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Hanna Fleiss: Kindheitserinnerungen

1. Endlich Frieden

„Nee, sowat aba ooch!" Klara Neuss, eine rüstige, schmal gewordene Fünfzigerin, setzte die Taschen ab und stemmte die Arme in die Seite. Der Wintermantel schlotterte ihr um den Leib, als hätte sie ihn irgendwo requiriert. Unglaublich! Da hatten ihr die Russen doch den Panzer direkt vor die Toreinfahrt gesetzt! Wie sollte man denn daran vorbei ins Haus kommen? Und das lange Ding, das Kanonenrohr, hing ihr beinahe in die Stube!

„Kläre, mach dir dünne!", rief es aus einem Fenster im zweiten Stock. Klara schreckte zusammen. Jemand kicherte.

Klara stellte die beiden vollbepackten Taschen ab und sah an dem brandgeschwärzten Haus empor, an dem sie aus dem Augenwinkel ungezählte Granateinschüsse wahrnahm. Aha, die Kastnern, die war auch schon zu Hause. Kunststück, die war ja auch im Luftschutzkeller geblieben, der war der Weg zum Bunker zu weit gewesen. „Nee, det Jehetze", hatte sie abgewehrt, „damit bleib mir vom Leibe. Da bleib ick lieba, wo mir der Arsch anjewachsen is, und wenn ick dot bin, bin ick eben dot. Denn isset mir ooch ejal, wo ick umkomm", hatte sie erwidert, weil Klara sie im Februar, als die Bomber Tag und Nacht über den Wedding dröhnten, Otto zum Volkssturm eingezogen wurde und man kaum noch zum Schlafen gekommen war, gebettelt hatte, doch die paar hundert Meter zum Bunker mitzurennen. Da war man in Sicherheit und in Gesellschaft, besser als im Luftschutzkeller. Aber die Kastnern hatte ihren dicken Kopf und war in den Luftschutzkeller gegangen. Klara war heute nicht zum Scherzen aufgelegt. Die Kastnern war auch schon vom Fenster verschwunden.

Gottlob, das Haus stand noch. Das Nachbarhaus hatte einiges abgekriegt, sein Vorderhaus war Ruine, die Außenwand des Seitenflügels war eingestürzt. Wie in einer Puppenstube öffneten sich die Zimmer dem Blick, vollständig eingerichtet, im ersten Stock hing ein goldgerahmter Sonnenuntergang über dem Sofa. Die armen Leute, hoffentlich waren sie noch am Leben. Überhaupt, die ganze Kellerstraße war Ruine, schon seit dreiundvierzig, aber ihr Haus, in dem sie mit Otto seit Anfang Zwanzig gewohnt hatte, als die Rita zur Welt gekommen war, das stand noch. Gott sei Dank.

Die Kastnern steckte ihren Kopf wieder durchs scheibenlose Fenster. Klara winkte zu ihr hoch. „Rita kommt mit den Kindern nach, Siggi is bei ihr. Die Russen, Rita hat Angst, weeßte? Und Otto, hat der sich blicken lassen?"

Die Kastnern schüttelte den Kopf. „Nich jesehn. Aber die Borkmanns sind schon oben."

Die Borkmanns wohnten im dritten Stock rechts und waren Ritas Schwiegereltern. Mit denen lag sich Rita in den Haaren, denn die Schwiegermutter war eine Xanthippe, der Alte geizig und in der Nazipartei gewesen. Otto hatte immer gesagt, das hätte ihnen die Rita nicht antun dürfen, Nazis in der Verwandtschaft. Ein SS-Mann reichte. Damit war der Sohn von Hete, Ottos Schwester, und Albert, ihrem Galan, gemeint, der war aber schon vierundvierzig gefallen.

Klara kämpfte sich mit den beiden schweren Taschen durch den Spalt zwischen Russenpanzer und Hauseingang. Jottes Willen, was war denn das? Ein Loch in dem Stahlkoloss, dass zwei Leute gleichzeitig durchkriechen konnten. Beinahe hätte sie sich an den zerfetzten Rändern den Mantel zerrissen. Wie es im Innern aussah, konnte sie sich denken. Sie kniff die Augen zu. Tote hatte sie genug gesehen, auf dem Weg vom Bunker nach Hause. Aufgerissene Münder, blutverschmiert, abgerissene Beine, heraushängendes Gedärm. Auch Volkssturmleute darunter, das hatte ihr wegen Otto einen Stich ins Herz gegeben. Und dann die dicken Schmeißfliegen über den Toten, die schon stanken. Sie hatte einen Bogen um die Leichen gemacht, war über bergehohe Trümmer und in halbverschüttete Keller gestiegen, die ganze endlose, zerbombte und mit Splittergräben durchzogene Hauptstraße entlang.

Dass der Spalt aber auch so schmal war! Hier kam höchstens ein Kind durch oder ein Hund. Sie zog den Bauch ein. Ein Glück, dass sie im Krieg abgenommen hatte, sonst müsste sie nach all den Strapazen des Heimwegs vielleicht am Ende gar vor ihrem Haus übernachten, bis sich jemand bequemen würde, den zerschossenen Panzer wegzuräumen. Sie keuchte und schwitzte, es tropfte ihr von der Stirn bei diesem herrlichen Frühlingswetter, endlich war sie im Hausflur. Wer hätte gedacht, dass es noch einmal einen so schönen Frühling geben könnte.

Nach diesem Krieg.

Sie trat auf Glas- und Holzsplitter, beinahe wäre sie gestolpert. Aber kühl war es im Flur. Jottchen, wo war denn das Treppengeländer geblieben? Keine leichte Sache, da hinaufzukommen, mit den schweren Taschen dazu. Besorgt blickte sie die Stufen hoch.

Ihr Blick schweifte in den Hausflur zurück. Er war hoch wie das Parterre, zwei Metallrillen rechts und links, für die Fuhrwerke mit den Kaltblutpferden, hinter zur Schmiede auf dem zweiten Hof. Naja, jetzt würde niemand mehr an Pferde denken, höchstens an Pferdefleisch.

Von hieraus konnte sie den Schriftzug erkennen: Luftschutzkeller, den Pfeil, der zur Buchte zeigte. Buchte, so nannten alle im Haus den Keller. Otto hatte zweiundvierzig einen Witz gemacht: Sie werden uns die Buchte noch mal ausbuchten müssen, wenn wir alle in den Keller reinpassen sollen. Das Haus war alt, in den siebziger Jahren schnell hochgezogen, für die Arbeiter, die vom Land in den Wedding gezogen waren, als sich dort Industrie angesiedelt hatte: Schering zum Beispiel oder die amerikanischen Daimonwerke, die erst später gekommen, aber jetzt zerbombt waren, dass man in die weißgekachelten Keller blicken konnte. Sie war auf dem Weg daran vorbeigekommen. Die Keller im Haus waren so niedrig, dass sich die Männer bücken mussten, es stank nach Moder und Ratten. Nie war Klara gern in den Luftschutzkeller gegangen. Da unten sitzen und wissen, dass einem die Flieger das Haus über den Kopf zusammenbombten, schrecklich. Doch endlich, endlich war der Krieg zu Ende.

Die Tür dort rechts gehörte Rohrbachs. Falls sie noch am Leben waren. Die beiden Alten waren an Stöcken mit zum Bunker gehumpelt, damals, im Februar, als an das Kriegsende noch lange nicht zu denken war. Wenn sie bloß nicht zum Plündern bei Hertie rausgegangen wären, als noch geschossen wurde. Aber sie hatten nicht hören wollen und waren nicht zurückgekommen.

Das Glas unter ihren Füßen knirschte. Auf dem halben Treppenabsatz hätte sie sich, wären ihre Hände frei gewesen, am liebsten die Nase zugehalten, die lange nicht benutzten Klos im Treppenhaus stanken zum Gotterbarmen. Sie betete: Jesus mach, dass wenigstens die Wohnung in Ordnung ist, du weißt, dass ich jeden Sonntag zu Pastor Grauwedder gehe und Otto die Kirchensteuer zahlt. Endlich stand sie vor ihrer Wohnungstür. Die Tür war nur angelehnt, die Füllung in Fußhöhe eingetreten. Erschreckt lauschte sie: Hatte da nicht jemand geatmet? Ein Russe? Hinter der Treppe, wo die Tür zur Kombüse war? Sie zitterte am ganzen Leibe. Vorsichtig stieß sie die Tür mit dem Fuß auf, ihr erster Blick fiel in die Stube.

Der Kleiderschrank stand sperrangelweit offen, Ottos guter Anzug, Siggis Schulbücher und ihre Sommerkleider lagen weit verstreut im Zimmer herum. Der hohe Spiegel zwischen den Fenstern hatte sich aus der Verankerung gelöst und hing schräg herunter. Der Tisch vor dem über und über verstaubten Sofa, Ottos gutem Stück, war in die Mitte der Stube gerückt worden, die Stühle umgeworfen. Auch das Vertiko war von den Russen nicht verschont worden, die Bilderrahmen und Nippes waren verschwunden, die Schublade war auf den Boden geschmissen worden und die Familienfotos, die sie darin aufbewahrte, lagen wie Altpapier auf den Dielen. Ein Glück, das Bettzeug der Ehebetten hatten die Russen nicht aufgeschlitzt. Versteckte Nazis, Waffen und Hitlerbilder hatten sie gesucht, schon im Bunker hatte sie davon gehört.

Wo sollte sie hier anfangen mit dem Aufräumen? Sie bückte sich, griff nach den Fotos.

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Das Schluchzen kam tief aus der Brust, ihre Knie zitterten. Sie hob einen Stuhl auf. Mit der bloßen Hand wischte sie ihn ab, setzte sich und starrte mit aufgerissenen Augen durch die leeren Fensterrahmen in die weißen Maiwölkchen am strahlendblauen Himmel. Es war still. Wie in einem Totenhaus. Die ganze Welt und die Kellerstraße 11 waren ein einziges Totenhaus. Und wo, falls er noch lebte, Jesus, war Otto?

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