Vorstellung der Autorengruppe, Schreibaktivitäten, Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikation zwischen Schreibenden
Wie spricht man ein Mädchen an, wenn vorn über den Kampf für den Frieden gesprochen wird? Roland schwankte. Sollte er ihr seine Begleitung für nachher anbieten? Oder sie gleich fragen, ob sie sich ihn als Partner für sich vorstellen könnte? Sollte er sie siezen oder duzen? Sollte er an ihrer beider wahrscheinlich ähnlichen politischen Überzeugung anknüpfen? (Wenn sie die nicht hätte, wäre sie ja nicht hier, noch dazu ohne Begleitung.) Oder sollte er etwas darüber sagen, daß er sie hübsch fand? Wenn er Glück hatte, war sie nicht oft so angemacht worden. Wenn er aber Pech hatte, dann fühlte sie sich von ihm veräppelt oder wehrte sich mit der Feststellung, daß der Eindruck nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Nein, sie wäre bestimmt eher zurückhaltend als schnippisch. Aber hatte sie bemerkt, daß er neben ihr stand, und daß er ihretwegen neben ihr stand?
All die verschiedenen Veranstalter der Kundgebung wollten ihren eigenen Redebeitrag abgeben. Anfangs waren es Redeprofis, dann kamen drei Schülerinnen, deren inhaltlich wahrscheinlich besonders berührender Beitrag mit kulturellem Anspruch verpuffte, weil sie nicht mit dem Mikrophon nicht klar kamen. So verstanden nur sie selbst sich und die, die ihnen räumlich nahe standen.
„Sie merken es nicht, verdammt! Kann euch denn keiner mit der Technik helfen? ... Nein, sie merken es nicht!“ Roland klagte halblaut, so, daß er nicht rundherum auffiel oder störte, aber seine Zigeunerin mußte hören, wie er mit dem Schicksal der jungen Rednerinnen mitfieberte. Vielleicht nahm sie ihn dadurch wahr, und es ergab sich ein Anknüpfungspunkt für ein Gespräch. Doch sie tat, als bemerkte sie ihn nicht.
Die Veranstaltung zog sich hin, und die, die nicht in Bühnennähe standen, wurden unaufmerksamer. Sie verstanden wenig. Auch die Sonne versteckte sich. Rolands Zigeunerin drehte sich zur Seite, lief ein Stück weg. Roland lief ihr nach. Ihm war es egal, ob sie das als belästigende Verfolgung auffassen würde. Sie hatte durch keinen Blick angedeutet, daß er ihr aufgefallen war. Vielleicht wollte sie jetzt wissen, ob er ihr nachlief? Wenige Meter weiter blieb sie nämlich stehen. Aber nur kurz, dann zog sie ihr Jäckchen an und hockte sich auf eine Stufe. Hier standen die Massen nicht so gedrängt. Sie hatte also nicht länger stehen wollen, und da sie wohl sowieso kaum etwas mitbekam, setzte sie sich erst einmal.
Roland tat es ihr gleich. Er streifte seine Jacke über. Blickte nach hinten. Dort zogen sich drohende schwarze Wolken zusammen. Vielleicht war in Bodennähe der Wind nicht so stark oder die ihn umringenden anderen Kundgebungsteilnehmer blockten jedes Luftpeitschen ab. Auf jeden Fall ahnte man unten kaum, was sich oben zusammenbraute.
Roland aber hatte es gesehen. Er lächelte fast freudig erregt. Was da auf sie zu kam, war seine Chance. Das Mädchen war auf Regen nicht vorbereitet. Hätte etwas näher gelegen, als ihr einen Platz unter seinem Schirm anzubieten? Dankbar würde sie auf ihn schauen, freundlich, und ein Stück näher heranrücken. Vielleicht ergäbe sich dann ein erster Wortwechsel wie von selbst. Etwas Unverbindliches, aus dem mehr werden konnte. Lange würde der Guß nicht mehr auf sich warten lassen. Diese Gelegenheit wartete Roland ab.