Vorstellung der Autorengruppe, Schreibaktivitäten, Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikation zwischen Schreibenden
„Aber Oma! Das ist doch die Sonne. Das sieht man doch!"
„Da kannst du mal sehen, die Erwachsenen. Keine Ahnung, was die Künstlerin gemeint hat.
Aber jetzt muss ich was tun, sonst läuft der Siggi nackt herum."
Klara nähte am liebsten auf dem Küchenstuhl neben dem Ausguss, hier war das Licht am besten. Die Augen wollten auch nicht mehr so recht mitmachen. Wo sollte sie eine Brille hernehmen, in diesen Zeiten? Prüfend hielt sie die Hose gegen das Licht. Was der Junge aber auch wuchs, wenn es so weiterging, passten ihm bald auch Ottos Arbeitshosen nicht mehr.
Jo quengelte. „Hör mal ein bisschen Radio", schlug Klara vor. Sie stellte die Goebbelsschnauze an, die links auf dem Küchentisch stand, wartete, bis sie warm war, und drehte am Senderknopf. Wenigstens spielte das Radio wieder. Aber überall nur diese traurige Musik. Wann endlich würden sie mal wieder richtige Musik bringen im Radio? „Wenn der weiße Flieder wieder blüht" oder die herrlichen Lieder aus „Maske in Blau", das war Musik, richtige Musik, da vergaß man das Elend in der Kellerstraße.
Jo hockte sich vors Radio. Das Musikstück war zu Ende, eine Frau sagte das nächste an.
„Oma, wie kommt denn die Frau da in dem Radio rein?"
„In den, Jo. Anständig sprechen! Aber da ist keine Frau drin. Nur ihre Stimme."
„Und wie kommt die da rein?"
Was die Kleine aber auch alles wissen wollte. „Das ist doch", begann Klara unsicher, „weil sie, also die vom Radio, so Drähte haben, in der Erde, da geht alles durch, die Musik und die Ansagerin. In dem einen Haus fiedelt das Orchester, und zu Hause hören die Leute die Musik."
Jo überlegte. „Durch Drähte, hm. - Und da geht eine Frau durch, eine richtige Frau?"
„Nicht doch, nicht die Frau. Doch bloß ihre Stimme! Aber, mein Frollein, ich bin keine Studierte, frag mal den Siggi, der erklärt dir das haargenau."
Klara legte Siggis Hose auf den Küchentisch. Sie musste mal nach dem Essen sehen.
Tüchtig rühren musste man, sonst brannte einem die Suppe noch an.
„Oma, ich wollte mal was fragen", unterbrach Jo ihr Rühren.
„Aha, was hat denn das Frollein?"
„Darf ich auch mal rühren, Oma?"
„Du reichst ja kaum bis an den Herd, wie willst du denn da rühren können?"
„Na, ich stell mich auf den Kohlenkasten. Dann bin ich genauso groß wie du, Oma."
Also gut, sollte die Kleine ihren Willen haben. Klara schurrte den Kohlenkasten vor den Herd, und Jo kletterte hinauf. Klara sah ängstlich zu, wie Jo zu rühren begann. „Aber zapple nicht so viel."
Jo rührte, sogar ihre Zungenspitze rührte mit.
„Jetzt reicht es, Jo, genug gerührt."
„Nein, Oma, ich will noch ein bisschen rühren. Bitte, bitte! Ich bin schon ganz groß, sieh mal, wie gut ich rühren kann. Bitte, Oma!"
Der Mensch denkt, Gott lenkt. Jo auf ihrem Kasten geriet ins Schwanken, die Rührkelle fiel ihr aus der Hand und platschte ins Essen, dass es aufspritzte. Gelähmt vor Schreck, stand Klara dabei, und hätte sie nicht im letzten Moment doch noch zugreifen können, der schöne, kostbare Mohrrübeneintopf wäre umgekippt.
„Hab ich dir nicht gesagt", jetzt war Klara wirklich aufgebracht, „hab ich dir nicht gesagt, du sollst nicht immer so viel zappeln! Beinahe wäre der Topf ins Feuer gekippt, Kind. Das hat man nun davon, wenn man der Göre jeden Willen lässt."
Noch immer zitternd, der Schreck war zu groß gewesen, machte sie sich wieder an Siggis Hose zu schaffen. Wo der Junge heute nur blieb? Murren wird er, über die karierte Borte, mit der sie die Hose verlängert hatte. Hatte auch schon seine Allüren, der junge Herr.
Jo malte auf der Rückseite des Papiers ein anderes Bild. Das Blatt lag auf einem Stullenbrett, Jo hielt es auf den Knien. Weit vornübergebeugt, malte sie mit skeptisch zusammengekniffenen Augen.
„Diesmal habe ich die Frau aus dem Radio gemalt, Oma. Aber sie ist in dem Draht, und man kann sie nicht sehen. Sieh mal. Schön, nicht?" Jo hielt Klara die Zeichnung vors Gesicht.
Tatsächlich, auf dem Bild war nichts als ein dicker Strich zu sehen, schwarz ausgemalt. Diese Göre, auf was für Sachen das Kind aber auch kam. Klara drückte Jo an sich und gab ihr einen Kuss aufs Haar.