Vorstellung der Autorengruppe, Schreibaktivitäten, Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikation zwischen Schreibenden
Er war die Treppe herunter gehüpft. Die Haustür hatte er schon geöffnet. Da blieb er plötzlich stehen. Vom Himmel grinste ihn eine mäßig wärmende Sonne an. Grübelnd sah er an sich herunter. Er trug ein T-Shirt als Unterhemd, ein verwaschenes dunkles Hemd darüber, einen Pullover und eine Übergangsjacke, die er früher einmal im Winter angezogen hatte. Jetzt war Mitte September, und selbst im Schatten war es mehr als zwölf Grad warm. Trotzdem sprang er, jeweils zwei Stufen auslassend, die Treppe wieder hoch und stürmte zurück in die Wohnung. Er überhörte den ängstlichen Ruf seiner aufgescheuchten Tochter, ob etwas los sei. „...Wenn ich schon aufräumen soll, dann in Ruhe, allein...“, und griff nach dem an seinem Platz wartenden Schirm. Den verstaute er in der Innentasche seiner Jacke, sodaß sich außen die Brust spannte. Derart gerüstet trat er wieder auf den Bürgersteig, nun vor Wärme in der Sonne triefend. Doch an der nächsten zugigen Ecke freute ihn seine Vorsicht: Wer wußte, was ihm alles bevorstand, und die Jacke konnte er ja ausziehen und über die Schulter schmeißen, sollte er sie nicht brauchen.
Roland war einsam. Er suchte Anschluß, eine Gemeinschaft Gleichgesinnter, mit denen er sich austauschen konnte, genauer, denen er etwas zu geben hatte. Hätte er den Gleichschritt gemocht, wäre er vielleicht ein Rechter geworden, aber er hatte einen sehr eigensinnigen, denkenden Kopf. Er mußte immer über das hinausdenken, was ihm gerade als der Weisheit letzter Schluß angeboten wurde. Das war schon so in seiner DDR-Jugend, und die Marktwirtschaft konnte höchstens dieser Weisheit vorletzter Schluß sein. Dummerweise hatte er so viel gelernt, daß er dies alles nicht nur spürte, okay, das auch, aber er kannte die Zusammenhänge. Er hätte anderen beim besseren Verstehen helfen können, wenn die gewollt, ja überhaupt erst einmal von ihm gewußt hätten. So waren die New Yorker Kamikazeflieger für ihn wie ein Weckerrasseln. Jetzt würden sich Gleichgesinnte versammeln, und er brauchte sich nur unter sie zu mischen, um zu ihnen zu gehören.
Eine samstägliche Großkundgebung beim Roten Rathaus war angekündigt, und Roland wollte sehen, wie groß sie werden und ob jemand Bestimmtes kommen würde.
Roland war absichtlich eine Viertelstunde zu früh auf dem Platz. Er hoffte, daß Schneewittchen zu dem harten Kern gehörte, der dann auch schon da wäre. Vielleicht sogar allein, ohne ihre Freundin. Oder mußte er sie vor anderen fragen, ob er sie allein sprechen dürfe?
Es war die Zeit der Propagandisten. Ein paar Stände waren da. An jedem standen Leute, die mit ihrer Gruppe, Partei oder wie auch immer sie sich nennen mochten, die einzig wahre Wahrheit verbreiteten. Die auf einen kurzen Blickkontakt hin Rolands Hände mit Flyern schwängerten. Trotzdem er kurze Gespräche mit Fremden führte, blieb er allein und einsam in der Menge. Vielleicht war er aber nur enttäuscht, daß er Schneewittchen nicht sah, obwohl er alles abgesucht hatte.
War es schlimm, daß er nicht nur gegen einen drohenden Krieg, sondern für eine Begegnung mit ihr demonstrieren gekommen war?
Sie war die Erinnerung an den Mittwoch der vergangenen Woche. Da hatte er beinahe seine persönliche Zukunft entschieden. Es war eine Schülerdemo, auf die er ohne seine Tochter gegangen war. Bei dieser Demo kam eine in jeder Hinsicht bunte Truppe zusammen. Wenige Chaoten darunter. Ansonsten Typen, denen Roland am liebsten auf die Schultern geklopft hätte. Er hatte überhaupt keine Angst vor ihnen wie meist, wenn ihm Jugendliche im Haufen gegenübertraten. Er sah sie sich an und erfand Geschichten, was es wohl für Menschen wären. Wie deren Zukunft aussehen könnte, an die er für sich eigentlich nicht mehr glaubte. Roland hätte so gerne zu ihnen gehört, die Zeiger seiner Lebensuhr rasend rückwärts gedreht. Als Jugendlicher mitgemacht.