Vorstellung der Autorengruppe, Schreibaktivitäten, Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikation zwischen Schreibenden
„Mutter, hast du das gehört? Das lass ich mir nicht gefallen, nicht von der! Die hat ja noch nicht mal einen Vater!"
„Und du hast einen Vater, aber dafür kannst du nichts. Nichts für den. Ich hätt mir auch lieber einen reichen Mann gewünscht. Siggi, Freundchen, das will ich nicht noch mal hören. Das mit dem Vater von Jo." Klara war aufgebracht, beinahe wäre ihr wirklich die Hand ausgerutscht. Da pfiff sie auf Siggis sechzehn Jahre, Jos Vater war tabu in der Familie.
„Jedes Kind hat einen Vater", sagte sie. „Und Jos Vater war ein reicher Mann." Sie überlegte. „Und genaugenommen hat sie sogar zwei Väter." Aber das letzte sagte sie so leise, dass Jo es nicht verstand.
Jo hatte mit offenem Mund zugehört. „Aber mein Pappi ist doch in Russland", sagte sie.
Klara schlug sich auf den Mund. Da hatte sie was Schönes angerichtet. Da denkt man, das Wurm versteht nicht, worüber gesprochen wurde, und in Wirklichkeit passte Jo auf wie ein Luchs. „Ja, Kindchen, in Russland, dein Pappi ist in Russland." Sie drückte Jo an sich.
„Sein Foto steht auf Muttis Vertiko. Er ist Soldat, sagt sie. Er hat eine Mütze aus Eisen auf."
Siggi hielt sich den Bauch. „Mütze aus Eisen! Dass ich nicht lache, hihi. Stahlhelm, du Doofe, heißt das. Aber zu mir nicht Onkel sagen wollen!"
„Fang nicht schon wieder damit an. Du Rotznase!"
Klara machte sich unterm Wasserhahn zu schaffen. War wohl doch noch nicht so erwachsen, wie er tat, der Siggi. Und Schmuggeln und die Ami-Schiebereien waren nun wirklich kein Reifezeugnis. Manchmal, wenn Otto an ihrer Seite schnarchte, sprach sie ein kleines Gebet für den Sohn.
Eines Abends war es dann soweit, Klara hatte das Unglück kommen sehen: Ein deutscher Polizist stand vor der Tür. Siggi war in eine Razzia geraten, schuldlos, aber nach Mitternacht, Sperrstunde. Wann die Amerikaner ihn wieder freigäben? Der Polizist blinzelte mitleidig. Wer wisse das schon. Aber Siggi sei ja noch minderjährig, und bei Minderjährigen drücke man ein Auge zu, die Amerikaner seien doch zivilisierte Menschen, keine asiatischen Horden – wie die da, der Polizist wies mit dem Kopf hinter sich, er meinte die nächste Querstraße, die Boyenstraße, die im Russensektor lag.
Abends tobte Otto. „Der Bengel kriegt das Jackstück voll!" Klara hing sich an ihren Mann. „Aber Ottochen, lass den Siggi in Frieden, der ist gestraft genug mit dem Kittchen. Er tut doch nur Gutes."
„Gutes, Gutes! Dass ich nicht lache! Nach Sibirien mit dem Hundsfott! Wir sind anständige Leute!"
„Aber dann wäre er doch bei den Russen, Ottochen. Wo der Helmut ist, Rita ihrer. Was werden sie Siggi schon tun? Eines Tages ist er wieder zu Hause. Er muss doch zur Schule."
Otto beruhigte sich nach und nach. „Aber der soll mir nach Hause kommen! Um das Jackstück kommt mir der Kerl nicht herum!""
Siggi kam nach einem Monat zurück. Still, noch schmaler geworden. Jo, die ihm die Tür aufgemacht hatte, erkannte ihn kaum wieder. „Onkel Siggi ist wieder da, Oma!", rief sie. Und Siggi beugte sich zu ihr hinab und gab ihr einen Kuss auf die Haare. „Warum nicht gleich so", sagte er friedlich.