Vorstellung der Autorengruppe, Schreibaktivitäten, Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikation zwischen Schreibenden
Roland war verwundert, wie viele Mädchen in diesem Demonstrationszug ihm äußerlich gefielen. Ganz unterschiedliche. Eine von ihnen anzubaggern traute er sich trotzdem nicht.
Dann schubste ihn der Zufall neben Schneewittchen. Er ahnte, er hatte sie schon einmal gesehen. Ihr Gesicht wich nur in einem Punkt von der totalen Harmonie ab: Es war zu lang gezogen, und weil das ganze Mädchen nicht sehr groß war, fiel das besonders auf. Ansonsten hätte sich Roland die ganze Zeit vor sie hinstellen mögen und sie anstarren mit einem ungläubigen Ausdruck in seinem Gesicht, ob denn so etwas möglich sein könnte. Sie war ein bißchen streng gekleidet, mit weißer Bluse und so. Das betonte aber nur dreierlei: Die Schneewittchenhaare, die braunen Riesenaugen und der rote Mund auf schneeblasser Haut. Die Begegnung war wie ein Asthmamoment, wo ihm die Luft wegblieb.
Leider war dieses Schneewittchen in Begleitung einer Freundin. Und natürlich konnte er sie nicht laufend mit Anstarren belästigen. Sie war ein Mädchen, das man fragt, ob sie einen heiraten möchte, und wenn sie nach Bedenkzeit ja sagte, dann heiratete man sie eben.
Das Problem für Roland waren die paar Worte, die er sicher vor der Heiratsfrage noch mit ihr wechseln mußte. Wahrscheinlich hatte sie ihn mit den Augenwinkeln bereits erspäht. Wahrscheinlich fand sie ihn ... alles Mögliche, aber auf jeden Fall eher häßlich und alt als zu ihr passend. Da sah er besser wenigstens vorübergehend in eine andere Richtung. Daß sie danach in der Menge verschwunden war, störte Roland wenig. Er wußte, dieses Gesicht würde ihm in seinen Träumen erhalten bleiben und am Samstag konnte er sie anreden, daß man sich schon wieder begegnete, zum Beispiel.
Er hatte sie nicht gefunden. Aber plötzlich stand er neben einer ganz anderen sie. Auch dunkle Haare. Auch braune Augen. Auch nicht groß. Roland konnte mit großen Mädchen sowieso nichts anfangen. Aber das erste Empfinden, als sie seinen Blick anzog, war das Bedürfnis, für sie stark zu sein. Sie belebte den Traum seiner kindlich unschuldigsten Liebe. Damals war er sechs gewesen und auf dem langen Weg zur Schule hatte ein einsames Haus gestanden. Darin hatten Menschen gewohnt, die die Leute in der Umgebung Zigeuner genannt hatten. Eine Tochter von denen war in Rolands Klasse gegangen, und er hatte sie irgendwie märchenhaft gefunden. Sie war zart gewesen. Ihr Teint dunkel, unheimlich. Doch die Augen hatten sich schnell bewegt und irgendwie dabei gefunkelt. Roland hatte sich gern verzaubern lassen, behexen, wie welche sagten, und er hatte sich als Recke gefühlt, der jedes Ungeheuer aus fremder Welt für diese Prinzessin aus noch fremderer Welt besiegt hätte. Ja, er war gern neben ihr gelaufen, um sie zu beschützen. Er hätte sie angebetet, wenn sie das von ihm verlangt hätte. Ein Jahr später war seine Familie weggezogen. Lange danach war er ihrem Namen begegnet. Da hatte sie einen bekannten Boxer geheiratet. Der würde sie besser beschützen als er. Aber ihm, Roland, war dabei so, als würde der brutale Sportler das zarte, wunderschöne Mädchen zerquetschen.
Roland brauchte nicht mehr zu suchen. Ob ihn dieses Mädchen mögen konnte? Beinahe glücklich beobachtete er, daß sie allein gekommen war. Wenn sie einen Freund hätte, dann war er nicht an ihrer Seite und ihrer also nicht würdig. Einen kleinen inneren Kampf trug Roland mit sich aus. Wollte er nun Schneewittchen oder seine neue Zigeunerin heiraten?
Er grinste. Irgendwie war er ein echter Linker. Er wählte schon Mädchen, mit welchen er den Rest seines Lebens genießen wollte, ohne gefragt zu haben, ob sie ihn überhaupt wollten, so wie die Linken über den richtigen Weg in eine bessere Zukunft stritten, ohne Zugang zu einem einzigen zu haben.