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Poetik (3)

2. Reimlehre

Silbenreim
(Endreim, Binnenreim, Schlagreim usw): Gleichklang zweier oder mehrerer Lautgruppen von ihrem letzten betonten Vokal an!

reiner Reim oder Vollreim: volle Übereinstimmung der reimenden Vokale und Konsonanten

unreiner Reim oder Halbreim: keine volle Übereinstimmung, beruht auf ähnlich klingenden Reimsilben)

[Man hüte sich vor allzu pedantischer Beckmesserei (Goethe: Tritte auf Hütte; Entzücken auf erquicken). Ähnliche Ungenauigkeiten können in anderen Gedichten durchaus die Klangreinheit verletzen. Reime können sich mit der Zeit abnutzen. Wer dürfte es heute noch ungestraft wagen, Triebe mit Liebe oder Herz mit Schmerz zu reimen. Doch auch hier gibt es kein allgemeingültiges Verbot (Berechtigung, wenn es gelingt, diese Reimver­bindungen in völlig neue Zusammenhänge zu stellen). Dichter um 1900 machten geradezu Jagd auf ungewöhnliche Reimklänge (Rilke: Durchtobtsein auf gelobt sein oder Herr auf  Verkündiger)]

 

 

 

1. Haufenreim (aa aa):

                                                                                               (Keller, Abendlied)

Augen, meine lieben Fensterlein,

Gebt mir schon so lange holden Schein,

Lasset freundlich Bild um Bild herein:

Einmal werdet ihr verdunkelt sein!

 

2. Paarreim (aa bb): (die durch den Paarreim verbundenen Verse bilden ein Reimpaar)

                                                                                                                     (Herwegh, Bundeslied)

Mann der Arbeit, aufgewacht!

Und erkenne deine Macht!

Alle Räder stehen still,

Wenn dein starker Arm es will.

 

3. gekreuzter Reim (ab ab):

                                                                                                                 (Dehmel, Manche Nacht)

Wenn die Felder sich verdunkeln,

Fühl’ ich, wird mein Auge heller;

Schon versucht ein Stern zu funkeln,

Und die Grillen wispern schneller.

 

4. umschließender oder Spiegel-Reim (abba cddc usw):

                                                                                                                    (Eichendorff, Übermut)

Ein’ Gems auf dem Stein,

Ein’ Vogel im Flug,

Ein Mädel, das klug,

Kein Bursch holt die ein.

 

5. verschränkter Reim (abc abc):

                                                                                (Hebbel, Die Rosen im Süden)

Aus den Knospen, die euch deckten,

Süße Rosen, mein Entzücken,

Lockte euch der heiße Süd;

Doch die Gluten, die euch weckten,

Drohen jetzt euch zu ersticken,

Ach, ihr seid schon halb verglüht!

 

6. Schweifreim (aab ccb):

                                                   (Lorbeer, Von einer glücklichen Mutter gesungen)

Schön, mein Kind, wirst du einst leben,

Aus den Träumen dich erheben

Und ein Mensch der Taten sein,

Denn der Tag wird wiederkehren

Und auch dich ein Leben lehren,

Drin der Mensch nicht mehr allein.

 

7. Dreireim (aaa, bbb, ccc usw.):

                                                                                     (Eichendorff, Mittagsruh)

            Über Berge, Fluß und Talen,

            Stiller Lust und tiefen Qualen

            Webet heimlich, schillert, Strahlen!

            Sinnend ruht des Tags Gewühle

            In der dunkelblauen Schwüle,

            Und die ewigen Gefühle,

            Was dir selber unbewußt,

            Treten heimlich, groß und leise

            Aus der Wirrung fester Gleise,

            Aus der unbewachten Brust,

            In die stillen, weiten Kreise.

8. Einreim, auch Haufenreim oder Tiradenreim (aaaaaaa …),

                                                                                                      (A.Glaßbrenner, An den Michel)

            Willst du deinen Junkern behagen

            So mußt du dich also betragen:

            Im Frieden stets wacker dich plagen,

            Im Kriege stets wacker dich schlagen,

            Nichts wagen und nie was abschlagen.

            Nie fragen, versagen, noch klagen,

            Beim Geldgeben nimmer verzagen,

            Und all deine Wünsche vertagen.

            Dann hast du nichts weiter zu sagen!

 

9. reicher Reim: Sonderform des erweiterten, zwei und mehr Silben umfassenden Reims, wo­   bei die reimende Silbe oder Wortgruppe leichte Veränderungen erfährt, vorletzte Takte ein­ bezogen, Konsonanten abweichend (häufig in oriental. Strophenformen wie Ghasel)

                                                                                                                            (Bürger, Leonore)

Und jedes Heer mit Sing und Sang,

Mit Paukenschlag und Kling und Klang,

Geschmückt mir grünen Reisern,

Zog heim nach seinen Häusern.

 

oder:

                                                                                                                 (Heine, Die Heimführung)

Ich geh nicht allein, mein feines Lieb,

Du mußt mit mir wandern

Nach der lieben, alten, schaurigen Klause,

In dem trüben, kalten, traurigen Hause.

 

oder (Doppelreim):

                                                               (C.Brentano, Das Märchen vom Schulmeister Klopfstock)

            Nun wird das Meer nicht mehr bitter sein,

            Auf stillerund wilder Flut

            Wirst du der seligste Ritter sein.

                                                                                                                     Goethe, Buch Suleika)

            In tausend Formen magst du dich verstecken,

            Doch, Allerliebste, gleich erkenn ich dich;

            Du magst mit Zauberschleiern dich bedecken,

            Allgegenwärtge, gleich erkenn ich dich,

 

            An der Zypresse reinstem, jungem Streben

            Allschöngewachsne, gleich erkenn ich dich,

            In des Kanales reinem Wellenleben,

            Allschmeichelhafte, wohl erkenn ich dich.

 

            Wenn steigend sich der Wasserstrahl entfaltet,

            Allspielende, wie froh erkenn ich dich;

            Wenn Wolke sich gestaltend umgestaltet,

            Allmannigfaltge, dort erkenn ich dich.

 

            An des geblümten Schleiers Wiesenteppich,

            Allbuntbesternte, schön erkenn ich dich,

            Und greift umher ein tausendarmger Eppich,

            O Allumklammernde, da kenn ich dich.

 

            Wenn am Gebirg der Morgen sich entzündet,

            Gleich, Allerheiternde, begrüß ich dich,

            Dann über mir der Himmel rein sich ründet,

            Allherzerweiternde, dann atm ich dich.

 

            Was ich mit äußerm Sinn, mit innerm kenne,

            Du Allbelehrende, kenn ich durch dich;

            Und wenn ich Allahs Namenhundert nenne,

            Mit jedem klingt ein Name nach für dich.

 

10. Reim nicht versbildend (hält Erinnerung an reimende Lyrik wach):

                                                                                                                                 (Rose Nyland)

 


Über uns hinweg

wird eine Liebe gehn.

Leise, fröhlich

und mit leichten Füßen

 

Sie, im blauen Kleid,

wird lachen müssen,

Er, verträumt, befangen,

wird es nicht verstehn.

 

 

Wird dem Lachen

sich entgegenstemmen,

wie ein Schiff.

Sie holt die Segel ein.

 

Zwischen ihnen wird

der Atem sein.

Und dann muß

man sich die Haare kämmen.

 

 

Und sie werden auf

den Brücken stehen.

Furchtlos klug.

Und er nun unbefangen.

 

Es ist gut. Wir sind

vorausgegangen

Über uns hinweg

Wird eine Liebe gehen.



 

 

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