, begriff sie: Die Familie Borkmann zog um. Nichts hatte sie vorgewarnt: nicht, dass der Hauswirt ein paarmal beim Vater war, nicht, dass Großmutter argwöhnisch fragte, ob sie genug zu essen hätten, nicht, dass sie Jo jetzt öfter Lebensmittel für die Mutter mitgab.

Onkel Fred war da und seine Frau, Tante Lilian. Sie und die Mutter und der Vater - alle packten irgendwas ein, in der Stube, in der Küche. Jo stand sprachlos dabei. Großmutter kam die Treppe herauf. „Jo, komm solange zu mir. Du stehst hier bloß im Wege herum."

„Was ist denn los? Warum ziehen wir um?"

„Ich weiß es nicht. Aber ich ahne es." Großmutter machte ein bekümmertes Gesicht.

„Dann sag es mir, Oma."

„Kind, alles kostet, es gibt nichts umsonst im Laden. Ihr seid fünf Menschen, und nur das Gehalt deines Vater, noch dazu halb West, halb Ost - das konnte ja nicht gutgehen. Dein Vater hat ein paar Monate die Miete nicht bezahlt. Und Opa, der Brabbelkopp, wollte deinem Vater auch kein Geld geben. Der Stalinknecht Borkmann soll mal sehen, wo er bleibt, hat er gesagt. Da hat euch der Hauswirt auf die Straße gesetzt. Ihr seid exmittiert worden."

„Exmittiert – was heißt das?"

„Ich weiß nicht, wohin dein Vater mit euch umzieht. Der Bescheid lag heute früh im Briefkasten, deine Mutter hat es mir gesagt. Exmittieren heißt, es gibt kein Pardon für euch. Ihr müsst ausziehen, egal, wohin. So unmenschlich sind die Gesetze nun mal. Kein Geld – keine Wohnung. Wo doch der Jürgen noch so klein ist." Großmutter wischte sich eine Träne aus dem Gesicht.

Jürgen, das war das neue Baby. Er konnte schon im Bett stehen und ein paar Wörter lallen, und er war nicht mehr so hässlich wie nach der Geburt. Jo konnte stundenlang mit dem kleinen Bruder spielen, es machte ihr nichts aus, wenn er ihr mit seinen Fäustchen ins Gesicht fuhr oder sie besabberte.

„Wenn dein Vater keine Wohnung gefunden hat, dann heißt es Notunterkunft, irgendwo ein, zwei primitive Zimmer."

Jo verstand. Weil die Borkmanns zuwenig Geld hatten, darum hatten sie jetzt auch keine Wohnung mehr. Nur wer Geld hatte, war dem Hauswirt angenehm. Es gab kein Recht darauf, wohnen zu bleiben, wenn man seine Miete nicht bezahlen konnte.

„Ooch, so schlimm ist es auch nicht", sagte sie. „Unsere Wohnung ist sowieso zu eng. Meine Schularbeiten habe ich auf dem Kohlenkasten gemacht."

„Aber wer weiß, wie es jetzt wird." Großmutter umarmte die Enkelin. „Egal, wohin ihr zieht, du meldest dich in jedem Fall bei mir. Dein Vater wird es mir nicht sagen. Versprichst du mir das, Jo?"

„Mach ich, Oma. Aber was wird jetzt mit der Schule? Ich habe mich von niemandem verabschiedet."

„Das holst du nach, Kind. Ihr habt jetzt andere Sorgen."

Es war fast Mitternacht, als die Mutter klingelte. „Es geht los, Jo. Gib Oma einen Kuss."

„Und wohin zieht ihr, Rita?"

„Helmut will mich überraschen. Er hat heute in aller Schnelle eine Wohnung aufgetrieben. Zwei Zimmer, mit Bad und Balkon, sagt er. Ach, Mutter!" Und Mutter und Tochter lagen sich in den Armen.

Jo stand dabei, und sie wusste, etwas ging an diesem Abend zu Ende, etwas, was nie wiederkommen würde. Sie wusste nicht, was es war, aber sie spürte, dass etwas Neues beginnen würde. Halb hatte sie Angst, halb freute sie sich.

Das Pferdefuhrwerk war jetzt hochbepackt. Alle Möbel der Borkmanns hatten Platz auf dem Wagen gefunden: der Kleiderschrank, die Betten, der Tisch, die Stühle, der Küchentisch, der Kohlenkasten, zwei Küchenstühle. Ganz oben lag auf dem Rücken der Küchenschrank.

„Rauf mit dir!" Der Vater hob Jo hoch, auf den Küchenschrank. „Halt Veronika fest."

Veronika schmiegte sich an Jo, sie schlief.

Der Vater kutschierte. „Hü, Brauner!" Das Pferdchen zog an. Die Mutter saß auf dem Kutschbock, neben dem Vater, den kleinen Jürgen im Arm.

Sie fuhren durch das nächtliche Berlin, das ausgebombte Berlin, an leuchtenden Schaufenstern vorbei und durch dunkle, nur schwach beleuchtete Straßen. Die Straßen wurden immer dunkler, auch hinter den Fenstern war es dunkel. Es war kalt, schon Dezember, Jo zitterte und drückte Veronika an sich.

„Wo sind wir hier, Pappi?"

„Prenzlauer Berg."

Nach Stunden: „Und jetzt, wo sind wir jetzt?"

„Treptow."

Jo wusste nicht, dass es solche Orte wie Prenzlauer Berg und Treptow überhaupt gab.

Sie sah kaum Ruinen.

„Als ob es hier keinen Krieg gegeben hätte", sagte sie.

„Du wirst Augen machen, wenn wir da sind. Dort gibt es überhaupt keine Ruinen."

„Und wo – ist dieses Da?"

„Wird nicht verraten."

Jo war müde, sie schlief ein. Sie erwachte von einem Ruck. Das Pferd wieherte.

„Alles aussteigen. Endstation!"

Jo kletterte vom Küchenschrank herunter. Es war ein kleiner Hauseingang, nur für Menschen, kein breiter und hoher für Pferdefuhrwerke wie in der Kellerstraße. Onkel Fred und Tante Lilian traten aus der Tür.

„Als erstes die Betten!" Die Mutter war aufgeregt. „Die Kinder sind müde. Ich hatte schon Angst, Jo fällt vom Küchenschrank."

Jo stieg die fremde Treppe hoch. Drei Wohnungstüren in jedem Stock, hellgrüne Türen.

Im ersten Stock stand eine Wohnungstür offen. Hier also, hier würden die Borkmanns ab heute wohnen.

Jo trat ein. Ein breiter Flur. Und lang war der Flur. Hier konnte man sogar schaukeln!

Sie trat in ein Zimmer. Es war nicht allzugroß, aber auch nicht so klein wie die Stube in der Kellerstraße, ein breites Doppelfenster, ein brauner Ofen. Das andere Zimmer war noch größer. Die Küche. Jo hatte noch nie eine so breite Balkontür gesehen. Sie riss die Tür auf, sie trat auf den Balkon. Ein paar Büsche, es war der Hof, auf den sie blickte. Baumwipfel hoben sich im Mondschein von der Dunkelheit ab. Das war kein Hof, das war ein Wald!

Onkel Fred und der Vater schleppten den Küchenschrank. „Hierher, Fred, an die Wand. Den Tisch dann in die Mitte. Und Jo, steh nicht rum. Ins Bett mit dir!"

„Ich kann heute nicht schlafen. Es ist zu schön hier."

„Morgen ist es auch noch schön. Keine Widerrede!"

Jo musste unbedingt noch das Bad sehen. Ein Bad! In der Wohnung! Sie hatte gar nicht gewusst, dass es so etwas gab. Das Bad war nicht allzugroß. Eine Wanne, ein Badeofen, ein Klo, ein schmaleres Fenster, wenig Platz sonst. Der Fußboden war aus schwarzweißem Gestein.

Ihr Bett stand im kleineren Zimmer. Veronika schlief jetzt in Jos altem Kinderbett. Jürgen lag, den Daumen im Mund, in dem neuen Kinderbett. Sonst war das Zimmer leer. Jo sank ins Bett, im Nu war sie eingeschlafen.

*

Die Borkmann-Kinder schliefen lange, bis in den Mittag hinein. Sogar Jürgen rührte sich nicht. Am Küchentisch saßen sie dann alle versammelt. Die Mutter hatte gekocht: ein Festtagsmahl, Buletten mit Rotkohl.

„Ab heute", sagte sie, „gibt es Küchendienst. Morgen bist du dran, Jo."

„Aber ich kann doch gar nicht kochen!"

„Ich bring es dir bei."

Der Vater lachte. „Dann wird Jo uns Schuhsohlen servieren! Wird schon schiefgehen!"

Die Mutter wurde ernst. „So, mein Gatte und Geheimniskrämer, hättest du jetzt die Güte, uns endlich zu verraten, wo wir uns hier befinden?"

Der Vater nahm einen Bissen in den Mund. Er nuschelte. Jo verstand nicht.

„Wo? Ich höre wohl nicht richtig!" Die Mutter stemmte die Arme in die Seiten.

„Du hörst richtig, Weib: in Köpenick. Im tiefsten Berliner Osten. Mitten in Sibirien. Was dagegen?"

Die Sonne schien in die Küche. Jo blinzelte, der Sonnenschein lag auf ihrem Gesicht.

„Nichts dagegen!", sagte sie. „Ganz und gar nicht!"

Der Vater lachte schallend, dann lachte die Mutter. Veronika, die nicht begriff, warum die anderen lachten, lachte mit.

„Jo wird es uns sagen: Ab heute wohnen wir nicht mehr in Westberlin, sondern wo – Jo?"

„Im Russensektor, in diesem anderen Berlin, in der Zo ... - in der DDR?"

Wieder lachte der Vater. „Hat eben alles sein Gutes", sagte er. „Einverstanden, Jo?"

„Einverstanden, Pappi!"

Alle Zimmertüren standen offen. Auf der Hauptstraße fuhr eine Straßenbahn vorbei. Stimmen von Menschen, Lachen. Und morgen ging die Schule los, die neue Schule.

 

 

 

 

 

 

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17. Mai 2009 7 17 /05 /Mai /2009 11:19

Es war ein Junge. Die Mutter hielt das Baby im Arm und zeigte es Jo: „Sieh mal, wie hübsch er ist." Jo schluckte. Jetzt war das Baby da. „Aber was ist denn das für ein Horn am Kopf?"

„Das?" Die Mutter fuhr liebkosend mit der Hand über das Babyköpfchen. „Das ist eine Geburtsbeule. War nicht ganz einfach, die Geburt."

Jetzt waren sie drei Kinder. Drei Kinder und zwei Erwachsene in Stube und Küche. Und so ein hässliches Baby! Mit Beule am Kopf! Jo wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.

Der Vater staunte: „Wie hast du das angestellt? Meine Tochter hat in Schrift eine Eins! Na, da muss ich doch zustimmen. Jo, du hast mich wieder mal aufs Kreuz gelegt! Natürlich darfst du jetzt Pionier werden."

Zur Pioniergruppe gehörten Jörg, Gabi, Trapper, Wölfchen, Dieter und Ilona. Ilona war die beste Schülerin der Schule. Sie war ein hübsches Mädchen: tiefschwarze lange Zöpfe, in die sie rote oder weiße Seidenschleifen band, dunkle Augen, eine Haut wie Milch und Seide.

Jörg bestimmte, was die Pioniere an den Pioniernachmittagen tun würden: mal mit sowjetischen Pionieren Erfahrungen austauschen, mal ins Kindertheater, mal um den Müggelsee herumwandern, mal Rechenschaftsberichte abgeben.

Gabi war neidisch auf Ilonas schöne Zöpfe. Sie ließ sich auch Zöpfe wachsen, aber ihre waren dünn und aschgrau. Ständig hatte sie an Ilona etwas auszusetzen. „Die kiekt ja so komisch", sagte sie. Jo wurde wütend. „Pioniere sind nicht neidisch. Und sie zanken sich nicht wegen der doofen Zöpfe."

Trapper hieß so, weil er immer von Trappern und Indianern schwärmte. „Du müsstest eigentlich Zappelphilipp heißen", sagte Jo. „Man zieht an deiner Quasselstrippe, und schon zappeln deine Arme und Beine." Trapper wurde rot. Er war beleidigt. „Und du? Du müsstest Schmierfink heißen!" Jetzt war Jo beleidigt. „Aber ich habe mich gebessert, ich habe jetzt in Schrift eine Eins! Selber Schmierfink!"

Wölfchen und Dieter waren Freunde. Ständig waren sie auf der Suche nach verborgenen Schätzen. Einmal, prahlte Wölfchen, hätten sie in einer Ruine einen vergrabenen Schatz ausgebuddelt. „Und was war das?" Wölfchen geriet ins Stottern. „Das weiß ich nicht mehr, Dieter hat den Schatz." Jo lachte. „Mir kannst du viel erzählen! Einen Schatz! In einer Ruine! Da findest du höchstens noch einen verbeulten Nachttopf!"

Pionierleiterin war Lydia, eine junge Frau, die sich immer ein geblümtes russisches Tuch um den Hals schlang. Sie hatte mit ihren Eltern in der Sowjetunion gelebt und war erst vor kurzem nach Deutschland zurückgekommen. Sie sprach halb deutsch, halb russisch. Lydia kannte viele Spiele für Kinder, ganz andere, als Jo sie kannte. Zum Beispiel „Wir fahren nach Jerusalem" oder Gedichteraten, oder jemand nannte eine Jahreszahl, und die anderen mussten erraten, welcher Dichter in diesem Jahr geboren wurde. Lydia sang sehr gern. Alle Kinder lernten von ihr russische Lieder. Am besten gefiel Jo das Lied „Wolga, Wolga, matsch radnaja", sie sang es öfter, wenn sie Schularbeiten machte.

Lydia hatte in Moskau in einem Chor gesungen, und sie war traurig, dass sie in Deutschland noch keinen neuen Chor gefunden hatte. „Am besten, wir gründen selbst einen Chor!" Alle waren begeistert, am meisten Jo. „Ich kenne alle Volkslieder, ich habe sie im FDJ-Zeltlager gelernt." Und Lydia lernte von Jo die Melodien und Texte der deutschen Volkslieder, während Lydia sich mit russischen Liedern revanchierte.

Zum erstenmal trat der Chor zur Weihnachtsfeier auf. Weil es einen so großen Raum in der Schule nicht gab, wurde Weihnachten auf dem Schulhof gefeiert. Es war kalt, aber die Begeisterung machte die Herzen der Kinder warm. Und als der Chor dann sang, klatschte die ganze Schule, bis die Finger wund waren, und neue Kinder wurden Chormitglieder.

Der Chor sang auch in anderen Schulen, er wurde berühmt wegen der melancholischen Lieder, die die Kinder auf russisch sangen. Zwar verstand niemand ein Wort, aber Lydia übersetzte die Texte. Einmal fuhren die Kinder sogar bis nach Greifswald zu einem Chorwettbewerb. Einen Platz errangen sie nicht, aber eine Fresstüte wurde jedem Sänger als Trostpreis in die Hand gedrückt, darin Dropse, Kekse, Dauerwurst und ein Apfel.

Die Mutter freute sich über die Dauerwurst. „Endlich mal was auf der Stulle! Nicht immer bloß Margarine! Ich weiß schon gar nicht mehr, wie Wurst schmeckt." Hunger litten sie jetzt nicht mehr, aber mehr als Margarinestullen zur Schule und zu Mittag Weißkohl- oder Mohrrübeneintopf oder Kartoffelsuppe konnte sich die Familie nicht leisten, schon gar nicht Fleisch oder Wurst. Die Familie war zu groß und das Gehalt des Vaters zu klein. Großmutter steckte Jo etwas zu, heimlich, damit es der Großvater nicht erführe: ein halbes Weißbrot, einen angebrochenen Rama-Margarinewürfel, eine Tüte Mehl oder Gries, zu Weihnachten eine bunte Tüte voller Schokolade, Kringel und Lebkuchen.

Anfang Dezember gab es eine Überraschung: Ein Paket kam an. Aus der Schweiz, vom Roten Kreuz. Die Mutter öffnete es. „Nein, so etwas! Deine Hylusdrüse zahlt sich aus, Jo!

Sieh mal, was sie dir schicken." Die Mutter hielt eine Flasche in der Hand: Lebertran!

Zwei Knäuel weicher rosa Wolle lagen im Paket, zwei Büchsen Cornedbeef, eine Tüte Zucker, Bonbons und ein Stofftier, eine Maus, die quietschen konnte. „Bedank dich beim Roten Kreuz, mal ihnen was und schreib ein Gedicht dazu, das kannst du doch", sagte die Mutter.

Der Vater, als er die Bescherung des Roten Kreuzes sah, geriet in Wut. „Das haben wir nicht nötig, dass sie uns Almosen schicken! Schick das Paket zurück, Rita!" Die Mutter war störrisch. „Das soll Jo entscheiden, es ist ihr Paket." Jo entschied: Das Paket bleibt, die Maus bekommt Veronika. „Aber den Lebertran trinke ich nicht!" Der Vater grinste. „Das Beste am Paket, und du willst es nicht. Dann trink ich ihn!" Und er nahm die Flasche und trank sie auf einen Zug aus. Jo zählte die Glucker in seiner Kehle. Sie war starr vor Staunen: Das war wirklich eine Leistung.

Großmutter, wenn Jo sie besuchte, strickte. Ein ganzes Fach im Vertiko hatte sie mit bunter Wolle zugestopft, die Tür ließ sich schon schlecht schließen. „Jo, meine Kleine, ich strick euch was für den Winter. Sieh mal, was ich mir für ein Muster ausgedacht habe."

Großmutter strickte für jeden etwas: Zuerst für den Großvater einen dicken warmen Schal aus grauer Angorawolle, für Siggi, den Jo lange Zeit nicht gesehen und nach dem sie auch keine Sehnsucht hatte, mehrere Paar Socken, für die Mutter ein Tuch aus Mooswolle, filigran gestrickt, sie saß lange daran. Jo bekam einen blauen Pullover mit Noppen, sie trug ihn nur sonntags oder bei festlichen Anlässen. Großmutter strickte und strickte. „Mein Strickwunder", sagte Großvater.

 

Jo war jetzt wieder eine gute Schülerin geworden. Herr Menzel hielt ihr Diktatheft hoch: „Nehmt euch ein Beispiel! Da kann ich ja nur eine uneingeschränkte Eins geben!"

Klaus, der neben ihr saß, stieß Jo in die Rippen: „Angeberin!"

Jörg hatte sich etwas ausgedacht: Den Westschutzmann ärgern. „Alle kommen mit Pioniertüchern. Und dann sag ich euch, wie wir es machen!"

Berlin war jetzt auch äußerlich geteilt. In den Westsektoren gab es volle Läden, im Ostsektor hingen Stalinbilder in den Schaufenstern, garniert mit einem Blumentopf. An den Sektorengrenzen standen Polizisten, bewaffnet nur mit einem Knüppel, noch durften sie keine Schusswaffen tragen, auf dem Kopf einen Helm aus schwarzem Bakelit.

In der Invalidenstraße, dort, wo sie nicht mehr Müllerstraße hieß und wo später das Walter-Ulbricht-Stadion gebaut wurde, war die Grenze zwischen den Stadtbezirken Wedding und Mitte. Zwei Welten trafen hier aufeinander, in den Augen der meisten Menschen, registrierte Jo, war die gute Welt die Westwelt und die schlechte Welt die Ostwelt.

Der Polizist stand stramm vor der Ruine. Er langweilte sich und blickte aufmerksam zu den Kindern hinüber. Er schlug sich sanft mit dem Knüppel an die Beine, abwartend, die Kinder mit den Pioniertüchern, diesen blauen Lappen, hatten irgendwas vor. Leider standen sie auf dem Osttrottoir, und so weit reichte seine Macht nicht.

Jörg verriet seinen Plan. „Also, jemand geht hin und fragt den Polizisten irgendwas. Am besten du, Jo, du traust dich. Irgendwas Freches. Und dann machen wir einen Sprechchor:

‚Nieder mit der Spalterpolizei!‘ Das bringt Punkte im Pioniertagebuch. Los, Jo, du bist dran!"

Jo tat, als ob sie was auf dem Straßenpflaster verloren hätte. Plötzlich stand sie vor dem Polizisten. „Haben Sie nicht mein Portemonnaie gesehen?" Der Polizist blieb stumm. „Na, dann sagen Sie mir doch mal, wie spät es ist." Der Polizist sah nach, er winkelte den Arm an. „Es ist genau fünfzehn Uhr acht", sagte er. „Na, dann ist es ja doch schon ganz schön spät. Fast schon zu spät", sagte Jo. Jetzt begriff der Polizist. „Du Göre, schieb ab! Mich auf den Arm nehmen wollen. Ich komm dir gleich hin!" Er drohte mit dem Knüppel.

Im selben Moment begann der Sprechchor: „Nieder mit der Spalterpolizei! Nieder! Es lebe das vereinte Deutschland!" Es gab wenig Passanten in dieser zerbombten Gegend, trotzdem blieben einige Leute stehen und schimpften mit den Pionieren. „Wie die Pimpfe! Was man den Kindern heute nur für Propaganda beibringt! Wie bei Adolf! Geht erst mal in den Westen und seht euch die vollen Schaufenster an! Die hämmern euch die Ostscheiße nur so in die Köpfe. Werdet erst mal erwachsen, dann könnt ihr mitreden!"

Jo erwiderte nichts. Sie dachte an die Margarinestullen und die Kartoffelsuppe. Was hatte sie von den vollen Schaufenstern?

Abends erzählte sie dem Vater davon. Der war nicht begeistert. „Was habt ihr Lausebande euch dabei gedacht? Gar nichts? Na, das dachte ich mir."

Lydia, als sie am nächsten Tag erfuhr, was geschehen war, schimpfte. „Natürlich kann keiner die Westpolizei leiden, natürlich wollen wir ein einiges Deutschland. Aber doch nicht so. Es gibt schon so genug Zwischenfälle an den Sektorengrenzen. Das hätte ins Auge gehen können!"

Die Pioniere standen mit gesenkten Köpfen vor ihr. Alle Begeisterung war verflogen.

Jörg prahlte: „Ich mach mir nichts aus der Meckerei. Das nächste Mal machen wir es eben schlauer." Alle waren einverstanden. Doch am meisten einverstanden war Jo.

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10. Mai 2009 7 10 /05 /Mai /2009 07:38

„Im Herbst kriegst du noch ein Schwesterchen. Oder ein Brüderchen", sagte die Mutter.

„Im November."

„Noch so einen Schreihals, mit dem ich nichts anfangen kann? Und ich bin froh, dass Veronika schon spricht und dass ich mit ihr spazierengehen kann. Alles muss ich vor ihr verstecken. Sie hat mir schon ein Buch zerrissen. Und wo soll das Baby schlafen? In meinem Bett? Dann ziehe ich eben aufs Klo! Nein, ich brauche kein Brüderchen und auch kein Schwesterchen!"

Jo war wütend. Die Familie wurde immer größer, und in der Wohnung wurde es immer enger.

Kaum wusste sie noch, wo sie Schularbeiten machen konnte. Den Stubentisch hatte der Vater mit seinen Büchern belegt, zum Essen musste er alles abräumen. Am Küchentisch wurde alles andere erledigt: Brot geschnitten, das Mittagessen zubereitet, er war Ablage für alles. Eine Ecke hatte sich Jo für das Schularbeitenmachen reserviert. Die würde bestimmt das neue Baby bekommen. Ja, Jo war wütend, und wie!

Jo zog sich zurück von der Familie. Der Kohlenkasten war der einzige Ort, der noch ihr gehörte. Dort las sie. Alles, was sie in die Finger bekam: das Rundfunkprogramm, das die Großmutter ihr gab, sobald sie es nicht mehr brauchte und das Jo vor dem Vater verstecken musste („Wir hören kein Westradio", sagte er, dabei gab es bei Borkmanns gar kein Radio) und die Mädchenbücher der Mutter, die sie nur halb verstand. Ihre Märchenbücher hatte sie alle schon gelesen: Grimms Märchen, Bechstein-Märchen, russische Märchen, ein Buch mit schwarzen Holzschnitten. Wenn sie die Bilder betrachtete, dachte sie an Wassilissa die Schöne oder Iwanuschka, die Namen klangen allein schon märchenhaft.

Die Eltern des Vaters wohnten im dritten Stock. Auch mit ihnen schien es Krach gegeben zu haben. Später erfuhr Jo, was geschehen war: 1933 war der Vater in die Nazipartei eingetreten. Das konnte ihm Jos Vater, sein damals halbwüchsiger Sohn, nie verzeihen. Einmal war Jo dort oben im dritten Stock. Es roch nach schimmligen Büchern. Jo wurde von der Mutter des Vaters übersehen, sie war nur die angeheiratete uneheliche Tochter. Von diesem Tage an ging Jo nur hinauf in den dritten Stock, wenn sie geschickt wurde.

Die Kinder der Kellerstraße sah sie jetzt seltener, sie musste sich um Veronika kümmern. Viel war nicht anzufangen mit der Schwester. Sie verstand noch nichts, plapperte dummes Zeug und zerriss Jos Bücher. Und wenn Jo ihr die neuen Lieder vom Üdersee vorsang, hörte sie nicht zu.

Wolfgang machte sich lustig über Jo: „Kindermädchen!" Er gefiel Jo nicht mehr so wie früher. Wenn Ingo sie Kommunistensau nannte, stand Wolfgang auf seiner Seite. Von dem FDJ-Zeltlager hatte sie nichts erzählt. Sie schwindelte: Sie sei bei einer Tante gewesen, sagte sie.

Die Mutter hatte sie mit Veronika spazieren geschickt. Wolfgang holte sie ein. „Kindermädchen, Kommunistensau!", rief er. Jo drehte sich um und holte aus. „Noch einmal! Und ich knall dir eine!"

Wolfgang war erstaunt über Jos Wut, trotzdem lachte er. Er boxte Jo auf den Oberarm. Jo boxte zurück. „Du sagst noch einmal Kommunistensau zu mir!"

„Hat ja gar nicht weh getan!" Wolfgang blieb zurück. Er rieb sich den Oberarm.

Nein, mit den Kindern der Kellerstraße zu spielen, dazu hatte Jo jetzt keine Lust mehr. Sowieso, bald begann wieder die Schule. Die neue Schule, die im Russensektor. Wenn die anderen erfahren würden, dass sie jetzt zur Pflugstraßen- statt in die Müllerstraßen-Schule ging, wäre das Wasser auf ihre Mühlen, und sie würde sich mit den Kindern nur noch kloppen. Nein, da war es am besten, sie ging gar nicht mehr auf die Straße spielen.

Dann kam der 1. September, Jo ging zum erstenmal in die neue Schule. Die Schule in der Pflugstraße war nur noch eine halbe Schule, den Hauptflügel hatten Bomben getroffen, seine Ruine nahm den größten Teil des Schulhofs ein. Das Verwaltungsgebäude zur Straße war ein Backsteinbau, zerklüftet von Einschüssen, dort fand der Unterricht statt, im Keller. In den oberen Etagen wurden die höheren Klassen unterrichtet. Über den Köpfen der Kinder hingen dicke tropfende Heizungsrohre, es war kalt. Es gab Schichtunterricht: eine Woche Unterrichtsbeginn früh um acht, die zweite Woche begann nachmittags um zwei Uhr.

Herr Menzel war Neulehrer. So nannte man die jungen Menschen, die bei schmaler Ration abends auf der Schulbank saßen und tagsüber mit viel Einfallsreichtum und Elan Kinder unterrichteten. Sie waren selbst noch Schüler, meist ehemalige Hitlerjungen oder BDM-Mädchen oder, falls sie älter waren, gerade aus der Gefangenschaft heimgekehrt. Alle Lehrer mit Nazivergangenheit durften im Russensektor nicht unterrichten. Viele dieser Lehrer gingen deshalb nach Westberlin, wo man sie jetzt mit offenen Armen empfing.

Herr Menzel trug einen fadenscheinigen braunen Straßenanzug, darunter eine undefinierbare weiße Bekleidung, am Hals einen weißen Gummikragen. Ihm war immer kalt, er zitterte, wenn er vor der Klasse stand. Auch die Kinder zitterten vor Kälte, und so fanden sie es nicht komisch, wenn Herr Menzel ihnen mit dünner, halberstickter Stimme Diktate ansagte.

Es wurde in Hefte geschrieben, mit Tinte. Das Papier war so grau und so schlecht, dass man die Abdrücke der Schrift auf der Rückseite in Spiegelschrift lesen konnte. Die schwarze Flüssigkeit in den Tintenfächern zerlief, sobald sich die Feder spreizte, und hinterließ in Jos Heften dicke, unschöne Kleckse. Sie musste erst einmal lernen, mit Tinte zu schreiben, die anderen Kinder hatten es bereits in der ersten Klasse gelernt. Herr Menzel schüttelte den Kopf, wenn er die Diktate zurückgab: „Null Fehler, Jo, aber Schrift vier. Macht leider nur eine Zwei. Mach dir nichts draus, Goethes Schrift war auch nicht viel schöner." Die Klasse lachte. Jo fand das nicht zum Lachen, sie schämte sich. In Schrift eine Vier, auf der Schiefertafel war ihr das nie passiert. Überhaupt, sie kannte einiges nicht, was die anderen Kinder kannten: den monatlichen Wandertag und auch im Rechnen waren sie viel weiter, sie rechneten bis tausend und kannten das Einmaleins bis zur Fünf. Jo hatte vieles aufzuholen.

Rechnen unterrichtete eine junge Lehrerin, Fräulein Besenkamp.

Und was Jo auch nicht kannte: Junge Pioniere. Sie trugen blaue Halstücher. Sie kamen nie ohne Schularbeiten in die Schule. Sie sagten nicht vor. Sie schwatzten nur, wenn sie nicht erwischt wurden. Sie waren die besten Schüler in der Klasse. Sie waren Vorbilder. Bei Frühunterricht trafen sie sich nachmittags zum Pioniernachmittag, und am nächsten Tag erzählten sie Neuigkeiten, und die anderen Kinder staunten: Bei den Pionieren konnte man was erleben, nicht nur in Mutters Stube herumhocken und wie Jo jüngere Geschwister beaufsichtigen.

„Pappi, ich will Pionier werden", sagte Jo eines Abends, „ich soll deine Unterschrift bringen." Der Vater staunte: „Du? Pionier? Warum denn?"

„Die Pioniere sind unsere Vorbilder, sagt Herr Menzel, sie machen so viele Sachen. Sie singen Lieder, Pionierlieder und Volkslieder. Auch russische Lieder und sie gehen in Ausstellungen und ins Kindertheater, und manchmal machen sie Wanderungen. Und sie haben zehn Gebote. Und für den Frieden sind sie auch. Aber nur die besten Schüler dürfen Pioniere werden, sagt Herr Menzel. Sie haben auch ein fortschrittliches Bewusstsein."

„So, das sagt Herr Menzel auch? Dass sie ein fortschrittliches Bewusstsein haben?" Der Pappi schmunzelte. „Aber darüber lässt sich reden. Aber nur unter einer Bedingung: Schriftzensur mindestens Zwei, sonst wird’s nichts mit dem Pionier, Fräulein. Du sagst selbst: nur die Besten!"

„Aber ich bin doch nicht schuld! Das ist die Tinte und das Papier!"

„Dann frag ich mich aber, warum die anderen Kinder nicht auch eine Vier in Schrift haben. Haben sie bessere Tinte und besseres Papier?"

Der Pappi hatte recht. Sie musste sich mehr Mühe geben. Nach den Schularbeiten übte sie Schreiben mit dem Federhalter, seitenlang. Täglich wurde ihre Schrift besser. In Diktaten erhielt sie jetzt immer eine Drei in Schrift, Endzensur Eins. Aber der Vater war immer noch nicht zufrieden. „Eine Zwei in Schrift, hab ich gesagt. Das ist auch fortschrittliches Bewusstsein. Daran lass ich nicht rütteln!"

In den westalliierten Sektoren hatte es im Sommer eine Währungsreform gegeben. Der Vater schimpfte: „Spalterwährung! Judaslohn!" Von einem Tag auf den anderen prangten die Läden in bunten Farben, die Schaufenster waren gefüllt mit Dingen, die Jo nie gesehen hatte. Überall entstanden Buden, an denen man für wenige Pfennige Kaugummi, Sahnebonbons und Schokolade kaufen konnte. Jo bettelte die Großmutter: „Kauf mir doch einen Kaugummi, bitte, Oma." Großmutter hielt nichts von Kaugummi. „Ich kauf dir lieber Schokolade, die ist nahrhafter."

Jo strich durch die bunten Läden. Bei Hertie stand sie lange vor einer großen offenen Vitrine: ein ganzer Berg in Zellophanpapier eingewickelter Füllhalter, Stück eine Mark. Einen solchen Füllhalter haben! Dann verlief die Tinte nicht mehr, sie bekäme eine Zwei in Schrift und würde Junger Pionier werden dürfen!

Jo bettelte: „Oma, ich brauche einen Füllhalter. Bei Hertie gibt es ganz billige, nur eine Mark!

Dann will ich auch keinen Kaugummi haben und keine Schokolade. Bitte, liebe, liebe Oma.

Nur einmal, nur einen Füllhalter."

„Füllhalter? Da frag mal deinen Vater, der ist dafür zuständig. Das kann ich Opa nicht erklären, der kontrolliert mein Haushaltsbuch."

Der Vater arbeitete inzwischen bei der DEFA in Babelsberg. Das Gehalt im Osten war niedrig, es wurde zu sechzig Prozent in Ostwährung und zu vierzig Prozent in Westwährung ausgezahlt. Von den vierzig Prozent mussten die Miete und die Strom- und Gasrechnungen bezahlt werden. „Nur harte Währung, was soll ich mit dem Klopapier", sagte der Hauswirt, als der Vater ihm die doppelte Miete in Ostwährung anbot. Von den sechzig Prozent Ostwährung wurden Lebensmittel eingekauft, in der Boyenstraße, im Russensektor, wo Großmutter mal Stammkundin war.

Die Eltern konnte Jo also nicht bitten, ihr einen Füller bei Hertie zu kaufen. „Oma, liebe Oma. Ich will nie mehr im Leben Schokolade essen. Ich will nur einmal einen einzigen Füller. Schenk ihn mir doch zu Weihnachten. Bitte, Oma. Dann stänkere ich auch nicht mehr mit Siggi."

„Den Siggi siehst du jetzt doch gar nicht mehr. Kommt abends, verschwindet morgens, wie ein Schlafbruder. Aber gut, Jo, ich lass mich breitschlagen. Aber dass du Opa nichts sagst. Dafür gibt es heute aber auch keine Schokolade. Opa sieht sich mein Haushaltsbuch ganz genau an. Da kann ich nicht schreiben: einen Füller für Jo. Dann kriegt der einen Anfall. Ich schreib: Schokolade." Und bekümmert fügte sie hinzu: „Und das alles, weil Rita ihrer bei den Roten ist. Zustände sind das. Und woher willst du den Füller haben?"

„Ooch, da fällt mir schon was ein, Oma."

Und dann hielt Jo den Füller in der Hand. Einen richtigen Füller. Andächtig entfernte sie das Zellophanpapier und füllte die Tinte ein. Probehalber kritzelte sie ihren Namen auf einen Fetzen Packpapier. Gestochen scharf stand er da, in blauer Tinte, wie gedruckt: Jo. Ohne Faserspuren, ohne Kleckse. Sie würde nicht nur eine Zwei, sondern sogar eine Eins in Schrift bekommen, da war sie sicher.

Und jetzt, jetzt endlich konnte sie Junger Pionier werden.

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4. Mai 2009 1 04 /05 /Mai /2009 08:43
 

Aus Allerweltswinkeln

Der Mai. Flieder, woher dein Violett?

Schwalben auf dem Weg.

Und der Ahorn steht im Grün.

 

In der Wölbung des Himmels

Licht. Menschen mit

Blumen am Hut. Geborgte Träume

Bis unter die Stirn. Jemand wirft

In die Gosse

Ein Liebesgelüst.

 

Aber der Ahorn,

Stände er längst nicht

Im Grün.

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3. Mai 2009 7 03 /05 /Mai /2009 14:04

Das Zelt war groß, ein 20-Mann-Zelt. Die Zeltbewohner lagen auf Stroh, eine Decke darüber – fertig war das Nachtlager. Überall im märkischen Sand, mitten zwischen den Kiefern, standen Zelte. Und vor jedem Zelt ein Steingarten, Mosaike aus bunten Steinchen, Moospolstern und Ginsterzweigen. Es gab einen Wettbewerb: Welches Zelt hatte den schönsten Steingarten? Das Siegerzelt wurde beim Morgenappell mit einer Urkunde ausgezeichnet. Aber das Schönste am Sieg: Zwanzig hungrige Mäuler durften sich mittags Nachschlag holen. Mal gab es Grütze mit Rhabarber, mal Erbseintopf, mal dünnen Grießbrei mit selbstgesammelten Himbeeren und Blaubeeren.

Das Zeltlager hatte einen Appellplatz, riesig groß. Einzig die Lagerleitung saß in einem Steingebäude, die Waschanlagen, es waren Rohre mit nadelfeinem Wasserstrahl über primitiven Holztrögen, standen unter freiem Himmel, ebenso die Toiletten, vielmehr Verschläge aus grobgesägten Brettern, aus denen es meterweit nach Chlor und Exkrementen stank.

Über allem aber lag betäubend der Duft der Ginsterbüsche, es duftete nach Ginster und nach Kiefern, sobald man den Kopf aus dem Zelt steckte, Ginster, Sand und Kienäpfel überall, wohin man auch trat. Es gab auch ein Terrarium. Dort wurde alles gefangengehalten, was da kreuchte und fleuchte: Eidechsen, Frösche, Libellen, Spinnen und Schmetterlinge. Die Arbeitsgemeinschaft Terrarium galt als die rührigste. Des Tags wurde gewandert oder im Üdersee gebadet, es gab Sportwettbewerbe, Schnellzeichnerwettbewerbe, einen Lagerfunk.

Jo schlief neben der Zeltältesten, Renate. Die hatte ständig was an Jo auszusetzen: dass sie im Schlaf zappelte, dass sie auf ihrem Schlafplatz keine Ordnung hielt, dass sie im Schlaf lachte und brabbelte, dass sie zu früh aufstand – Renate war eine strenge Zeltälteste. Maulend fügte sich Jo.

Jo wusch sich im Üdersee. Die Großen drängelten sich morgens und abends unter Spritzen, Lachen und Gekreisch um die Waschanlage, ließen Jo nicht an den kläglichen Wasserstrahl heran. Eines Tages, als sie wieder mal die Wahl hatte zwischen Gewaschen und Ungewaschen, entdeckte sie, dass der See menschenleer dalag, nur ein paar Schwäne und Enten machten ihn ihr streitig. Ein Bootssteg reichte weit in den See hinein, dort saß sie und putzte sich mit dem kristallklaren Seewasser die Zähne, und Schwäne schwammen herbei und bettelten. An den folgenden Morgen hatte Jo immer ein paar Stücke gemopsten Zwieback dabei. Kaum Schöneres gab es für Jo als diese Morgen am Steg.

Das Frühstück wurde an langen, groben Holztischen eingenommen, unter freiem Himmel, bei jedem Wetter. Die Großen verschlangen Riesenberge von Marmeladenstullen und sangen dazu: „Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Marmelade Fett enthält ..." Kein Frühstück ohne Gesang, kein Frühstück ohne Lachen und Herumalbern. Nach und nach fanden sich Paare, und die wohlausgeklügelte Sitzeinteilung der Lagerleitung geriet ins Vergessen.

Nach dem Frühstück Morgenappell, im Blauhemd Antreten auf dem Appellplatz. Ein FDJler von der Lagerleitung gab den Tagesablauf bekannt, es folgte ein Überblick über neueste Produktionserfolge, unter denen sich Jo nichts vorstellen konnte, dann Auszeichnungen für gutes und Tadel für schlechtes Benehmen, anschließend wurde die FDJ-Fahne gehisst, eine strahlende Sonne auf blauem Grund. Eine FDJlerin rief: „Heißt Flagge!" Ein kräftiger FDJler zog aus aller Kraft so lange an der Strippe, bis die Fahne unter Quietschen und Quarren endlich am Ende der Fahnenstange wehte.

Heute hatte Renate beschlossen, dass das gesamte Zelt Moos und Steinchen für den Steingarten sammeln sollte. Im Wald roch es nach Kienäpfeln und Moos, märkischem Sand und nach Ginster. Jo musste sich dicht bei Renate halten. „Ich habe keine Lust, mir von Ebs (das war der Lagerleiter) einen Tadel einzufangen, nur weil du Rabauke nicht hören kannst", begründete sie ihre Maßnahme. „Nachher sucht dich ganz Deutschland im Wald."

Jo gehörte zu den Moossammlern. Was gab es in diesem Wald nicht alles für Moose! Kleine dünne Polster, um die es sich nicht lohnte, mittelgroße Stücke und Riesenpolster. Schnell war Jos Sack mit Moospolstern gefüllt. Aber als sie aufsah, war sie allein, mutterseelenallein. Nun bekam sie doch einen Schreck: nirgends ein Weg, kein Baum, an dem sie sich orientieren konnte. „Renate! Wo bist du?" Keine Antwort. Sie stolperte durch den fremden Wald, den Sack mit den Moospolstern zog sie, schon mutlos geworden, hinter sich her. Endlich ein Weg. Wohin führte er? Erschöpft und verängstigt ließ sie sich am Wegrand nieder. Es raschelte hinter ihr, etwas stürzte auf sie zu. Erschrocken sprang sie auf. Ein Reh flog mit einem großen Satz über sie hinweg. Und wenn nun ein Wildschwein käme? Wohin sollte sie flüchten?

Jo begann zu weinen.

Eine Eidechse huschte über ihre Beine. Irgendwo hämmerte ein Specht. Die Bäume warfen schon lange, tiefe Schatten. Die Eidechse saß ruhig zu Jos Füßen und sah sie aus stecknadelkopfgroßen Augen an. „Eidechse, hast du dich auch verlaufen?" Die Eidechse antwortete nicht. Jo griff nach der Eidechse. Sie verstand nicht, was geschehen war: Die Eidechse hatte ihren Schwanz verloren, er wand sich in Jos Hand, und die Eidechse war verschwunden.

Es wurde dämmerig. Plötzlich ein menschliches Geräusch, ein Motorrad. Jo stand auf, winkte aufgeregt dem Fahrer zu. Er stoppte. „Gehörst du zum Zeltlager?", fragte der Mann und musterte Jo mit ihrem verheulten Gesicht. „Ich hab mich verlaufen. Die anderen sind weitergegangen. Sie haben mich einfach vergessen."

„Na, wenn das so ist – steig auf." Jo klammerte sich an dem Mann fest.

Die Wache am Tor schickte einen Melder zur Lagerleitung. „Wir haben sie! Wir haben sie!", rief er. Der Lagerleiter kam ans Tor. „Das halbe Lager sucht dich im Wald, du Göre. Und mir sitzt das Herz in der Hose! Verlaufen? So? Das bringst auch nur du fertig: Verläufst dich in einem deutschen Wald! Was hast du dir dabei gedacht, einfach auszubüchsen?"

„Ich hab doch ... Nichts." Jo senkte schuldbewusst den Kopf.

„Dachte ich mir. Dein Glück, dass du gefunden wurdest, in einer Stunde würde dich die Polizei suchen."

Renate blickte streng auf Jo hinab. „Ich spar mir jedes Wort! Sieh nach, ob noch was vom Abendbrot übrig ist. Oder nein, ich komm mit, sonst gehst du mir unterwegs wieder verloren!"

Beim Abendappell wurde Jos Verschwinden und glückliches Wiederauffinden als erstes genannt. Alle sahen auf Jo. Der Lagerleiter sprach ein ernstes Wort: „Vorfälle wie diese ziehen künftig den bedingungslosen Ausschluss nach sich. Außerdem wird ebenfalls ausgeschlossen, wer nach Anbruch der Zeltruhe draußen erwischt wird. Die Lagerordnung wird um diesen Punkt erweitert. Holt die Fahne ein."

„Da hast du ja was Schönes angestellt mit deinem Ausreißen." Renate schüttelte missbilligend den Kopf. „Du hast was gutzumachen. Bring dem Tom aus Zelt 21 diesen Brief hier, wir müssen umplanen. Aber lass dich nicht erwischen! Es ist Zeltruhe, und die Nachtwache ist unterwegs. Und wenn sie dich kriegen, verschluckst du den Zettel."

„Hier, Renate - ich steck ihn in den Schlüpfer, da sieht ihn keiner."

Jo schlich um die Zelte. Die Nachtwache leuchtete in die Dunkelheit. Noch einmal durfte Jo nicht auffallen, der Lagerleiter würde sie bestimmt zurückschicken. Endlich, die Nachtwache war verschwunden. Zelt 21. „Wer ist Tom?" „Hier!" „Ein Brief." Jo nestelte den Brief aus dem Schlüpfer. Tom las den Zettel. „Warte einen Moment. Ich schreib eine Antwort."

„Hör mal, Kleine. Ich hätte da auch einen Brief. Zelt 10, für Karola. Aber nicht lesen. Es ist geheim." Ein Halbnackter hielt ihr einen Zettel hin. Jo steckte beide Briefe unter den Schlüpfergummi.

So begann es. Jo transportierte nach dem Dunkelwerden Liebesbriefe zwischen den Mädchen- und den Jungenzelten, furchtlos, pünktlich, zuverlässiger als die Post. Die Nachtwache war arglos. Der Lagerleiter wunderte sich: Das nächtliche Hin und Her zwischen den Mädchen- und den Jungenzelten hatte anscheinend aufgehört. Er schrieb es seiner guten Erziehungsarbeit zu.

Eines Morgens, Jo saß auf dem Steg und putzte sich die Zähne, stürmte eine Horde fremder Jungen aus dem Dorf auf sie zu, und ehe sie begriff, fand sie sich im Wasser wieder. Sie ruderte mit den Armen. „Hilfe, ich kann nicht schwimmen! Ihr seid gemein!" Die Jungen standen auf dem Steg, lachten und sahen zu, wie Jo mit dem Wasser um ihr Leben rang. „Mit den Armen und den Beinen!", riefen sie. „Ihr seid gemein", gurgelte Jo. Aber sie schaffte es, sie ertrank nicht. Mit den Armen und den Beinen ging es: sie hatte schwimmen gelernt.

Der Juli näherte sich dem Ende, Jo hatte Geburtstag. Heute wurde sie acht Jahre alt. Renate war verschwunden. Jo ging an den Üdersee, baden und Zähne putzen. Als sie, das Handtuch über der Schulter, zurückschlenderte, empfingen sie die Mädchen aus dem Zelt: „Wo bleibst du denn? Wir haben dich überall gesucht. Sie wollen anfangen."

Der Lagerlautsprecher räusperte sich. „Hier spricht Renate. Hallo, Jo, hörst du mich?

Das FDJ-Ferienlager gratuliert dir zum achten Geburtstag. Ich singe dir jetzt ein Lied, ‚Wahre Freundschaft‘, du hast es dir redlich verdient. Und bleib weiter so tapfer und so emsig. Muss ja nicht erklären, was gemeint ist." Ringsum lachte alles. Renate sang: „Wahre Freundschaft soll nicht wanken ..." Jo wurde rot vor Freude.

Die drei Wochen waren im Nu vergangen. Eines Abends hieß es: Abschlusslagerfeuer.

Jo hatte nie so viele Lieder gelernt wie in diesen drei Wochen. Sie kannte alle Melodien und Texte. Die Jungen und Mädchen saßen um das Lagerfeuer herum, Pärchen umarmten sich verstohlen, sie sangen lauthals und küssten sich heimlich. Das Feuer flackerte, Jo sang aus voller Lunge mit: „Hab mein Wage vollgelade ...", „Im schönsten Wiesengrunde ..." – ein halbes Liederbuch, hätte es eines gegeben.

Am nächsten Morgen ging Jo an den Üdersee. Einsam lag er heute früh da, einsamer als sonst. Nirgends ein Schwan, nirgends Enten. Sie saß auf dem Steg, die Beine im Wasser, und blickte über den See. Am anderen Ufer Wald, kein Haus, kein Mensch. Es gab ein leises Gluckern, wenn ein Fisch an die Wasseroberfläche stieß, Libellen umflogen Jo. Wie schön es am See war. Plötzlich Schritte auf dem Bootssteg. Renate, sie kam näher. Sie setzte sich zu Jo.

„Na, traurig? Weil es jetzt zu Ende ist?"

„Nein. Nur ein bisschen. Weil ich den See nicht mitnehmen kann."

„Ich schon. Ich fahre jetzt wieder nach Schleswig-Holstein zurück. Und wenn ich an die Leute dort denke ..."

„Sagen sie zu dir auch Kommunistensau?"

„Schlimmeres, Jo. Viel Schlimmeres. Ach ja, eine schöne Zeit, ein schöner Sommer.

Man muss kämpfen, dass es so bleibt."

„Vielleicht, Renate, sehen wir uns später wieder. Wenn du mal nach Berlin kommst. Ich wohne Kellerstraße 11."

„Ich werde mir deine Adresse merken, Jo." Renate umarmte Jo.

Ein Schwan näherte sich dem Bootssteg. Auffordernd sah er die beiden Menschen an, das große Mädchen und das kleine. Dann, als er verstanden hatte, dass er heute kein Glück hatte, schwamm er davon, hinein in den See.

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2. Mai 2009 6 02 /05 /Mai /2009 10:19

 

In der Umarmung

Der Dämmerung, weh der

Blick zurück

Ins müde Auge

Der Nacht.


Eine Spur

Vor dem Haus.

Unterm Dach Stille.

Atem der blauen Erde.

Schrei eines Schläfers,

Irgendwo.


Leis,

Tapfer tropft, regnet es

In mein Gedicht.

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27. April 2009 1 27 /04 /April /2009 07:52

 

Die Familie saß beim Abendbrot. Jo konnte den neuen Pappi immer noch nicht leiden. Sie beobachtete jede seiner Gesten und Blicke und fand immer etwas auszusetzen. Mal sah er sie zu streng an, Jo fand: sehr unfreundlich, mal beachtete er sie nicht. Nein, mit dem neuen Pappi konnte sie sich nicht anfreunden.

Der neue Pappi schob den Teller von sich und beugte sich über den Tisch.

„Also, erzähl mal, Jo – wie war es in Wiek auf Föhr? Stimmt es, das mit den Knüppeln?"

Sein Blick wurde streng. „Aber diesmal schwindelst du nicht! Sonst lernst du mich kennen!"

„Ja, Ehrenwort! Ich habe zweimal Keile gekriegt." Jo hob die Schwurhand.

Die Mutter warf ein: „Na, dann wirst du sie auch verdient haben!"

„Eben nicht. Ich war unschuldig, jedesmal. Ein Mädchen hat Keile gekriegt, weil sie ihre Nase nicht geputzt hatte. Und Mariechen fast jeden Tag, weil sie Bettnässerin war. So war das."

„Du bist immer unschuldig, wenn du erwischt wirst."

„Rita, lass mal", der neue Pappi grinste, „der Apfel fällt nicht weit vom Stamm."

„Na hör mal!" Die Mutter brauste auf. „Komm mir nicht so! Das ist, weil sie so lange bei meiner Mutter war. Da konnte sie tun und lassen, was sie wollte."

„Ich werde mich beschweren", sagte der neue Pappi, „das ist ja unglaublich, wie man in dem Sanatorium mit den kranken Kindern umgegangen ist. Die Schwestern, Rita, wenn du meine Meinung wissen willst, müssen KZ-Aufseherinnen gewesen sein. Die sind dort in Wiek untergekrochen. Na, das gibt einen ordentlichen Krach! Und die Gesichter, die will ich sehen!"

„Was war das eigentlich – ein KZ?"

„Ein KZ, Jo,", der neue Pappi wurde sehr ernst, „ein KZ, das war das Schlimmste, was sich ein Mensch vorstellen kann. Es waren Gefangenenlager, dort wurden Menschen getötet. Mit Absicht. Mit Hunger, Prügel und Gas. Wie Fliegen sind sie gestorben. Es war viel schlimmer als der Hunger und die Kälte in der Gefangenschaft in Russland, viel, viel schlimmer. Naja, und die Russen, denen ging es auch nicht gut, die hatten selbst gehungert. Und wir, wir Soldaten, Hitlers Soldaten, waren schuld daran."

„Aber dass sie Tante Heidelinde ..."

„Hör mir auf, Rita, mit Tante Heidelinde! Was meinst du, was wir Deutschen in Russland getan haben? Ich war im Kaukasus, glaub mir, fein waren wir auch nicht."

Die Mutter war beleidigt. „Du musst es ja wissen."

„Aber warum? Warum wurden dort Menschen getötet? In den KZs?"

„Jo, darüber kann man lange reden. Wegen der Kapitalisten. Sie haben zu Hitler gesagt, jetzt regier du mal, wir haben die Schnauze voll von den Arbeitern, und der hat sie in seine KZs gesteckt und ermordet."

„Wen?"

„Na, die Arbeiter. Und die Juden. Und die Polen. Und die Tschechen. Und die Italiener und Franzosen. Und die Rotarmisten. Alle. Alle waren seine Feinde. Die ganze Welt war sein Feind."

„Dann war dieser Hitler aber ein Mörder."

„Worauf du Gift nehmen kannst. Übrigens, Jo: Ab Herbst gehst du in der Pflugstraße zur Schule."

„Pflugstraße? Aber das ist doch im Russensektor!"

„Na und? Die Russen sind scharf auf kleine Mädchen wie dich, die braten sie am Spieß, und den Rest werfen sie den Schweinen vor. Du wirst dich schon zurechtfinden im Russensektor. Der Weg ist genausoweit wie zur Müllerstraße. Aber vorher, Jo – vorher verreist du. In ein FDJ-Ferienlager, an den Üdersee. Weißt du, wo das ist?"

„Nee. Ich kenn nur die Nordsee."

„Ich zeig ihn dir auf dem Atlas." Der neue Pappi schlug den Atlas auf und suchte. „Da ist er doch, der Üdersee. Der blaue Fleck, das ist er, der Üdersee. Bei Finowfurth. Schön ist es da, ich war da mal mit den Jungpionieren, in den zwanziger Jahren, im Zeltlager. Ihr schlaft auch in Zelten."

„Und was ist FDJ?"

„FDJler? Das sind große Jungs und große Mädchen. Die wollen jetzt, dass es keinen Krieg mehr gibt, früher wollten sie für Hitler sterben. Sie sind schon größer als du, du bist dort die Kleinste. Ich habe das durchgedrückt. Arbeiterkinder gehören an die frische Luft. Nächste Woche geht es los."

„Und wo ist die Nordsee? Zeig sie mir auf dem Atlas!"

„Was willst du noch mit der Nordsee? Hier, das Blaue, das ist sie."

Jo staunte. „Ooch, so groß ist das Meer, viel größer als der Üdersee. Aber am Meer war es schön."

„Am Üdersee ist es auch schön. Und Lebertran gibt es dort auch nicht."

„Dann fahre ich mit! Aber nur, wenn es keinen Lebertran gibt!"

„Rita, pack den Koffer, Jo will verreisen!" Der neue Pappi lachte. „Du bist mir vielleicht eine Marke! Schade, dass Veronika noch nicht mitdarf, die müsste auch mal an die frische Luft.

Aber, mein Fräulein: Benimm! Sonst wirst du zurückgeschickt. Und wenn du den großen Jungs die Hucke vollschwindelst – na, du weißt, was große Jungs dann mit dir machen, die legen dich übers Knie."

„Ach, da habe ich keine Angst. Ich kann schnell rennen! Außerdem war ich unschuldig. Damals in der Schule, wegen Herrn Wipprecht. Immer hacken alle auf mir rum."

„Zum Beispiel ich, Jo." Die Mutter räumte den Abendbrottisch ab. „Marsch, ins Bett!"

„Ich muss aber noch was sagen."

„So? Was denn?"

„Du bist nicht mehr der neue Pappi. Du bist jetzt ein richtiger Pappi."

„Und wie komme ich zu dieser Ehre?"

Jo sah den Pappi zweifelnd an. „Bist du Kommunist? Ingo sagt, du bist eine rote Kommunistensau. Und ich auch. Was ist das, Kommunist?"

„Tja, Kind, wenn ich dir das erklären könnte."

„Erklär es mir, bitte."

„Eine schwierige Frage." Der Pappi schmunzelte. „Kommunist, Jo, wird einer, der nicht will, dass Kinder hungern müssen oder im Bombenkeller ersticken oder immer im Hinterhof spielen und niemals verreisen können. Kinder sollen lachen können. Und nicht weinen müssen. Und immer soll Frieden auf der Welt sein. Und KZs soll es auch nie mehr geben. Deshalb bin ich Kommunist geworden." Er wurde wieder sehr ernst. „Damit es nie wieder Krieg gibt. Besonders deshalb."

„Hm. Und da können dich die anderen nicht leiden?"

Der Pappi lachte. „Auf den Tod nicht! Die würden mich am liebsten aufhängen! Und deinem Ingo kannst du sagen, wenn er noch mal rote Kommunistensau zu dir sagt, kriegt er es mit mir zu tun."

„Ich sag dir’s, wenn er es wieder sagt. Pappi!" Und Jo gab dem Pappi endlich den Kuss, auf den er so lange hatte warten müssen.

*

Die Woche verging schnell. Ein paarmal geschlafen – schon war der Koffer gepackt, und Jo verreiste, an den Üdersee, zu den Großen ins FDJ-Zeltlager, die zweite große Reise in ihrem Leben.

Pappi brachte sie zum Ostbahnhof. Ein paar LKWs standen bereit. FDJler in blauen Blusen hockten auf ihren Rucksäcken und Koffern, sie sangen. Andere bildeten einen Kreis, fassten sich an die Hände und gingen in die Hocke: „Laurenzia, liebe Laurenzia mein ..."

Plötzlich ein Pfiff. „Auf die LKWs! Los geht’s! Beeilung!" Alles stürmte die LKWs. Pappi hob Jo hoch. Ein FDJler nahm sie in Empfang: „Was willst denn du Würmchen? Doch nicht etwa mitkommen?" Jo war beleidigt, sie zeigte dem FDJler die Zunge.

Eine FDJlerin fragte sie, wie alt sie sei. „Schon sieben!" Die FDJlerin lachte. „Na, dann bist ja groß genug, deinen Koffer selbst zu tragen."

Der andere FDJler mischte sich ein: „Ich nehm deinen Koffer. Aber die Zunge, die nimmst du zurück. Ich kann sonst sehr ungemütlich werden. Ich bin hier schließlich Org.-Leiter."

„Jo, Jo", der Pappi rannte ein Stück hinter dem LKW her, „schreib uns, ein paar Ansichtskarten! Und bade, soviel du kannst!" Jo sah ihn winken und winken und schrie etwas zurück. Dann bog der LKW um die Ecke.

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24. April 2009 5 24 /04 /April /2009 10:34

 

 

Wieder flog der Herbst ins Land, mit fallenden Blättern, launischen Winden, die durch die Ruinen pfiffen, lauen Altweibersommer- und kühlen Regentagen. Der neue Pappi war aufgeregt: Jo wurde eingeschult. Ein zweites Mal, diesmal aber richtig, mit Schultüte.

Die Schule in der Müllerstraße war ein Backsteinbau, brandgeschwärzt, imposant – ein Riese gegen die Schar Menschlein, die durch die Eingangstür strömten, beklommen blickende Kinder mit Schultüten im Arm, die ungewohnte Schulmappe auf dem Rücken, aus der das Schwämmchen für die Schiefertafel baumelte.

Die Lehrerin hieß Fräulein von Eckstein. Sie war alt, mager, furchteinflößend. Ihr Haar war schneeweiß, ein kleiner Dutt zierte den Hinterkopf, eine Kamee das hängende Fleisch am Doppelkinn. Ihr schwarzes Seidenkleid knisterte, wenn sie durch die Bankreihen ging. Sie war eine der bedauernswerten Lehrerinnen, die von ihren adligen Familien in den Gouvernanten- oder Lyzeumsdienst abgeschoben worden waren. Lehrerinnen mussten unpolitisch sein und durften nicht heiraten. Gewöhnlich waren sie nicht in der Nazipartei gewesen und hatten die schlimmen Jahre an irgendwelchen Privat- oder Konfessionsschulen überdauert. Jetzt, nach dem Krieg, im Jahre 1948, als noch klar war, dass die meisten Lehrer nazistisch belastet waren, wurden die adligen Fräuleins im öffentlichen Schuldienst wieder gebraucht.

Der neue Pappi war skeptisch. „Na, das wird ja was werden – das Fräulein von Dingsda und du Rüpel!" Aber er unterschätzte Jo. Jo fügte sich in das Eckstein-Regiment. Es war ein strenges Regiment: Gerade sitzen und stehen, nicht lümmeln, Beine stillhalten, Schwatzen und Einschlafen verboten, radiert wird nicht, hier vorn ist die Tafel, Mappenkontrollen, Hände vorzeigen, gelegentlich ein Schlag mit dem Zeigestock auf die Finger, wenn ein Übeltäter gar zu verstockt war. Das Schreiben und das Lesen lernte Jo spielend. Sie galt als gute, gefügige, selbstständige Schülerin. Und wenn die Kreide durch die Klasse flog, duckte sie sich und unterdrückte ein Kichern. Das Kinderheim hatte sie Schmerzhafteres gelehrt, Jo war auch gegen brüllende Erwachsene abgehärtet. Sie fühlte sich wohl in der Schule.

Wäre da nicht der Religionsunterricht gewesen. Jo war das einzige Kind in der Klasse, das nicht am Religionsunterricht teilnehmen durfte. Und da die Religionsstunde nicht, wie es vernünftig gewesen wäre, an den Anfang oder an das Ende des Schultages verlegt wurde, sondern in die zweite oder dritte Stunde, musste Jo, während die Klasse im Warmen saß, auf dem langweiligen, zugigen Schulhof herumstehen und auf den Beginn der nächsten Unterrichtsstunde warten. Ihr Mäntelchen hielt nur schlecht den Wind und den Winterfrost ab, ihre Stoffschuhe mit den Holzsohlen waren eher Ansichtssache, als dass sie ihrem Zweck dienten – kurz, Jo beschloss eines sehr kalten Wintertages, nicht mehr für die Religionsfreiheit zu leiden und der Hofkälte zu entgehen, indem sie während des Religionsunterrichtes auf ihrem Platz sitzen blieb. Sie hatte deshalb kein schlechtes Gewissen vor dem neuen Pappi, sie vertraute seinem gesunden Menschenverstand.

Sie wurde eine begeisterte Anhängerin des Religionslehrers, des Herrn Wipprecht. Er war jung, freundlich, mitfühlend und migränekrank. Wenn er keine Kopfschmerzen hatte, brachte er die Klasse zum Lachen oder ihr ein neues Kirchenlied bei. Und was er alles wusste! Die Geschichte von Adam und Eva im Garten Eden kannte er, das mit den sechs Tagen, in denen Gott die Erde und das Weltall erschaffen hatte, und viele traurige Geschichten von Jesus Christus in seiner Krippe zu Bethlehem.

Als er die Sache mit Adam und Eva erzählte, kicherte Jo. Sie wusste es besser. Alle wussten es besser, aber alle hörten mit scheinheilig aufgerissenen Ohren zu oder kicherten leise, und Herr Wipprecht freute sich: Ausgezeichnete Mitarbeit.

„Wer kennt ein Tier, das kein Fell hat?", fragte er. Jo wusste: Es ging um die gemeine Schlange, die Eva verführte, den Apfel vom Baum der Erkenntnis abzureißen und reinzubeißen. Sie meldete sich: „Das Schwein, das hat kein Fell", sagte sie spitzbübisch.

Herr Wipprecht stutzte: Darauf war er noch gar nicht gekommen. „Sehr gut!", sagte er trotzdem. Er musste die Frage anders stellen: „Welches Tier hat keine Beine?"

„Die Blindschleiche! Ein Fisch! Der Tausendfüßler!"

„Nein, der Tausendfüßler, das ist nicht richtig. Der hat Beine, sogar tausend, nicht zu übersehen. Und der Fisch, ja, das stimmt, der hat keine Beine. Aber darauf komme ich noch zurück. Jetzt aber, Kinder - die Blindschleiche, da kommen wir der Sache schon näher. Es ist die Schlange, Kinder, die ich meine. Die Schlange, die falsche Schlange, die vom Teufel gesandt wurde."

Er war ein natürlicher Pädagoge, und Jo war so begeistert über ihn und dass Religion nicht langweilig wie bei Pastor Neubert in Großmutters Kirche war, dass sie ihr Geheimnis lüftete: Sie erzählte der Großmutter von Herrn Wipprecht. „Aber das ist ein Geheimnis", sagte sie. Großmutter freute sich: Ihre Enkelin würde trotz dieses abartigen Schwiegersohns eine gute Christin werden.

Jo ahnte nicht, was sie angerichtet hatte. Natürlich konnte die Großmutter Jos Geheimnis nicht lange für sich behalten, sie prahlte vor der Tochter mit ihrer guten christlichen Erziehung, die den Grundstein für Jos nunmehrige Folgsamkeit gelegt habe. „Und in der Schule ist sie die Beste in Religion!", fügte sie mit einem kleinen Seitenhieb auf den Schwiegersohn hinzu.

Am nächsten Morgen brachte der neue Pappi Jo in die Schule. Vor der Direktortür verabschiedete er sie mit vielsagend unterdrücktem Zorn. Jo ließ sich all ihre Missetaten durch den Kopf gehen, sie kam nicht darauf, weshalb der neue Pappi unbedingt mit der Direktorin sprechen wollte. Sie war guten Mutes.

Es war während des Leseunterrichts. Die Direktorin stand plötzlich vor der Klasse. „Wer von euch ist Johanna Brockmann?" Jo meldete sich und stand auf. „Was hast du deinem Vater erzählt? Dass du gezwungen wirst, am Religionsunterricht teilzunehmen? Schäm dich für diese Lüge!"

Jo begriff: Großmutter hatte ihr Geheimnis verraten. Deshalb also hatte der neue Pappi mit der Direktorin gesprochen. Die Erwachsenen waren alle gleich: Sie selbst schwindelten die Kinder an, aber wenn die Kinder mal schwindelten, dann war das gleich ein großes Verbrechen. Aber sie hatte gar nicht geschwindelt, sie war unschuldig. Auch Christus musste unschuldig leiden, und Jo fühlte sich ganz gut in ihrem Leiden für die christliche Sache. Mit Großmutter, das war klar, musste sie ab jetzt ein bisschen vorsichtiger umgehen.

Abends dann die Standpauke: „Und wenn du noch einmal ... Ich zieh dir den Hosenboden stramm, mein Fräulein ... Mich so zu blamieren ... Ich nehm dich aus der Schule raus ...

Na, das wäre doch gelacht, wenn mich meine Tochter so aufs Kreuz legt ... Die nächste Klasse ... Na, du wirst schon sehen. Ich lass dich umschulen! Und in der neuen Schule, da gibt es keinen Religionsunterricht!"

Jos Ansehen in der Klasse hatte gelitten: Sie war eine Lügnerin. Roswitha, die neben ihr saß, meldete sich: „Ich will nicht neben der falschen Schlange sitzen bleiben." Der Platz neben Jo blieb leer.

Fräulein von Eckstein übersah ab diesem Tag ihre gute Schülerin, wenn sie sich meldete. Jo bekam nur noch Zweien und Dreien. Im Zeugnis rächte sich die Lehrerin an dem unchristlichen Vater: „Jo könnte eine sehr gute Schülerin sein, wenn sie mit mehr Aufmerksamkeit an ihre Schularbeiten ginge. Ursache dafür sind wohl die Verhältnisse im Elternhaus."

Trotzdem, Jo wurde versetzt, in die zweite Klasse.

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19. April 2009 7 19 /04 /April /2009 08:04

Wieder wurde es Sommer. Jo war jetzt sieben Jahre alt. Tagsüber, wenn der neue Pappi auf der Arbeit war, ging sie zur Großmutter. Heimlich, die Mutter bangte, dass er es eines Tages erfahren würde. Das kleinste Missgeschick, eine Unachtsamkeit - und der Teufel wäre bei Borkmanns los. Aber Jo war geschickt geworden. Wenn der neue Pappi fragte, was sie den Tag über angestellt hatte, hatte Jo sich allerhand Ausreden zurechtgelegt: auf der Straße gespielt, mit der Mutter einkaufen gewesen, mit Veronika gespielt, der Mutter in der Küche geholfen.

Großvater murrte. „Du, Jule", Großvater winkte Jo gefährlich mit dem kleinen Finger, „du kannst deinem Großmaul sagen, wir füttern hier sein angeheiratetes Balg durch. Das kostet was." Das Großmaul, das war der neue Pappi. Und das angeheiratete Balg, das war sie, Jo.

Großmutter ging jetzt fast jeden Tag zur Kirche. Öfter nahm sie die Enkelin mit. Jo lernte beten und Kirchenlieder singen. Als sie noch bei der Großmutter wohnte, hatte sie schon Kindergebete gelernt: „Ich bin klein, mein Herz ist rein, du bist mein Gott, ich will immer artig sein."

Großmutter las in der Bibel, während das Mittagessen auf dem Feuer brodelte. Und sie erzählte der Enkelin, wie es war, als Gott die Menschen schuf: Er nahm einen Klumpen Lehm, und so entstand Adam. Und dann operierte er Adam eine Rippe heraus, das war Eva. Sie erzählte auch, wie Gott die Erde erschaffen hatte und das Weltall: in sechs Tagen.

Jo war skeptisch. Manchmal dachte sie, die Großmutter nehme sie nicht mehr ernst. Die Geschichte von Adam und Eva zum Beispiel, das war doch ein Märchen. Was sollte sie mit Märchen, sie war doch schon groß, und sie wusste, wie Menschen gemacht werden, Ingo hatte es ihr erklärt: mit Schweinereien, und nicht im Garten Eden, sondern nachts, im Bett.

Der neue Pappi hatte gesagt, im Himmel gibt es keinen Gott, nur Wolken, und die sind für das Wetter zuständig, aber nicht für einen alten Mann mit langem Bart. Und Engel gebe es schon gar nicht. Gott, das sei nur was für Bekloppte, eine Droge fürs dumme Volk. Und seine Kinder sollten mal kluge Menschen werden, die nicht der Kirche und dem Papst auf den Leim gingen, sie sollten auf ihre eigene Kraft vertrauen und auf ihren eigenen Kopf. Deshalb würden sie auch keine schlechteren Menschen werden, jopp tui matsch. Jo hatte alles begriffen, nur dieses „jopp tui matsch", was hieß denn das?

Der neue Pappi lachte. „Das ist Russisch. So fluchen sie in Russland." Er kannte noch allerhand andere Flüche. „Einer schlimmer als der andere", sagte die Mutter. „Fluch nicht vor dem Kind."

Großmutter, als Jo ihr erzählte, dass es keinen Gott gibt, war entsetzt: „Aber Kind, wie kann man das einem so jungen Menschen bloß beibringen! Sowas Verantwortungsloses! Wie willst du denn durchs Leben kommen - ohne Gott? Komm heute mal mit in die Kirche, ich zeig dir, dass es Gott gibt. Und außerdem steht es in der Bibel."

Jo ging mit zur Kirche. Sie kannte Pfarrer Neubert schon lange, er war ein freundlicher Mann, der ihr manchmal einen Keks und bunte Bildchen zugesteckt hatte. Der Weg zu Großmutters Kirche war weit, und als sie ankamen, war der Gottesdienst fast beendet.

„So gedenken wir denn der Toten des schrecklichsten aller Kriege", sagte Pfarrer Neubert am Altar und warf einen strengen Blick auf die Neuankömmlinge, „die wie unser Herr Jesus Christus ihr Leben gegeben haben für uns Sterbliche in diesem Jammertal und die wir nur mit Gottes Hilfe würdig sind, dieses Geschenk anzunehmen. Amen."

In den Bänken saßen ein paar alte Frauen. „Amen", sagten sie.

„Wir singen jetzt ‚Christlicher Glaube und christliches Leben‘, liebe Gemeinde, Seite 243."

Er begann zu singen:

„Durch Adams Fall ist ganz verderbt

menschlich Natur und Wesen

ohn Gottes Trost, der uns erlöst

hat von dem großen Schaden,

darein die Schlang Eva bezwang,

Gotts Zorn auf sich zu laden."

Die alten Frauen bewegten die Münder, Großmutter sang mit kräftiger Altfrauenstimme, sie schloss halb ihre Augen. Das Lied hatte viele Strophen, und als der Gesang an die Stelle gekommen war: „... durch unsern Herrn Jesum Christum, deinen Sohn, der mit dir und dem Heiligen Geiste lebet und regieret von Ewigkeit zu Ewigkeit.", seufzte sie aus voller Brust. „Warum singst du nicht mit? Du kennst das Lied doch", sagte sie zu Jo.

Jo konnte ihr nicht erklären, dass sie, egal, was sie tat, irgend jemanden verraten müsse: entweder sie, die Großmutter, oder den neuen Pappi. Deshalb probierte sie es, keine Verräterin zu werden, indem sie zwar mit der Großmutter in die Kirche ging, aber nicht mitsang, keiner von beiden konnte ihr so einen Vorwurf machen.

„Wo ist denn nun Gott?", fragte sie. „Du wolltest ihn mir zeigen."

Großmutter wurde ernst. „Man kann ihn nicht sehen, man muss ihn spüren, er ist überall, vorn am Altar, in der Kerze, sogar in der Luft, in mir, in dir, in jedem Menschen", sagte sie. „Der gottlose Schubiak, dein sogenannter Vater, ist nur zu dumm, das zu begreifen. Das hat er in Russland gelernt."

Es war schon früher Nachmittag, als sie nach Hause kamen. Großvater empfing sie wütend. „Wie lange soll ich noch warten, bis du Jule dich um deinen Mann kümmerst! Jeden Tag in die Kirche latschen, Pfaffe hier, Pfaffe da - aber zu Hause sitzt dein Mann und schiebt Kohldampf! Ab heute geht es nur noch sonntags in die Kirche! Basta!"

Jo dachte nach: Wer nicht in die Kirche ging und Gott nicht in sich spüren wollte, war ein gottloser Schubiak wie der neue Pappi. Aber Großvater? Der wollte doch auch nicht Gott in sich spüren, der ging nie zur Kirche und las auch nicht in der Bibel. War der auch ein gottloser Schubiak? Und warum war er dann Großmutters Mann?

Abends, wenn sie in dem alten Kinderbett in der Küche lag und betete, wartete sie darauf, Gott in sich zu spüren. Aber sie spürte ihn nicht. Nur das Knie tat weh, das spürte sie. Das kam davon, dass das Bett zu kurz war, und vom Wachsen, hatte der neue Pappi ihr erklärt. Im Herbst werde sie eingeschult. Bis dahin würde er ein neues Bett auftreiben müssen.

Sie konnte schon das Vaterunser. Großmutter hatte es ihr so lange vorgesprochen,

bis sie es auswendig aufsagen konnte. Jeden Abend vor dem Einschlafen flüsterte sie es, in der Hoffnung, eines Tages Gott doch noch in sich spüren zu dürfen. Sie war gerade bei „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern", als sie zusammenschreckte: Der neue Pappi stand neben ihrem Bett.

„Was flüsterst du denn da?"

„Nichts. Gar nichts."

„Aber ich habe doch ganz deutlich gehört, dass du geflüstert hast. Seit wann wird denn bei Borkmanns gebetet?"

„Ich habe gesprochen, nur so, mit mir selbst ..."

„Red keinen Unsinn, ich habe doch alles verstanden! Also, woher hast du das?"

„Von ... , aber schimpf nicht, von Oma. Sie hat gesagt, wenn ich jeden Abend bete, werde ich Gott in mir spüren."

„Gott! Simplicius! Heiliger Bimbam! Dass ich nicht lache! Das kann auch bloß auf dem Mist von denen da unten wachsen! Also, mein Fräulein, ab jetzt: Noch ein einziges Gebet, und du lernst mich kennen! Hast du verstanden?"

„Ja, hab ich."

„Na, dann verstehen wir uns ja."

Am nächsten Morgen kam die Mutter in die Küche gestürzt. „Was war denn hier gestern abend los? Was hast du angestellt? Es ist wegen dir. Die brüllen sich bei Muttern an wie die Kesselflicker!"

Jetzt hörte Jo es auch: Der neue Pappi und der Großvater schrien sich an. Es schallte durchs ganze Treppenhaus. Sie verstand nicht, worum es ging. „Vielleicht", mutmaßte sie, „wegen dem Vaterunser gestern abend?"

„Himmel, meine Mutter. Ihr Frommtun! Und du? Lass die Beterei, Jo. Das bringt bloß Unglück. Aber dass der Helmut gleich so auf die Pauke hauen muss! Herrje, und mein Vater, der Stinkstiebel! Die schlagen sich die Köpfe ein!" Sie lief die Treppe hinunter.

Jo stand an der Tür. Sie lauschte. „Du hirnverkleisterter Stalinanbeter! Du vaterlandsloser Bolschewist!", hörte sie Großvater brüllen. „Du verdammter, störrischer Stehkragenprolet!", die Antwort des neuen Pappi. Polternde Schritte auf der Treppe. Jo huschte ins Bett zurück.

„Dem hab ich es aber gegeben!" Der neue Pappi schnaufte. „Wo gibt es denn sowas!

Mir das Kind mit dem Pfaffenkram versauen! Wenn ich dich noch mal beim Beten erwische! Die Neussens da unten existieren nicht mehr! Merk dir’s! Ein für allemal!"

Jo kroch unter das Bettdeck.

Wenn sie nur wüsste, wer recht hatte: Großmutter oder der neue Pappi. Sie trat ans Küchenfenster, barfuß und im Nachthemd. Am Himmel war außer Wolken nichts zu sehen. Sicher hatte der neue Pappi recht, da oben konnte doch niemand sitzen. Der würde runterfallen, der müsste sich schon an den Wolken festhalten. Aber Großmutter hatte gesagt, man könne Gott nicht sehen.Verflixt, wer hatte denn nun recht?

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