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Der Schirm(4/4)

 Das Geschehen auf der Bühne deutete noch nicht auf einen Schluß hin. Das Mädchen sah sich einen Moment wie gelangweilt um. Sie tat, als nähme sie Roland nicht wahr, vor allem nicht, daß er ihr gefolgt war. Aber sie registrierte den sich schwärzenden Himmel. Sie schien einen Moment zu überlegen. Dann sprang sie kurz entschlossen auf und schlängelte sich zwischen hinten lockerer zusammen stehenden Teilnehmern hindurch. Es waren Sekunden, da hatte Roland für sich entschieden, daß er eine blamable Abfuhr in Kauf nähme für die Chance, daß dieses Mädchen seines werden konnte. Also sprang er gleichfalls auf und setzte ihr nach.

Die Zigeunerin war hinter einem Paar verschwunden. Wahrscheinlich strebte sie auf die Baumgruppe am Rand des Platzes zu, wo sie erst einmal Schutz vor dem Regen finden konnte. Oder sie suchte einen Fluchtweg in eine Bahn. In der Nähe gab es sowohl Haltestellen für Straßen-, U-, oder S-Bahnen. Ein Platzregen würde ihre Unterwäsche blitzschnell erkältungsreif durchbeuchten. Von Rolands geplantem Angebot konnte sie ja nichts wissen oder sie wollte es nicht.

Roland stieß mit einem Mann zusammen, der in die durch das Mädchen gerissene Lücke aufrücken wollte. Als er ein bißchen bessere Sicht hatte, war die Zigeunerin verschwunden. Sie konnte noch hinter irgendwelchen Kundgebungsteilnehmern verborgen stehen – dann wäre sie nur vor seiner möglichen Belästigung geflohen – oder sie hatte die Baumgruppe oder die Kreuzung erreicht. Dann...

... fielen die ersten Tropfen. Sie fielen sofort bedrohlich geschoßartig. Unwillig spannte Roland seinen Schirm auf. Am liebsten hätte er gebrüllt „Ich kann dich schützen!“, aber wen sollte er rufen und in welche Richtung. Hätte der Guß nicht zwei Minuten früher beginnen können? Roland kam sein Schirm nun fast sinnlos vor, obwohl es jetzt mit Wucht darauf pladderte. Eine richtige NATO-Wolke hatte sich geöffnet.

Normalerweise hätte eine Panikflucht einsetzen müssen. Roland, der wie eine Tonne Traurigkeit unschlüssig im Fluchtweg herumstand, wäre niedergetrampelt worden. Doch obwohl viele ungeschützt von den himmlischen Wasserwerfern getroffen wurden, schien den meisten das nichts auszumachen. Durch den Lautsprecher tönte sogar eine Organisationsstimme. Sie gab die Marschordnung für den bevorstehenden Demonstrationszug bekannt. Verblüfft stellte Roland fest, daß die Leute darauf reagierten.

Eine Frau schubste ihn aus seiner Träumerei. Die war selbst in eine Regenpelerine gehüllt, aber ihr schüchterner, vielleicht 15jähriger Sohn war in seiner Tageskleidung äußerlich hilflos. Den Jungen hatte die Mutter unter Rolands Schirm getrieben und ganz kurz warfen sich alle freundliche Blicke zu. Roland vielleicht weniger, denn die Enttäuschung hatte ihn so weit übermannt, daß er nur noch nach Hause wollte. Plötzlich zwang ihm sein Schirm die Verantwortung für einen anderen Teilnehmer auf. Sonderlich groß war der Schirm nicht; der Junge mußte also nahe an Roland heranrücken, wenn er nicht naß werden wollte; Roland aber war nur darauf aus, ein ganz bestimmtes Mädchen zum Näherrücken zu ermuntern.

Ein Stück riß die Demo die drei Zwangsgefährten mit sich. Rolands Augen flackerten noch immer suchend umher. Allerdings fürchtete er jetzt fast, SIE zu entdecken. Denn er konnte den fremden Jungen ja nicht plötzlich unbeschirmt im Regen stehen lassen, und sie hatte entweder einen anderen Schutz gefunden oder war so naß, daß Rolands Schirm nichts mehr retten konnte.

Endlich schoben die Demonstranten Roland unter die S-Bahn-Brücke Hackescher Markt. Hier konnte er die anderen an sich vorbeimarschieren lassen. Im Trockenen, auch ohne Schirm. Der Mutter erklärte er fast wahrheitsgemäß, daß er in dem Zug jemanden suche. Als Roland Minuten später in Richtung Mutter und Sohn sah, waren sie verschwunden. Roland begeisterten die Trommler, die in ihrer Nähe trotz des Regens eine tolle Stimmung verbreiteten. Er schätzte den Zug auf 2500 Unerschrockene, die sich ihre Stimmung nicht hatten vermiesen lassen. Natürlich entdeckte er sie nicht. Nun wollte er sich nur noch unauffällig zurückziehen.

Während Roland trotz seiner vielen Hüllen fröstelnd in der S-Bahn saß, war ihm eines klar: Immer, wenn es ihm seine Zeit erlaubte, würde er auf ähnlichen Veranstaltungen herumirren. Er würde SIE suchen. Sich wieder nicht trauen, sie anzureden. Aber vielleicht wäre es einmal so weit: Dann wäre sie da, allein, und er, sein Schirm und ihr fehlender Schirm und der Regen, der Regen begänne im richtigen Moment.

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