Vorstellung der Autorengruppe, Schreibaktivitäten, Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikation zwischen Schreibenden
Hinter der Wohnungstür der Neussens verbargen sich zwei Wohnungen: ihre eigene, Küche und Stube über den Flur, die Tür geradezu aber führte in die Wohnung von Nachbar Krumnow und seiner Frau. Die Krumnows hatten einen Sohn in amerikanischer Gefangenschaft, dessen Frau bei einem Bombenangriff umgekommen war, und so hatten sie den Enkel Ingo, einen sommersprossigen Rotschopf, drei Jahre älter als Jo, zu sich genommen. Über die lange Zeit des engen Beieinanderwohnens hatte es sich eingespielt, dass man einer näheren Bekanntschaft aus dem Wege ging, weil jeder im Haus wusste: Das Hineinschielen in Nachbars Suppentopf bringt nur Ärger. Ein nicht allzu unfreundlich gebrummtes „Morjen" reichte den beiden Männern aus zur Begrüßung.
Nachbar Krumnow war seit dem ersten Krieg blind. Er kam ganz gut zurecht mit seiner Blindheit, auf der Straße tastete er sich mit seinem Blindenstock langsam, aber ohne Sturz nach Hause. Klara, wenn sie ihm begegnete, hätte ihm gern mal etwas Liebes gesagt, aber sie hatte Angst, ihn an seine Blindheit zu erinnern und alte Narben aufzureißen.
Seine Frau Berta war eine vor der Zeit in den Boden gewachsene, abgemagerte Frau, die man nur in ehemals gestreifter, nun aber, nachdem sich der Küchenschmutz von Jahren darauf niedergelassen hatte, einheitlich grauer Kittelschürze sah, egal, ob im Haus oder auf der Straße. Aber reden konnte sie! Es war, als habe sie, wenn sie mit Klara sprach, jeden ein Leben lang ungesprochenen Satz für diese Gelegenheit aufgespart und würde ihn jetzt erst, vermehrt um zahllose Nachkommenschaft, herauslassen. Klara war froh, wenn sie nach solch einem Gespräch, bei dem sie kaum zu Worte gekommen war, endlich die Küchentür wieder hinter sich schließen konnte. Trotzdem, die Begegnungen mit Berta Krumnow zahlten sich aus, wenn auch nicht in Naturalien, so doch in nachbarschaftlicher Ruhe auf dem Flur. Otto allerdings durfte von diesen Gesprächen nichts erfahren, er hätte Klara die Hölle heißgemacht.
Der Krumnowsche Enkel Ingo hatte strikte Anweisung, nur im Schlafzimmer zu spielen. Einmal aber ergab es sich, dass er den Kopf aus der Tür steckte und sah, dass Jo mit Klara ausgehbereit auf dem Flur stand.
„Ach so", sagte er, „nur eine Mieke."
Jo war beleidigt. „Doofer Rotkopf!"
Solcherart waren die nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen den Krumnows und den Neussens.
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