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Slov ant Gali: Eine wunde Stelle

Die folgende Erzählung (?) fand ihrer für einen Abend unmöglichen Überlänge keinen Platz im FAK. Allerdings wirkt sie geteilt nur, wenn man die anderen Teile auch kennt...

 
Eine wunde Stelle

Galja wirkte auf ihrem Foto vergleichsweise bescheiden. Sie trug ein gepunktetes Matrosenkleid mit Kragenaufschlägen und hatte sich wohl die Haare selbst geschnitten. Zwischen den vielen aufgepeppten Frauen aus dem russischsprachigen Raum wirkte ihr verkrampftes Lächeln besonders verloren. Darüber hinaus verriet sie schon im Vorstellungstext, dass sie mit einer vierjährigen Tochter lebe. An ihre erste persönliche Mail hängte Galja Nastjas Foto. Das Mädchen stand darauf verängstigt in einer Zimmerecke. Äußerlich war es ganz Miniaturausgabe der Mutter und für die Aufnahme mit einem Schwanenseekostüm auf niedlich getrimmt.

Michael schrieb, er wohne mit seinem sechzehnjährigen Sohn Max in einer geräumigen Dreiraumwohnung. Musste das diese Galja nicht beeindrucken? Er nannte sich Manager. Das hörte sich einfach besser an als Sachbearbeiter. Ein Mann muss schließlich einen ordentlichen Beruf vorweisen, wenn er auf eine Kontaktanzeige schrieb. Besonders bei einer Kasachin, deren Wohlstandstraum er verkörpern sollte. Wollte die nicht vor allem eines: Sicherheit? Früher einmal hatte er Ansehen genossen, ja, zu DDR-Zeiten… Sollte er Galja erklären ... nein, einen englischen Begriff für „Abwicklung“ fand er nicht.

Sobald Micha ins Web ging, blinkte nun immer etwas in seinem Postfach, und er bastelte mühsam eine englische Antwort zusammen. Nur eine Gnade gewährte ihm Galja: Meist schmückten Fotos ihre Mails; sie vor Postkarten-Hintergründen, selten ohne, fast immer mit Nastjenka. „... Kasachstan ist ein islamisches Land ... nicht demokratisch ... habe Angst, mit meiner Tochter allein ... möchte schnell weg ... habe keine Zukunft, Nastjenka erst recht nicht ...“ verstand er in den Texten.

Galja hatte es geschafft. Das Schicksal des Kindes rührte ihn fast so an wie die Aussicht auf eine eigene Familie. So schrieb er – sich für sein gebrochenes Schulenglisch entschuldigend – dass Galja genau den richtigen Zeitpunkt gewählt habe, Nastja nach Deutschland zu bringen. Er würde sich sehr um das Kind bemühen, damit es bis zum Schulanfang ordentlich deutsch spräche. Er würde sie beide unterrichten.


Our relation only can have a future when we go to meet soon and than realize that we have been done one for the other.“

Michael hatte spontan begeistert auf diesen Satz in seiner nächsten Mail „Yes, let´s do!“ geantwortet. Er hatte Galja angeboten, gemeinsam Ostern zu feiern. Ein paar Tage davor und ein paar danach könne sie bleiben. Da erhielt er die Kündigung. Per 30. April. Was hätte er tun sollen? Alles zurückblasen? Ins ferne Kasachstan schreiben, dass er nun nicht mehr als Beschützer tauge? Er nun die paar Euros für die Fahrkarten eigentlich selbst brauche? Er klammerte sich an vage Hoffnungen. Vielleicht käme alles ganz anders. Je näher die große Visite kam, umso inniger bekundeten Michael und Galja ihre Gefühle für einander, soweit dies ihre Sprachkenntnisse zuließen.

... and I hope we´ll not be disappointed of each other than ...“

Michael renovierte seine Wohnung.

... „Weiß ich noch nicht, Maxi. Vielleicht ziehen sie mit bei uns ein. Dann soll doch alles schön sein. Und wenn wir uns eine neue, größere Wohnung nehmen, dann müssen wir die alte sowieso ordentlich übergeben.“

Michael nahm sich vor, dem Sohn später von seiner Arbeitslosigkeit zu erzählen. Wenn die beiden Mädchen wieder zurück wären. Wenn die Bewerbungen erfolglos geblieben sein sollten. Und überhaupt. Es war ja noch Zeit bis Ende April.


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