Vorstellung der Autorengruppe, Schreibaktivitäten, Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikation zwischen Schreibenden
Tochter Rita und der halbwüchsige Sohn Siggi, der wegen eines Herzfehlers nicht zur Hitlerjugend gemusst hatte, kamen mit den Kindern Jo und Veronika erst Mitte Mai aus dem Bunker nach Hause. Siggi schwitzte unter dem prallen Rucksack, in dem sich Kleidung und Veronikas nasse Windeln befanden, und zog die vierjährige Jo an der Hand hinter sich her. Er hatte ihr das Sprechen verboten. Mit zusammengepressten Lippen musterte Jo verstört ihre Umgebung. Rita trug die schlafende, in eine Decke gewickelte Veronika im Arm.
„Dass ihr endlich kommt." Klara schlug die Hände zusammen. Wortlos legte Rita das Kind auf den Wohnzimmertisch, umarmte die Mutter und sank auf einen Stuhl. Schweigend starrte sie auf den Boden.
Klara hatte die Stube aufgeräumt, so aufgeräumt, wie sie es in Friedenszeiten und auch noch während des Krieges nur sonnabends tat. Von der Unordnung, die sie bei ihrer Heimkehr vorgefunden hatte, war nichts mehr zu ahnen. In halber Höhe hatte sie Bretter, die Otto im Keller versteckt hatte, vor die Fenster genagelt.
„Ich war noch nicht oben, Rita." Klara meinte die Wohnung der Tochter im zweiten Stock. Rita reagierte nicht. „Wird schlimm aussehen. Die Russen haben alles durchwühlt", sagte Klara, weil Rita sich immer noch nicht rührte. „Sitz doch nicht da wie Bismarck uff’m Sockel."
„Ja", sagte Rita endlich. „Haut mich nicht um." Seit ihrer Hochzeit zweiundvierzig wohnte sie einen Stock höher, über der Wohnung der Eltern: eine Stube, eine winzige Küche, ein Loch von Flur. Die Tür am Ende des Flurs führte in die Nachbarwohnung, zu Riecherts.
„Sind Riecherts schon da? Und Vater?" Ritas Augen waren schmal, müde blickte sie die Mutter an.
„Bis jetzt nicht. Wenn ich bloß wüsste, ob er noch lebt." Klara schneuzte sich in die Schürze, die Tränen vernebelten ihr die Augen.
Siggi hatte sich währenddessen mit Jo beschäftigt, ihr den Mantel ausgezogen und sie mit strengem Blick auf einen Stuhl gebannt. „Zeig mal deine Hände!" Jo streckte folgsam die Hände aus und drehte die Handflächen nach oben. „Hab ich es dir nicht gesagt? Dass du die Steine liegen lassen sollst? Dass darunter nur Mäusedreck ist? Mutta, kann sie sich die Hände waschen?"
„Im Eimer unter der Bank ist noch ein Rest Wasser. Aber spritz nicht so. Die Küche ist tipptopp gewienert."
„Und zu essen?"
Klara antwortete nicht. Wortlos ging sie über den Flur in die Küche dem Jungen voran, öffnete den wuchtigen Küchenschrank und zog einen abschließbaren Holzkasten hervor. Otto hatte darin mal seine Werkzeuge aufbewahrt. Sie griff unter die Schürze und holte einen kleinen Schlüssel hervor. Prustend schnitt sie von dem steinharten Kanten Kastenbrot die Hälfte ab. „Teil es dir ein. Kein Mensch weiß, ob und wann ich zu Brot komme. Jetzt, wo du da bist. Und Rita mit den Kindern."
Siggi murrte nicht. Großmütig brach er ein Stück von dem Brotkanten ab und reichte es Jo. „Aber erst die Hände waschen!"
„Ihr habt Sorgen", sagte Rita, als alle schwiegen und sie nur noch Jos und Siggis Schmatzen hörten. Ihre Hände fuhren unruhig über das blauweiß karierte Kleid, ihr bestes. Sie hatte es anziehen müssen, denn zwischen den Windeln in Siggis Rucksack wäre es feucht geworden.
„Endlich", sagte sie.
Klara verstand. Ihr musste Rita nichts erklären. Wer war nicht froh, dass keine Bomben mehr fielen? Sie musterte die Tochter. Wie sie dasaß auf dem Stuhl, so gottergeben, so schlaff.
„Wegen der Kinder", sagte sie, „mach dir keine Sorgen. Ich nehme die Jo zu mir. Kümmere du dich mal um dein Kleenet."
Rita hob den Kopf. „Das mit der Wohnung ist halb so schlimm. Aber wo krieg ich was zu essen her? Und Milch für Veronika?"
„Trink einen Schluck Wasser, das füllt den Magen. Sie wollen Brot verteilen, am Nettelbeckplatz, morgen früh. Sagt die Kastnern, die hat ihre Ohren überall. Nimm Siggi mit, der ist gewitzt. Und vorsichtshalber die alten Brotkarten."
Rita reagierte nicht. Sie starrte auf die weißgescheuerten Dielen.