Vorstellung der Autorengruppe, Schreibaktivitäten, Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikation zwischen Schreibenden
„Ich will malen, Oma."
Klara verschwand wortlos in die Stube und kam wieder mit einem Bleistiftstummel und einer Seite aus einem von Siggis Schulheften. „Mal mir mal was Schönes, richtige Häuser."
„Ich mal doch richtige Häuser, Oma." Jo war beleidigt.
„Aber immer nur Ruinen. Davon haben wir vor der Haustür genug. Die musst du nicht auch noch malen."
„Wie sehen denn richtige Häuser aus?"
„Na, mit Dach, und aus dem Schornstein kommt Rauch raus. Ein paar Männeken am Fenster. So sieht ein richtiges Haus aus, Jo."
Jo begann mit Feuereifer zu malen.
Klara stand dabei und ließ kein Auge von dem Kind. Nun musste sie mit einem Stiefvater groß werden, die arme Kleine. Die Jo hatte sich Rita eingefangen, auf einer Betriebsfeier, vom Chef, der natürlich hinterher nichts von dem Kind wissen wollte. Da musste sie ja den Borkmann heiraten! Otto hätte sich das nicht lange mitangesehen, ein uneheliches Balg in der Familie, das kam bei Otto nicht vor! Aber ausgerechnet den Borkmann, ausgerechnet den musste die Rita heiraten. Was war das schon für eine Sippschaft? Der Alte, Buchhalter auf irgendso einer Klitsche, erst bei den Roten, und als es denen an den Kragen ging, zu den Nazis gegangen. Und ehe der Sohn eingezogen wurde, soll er sich ja mit seinem Alten rumgekloppt haben, der junge Borkmann, weil er überlaufen und der Alte ihn verpfeifen wollte. Ja, die Leute reden, allerhand reden sie, und der Alte lief dann aus Daffke mit Naziabzeichen am Jackett rum, eine Schande fürs ganze Haus. Aber den eigenen Vater verprügeln, Herrgott. Wenn er nun man nur nicht auch noch die Rita ..., aber die wird ihn schon kennenlernen, damit muss sie selbst klarkommen. Und mit sowas war sie, Klara und ihr Otto, der alte SPDler, der sich mit dem alten Borkmann bis aufs Blut in der Wolle gelegen hatte, als der noch bei den Roten war, mit sowas also waren sie nun verbandelt worden, weil die Rita nicht hatte aufpassen können, als sie mit dem Chef, man will ja nichts sagen gegen Chefs, aber dass sie nun einen Vater brauchte fürs Kind, weil wegen Otto, der hatte ihr ja die Hölle heißgemacht, da musste sie doch so manches Mal damang gehen, und nun also der junge Borkmann. Aber Schwamm drüber, passiert ist passiert. Wenn sich Klara für die Tochter auch eine bessere Partie hätte ausmalen können. Aber ach, die Kleene, wie sie da sitzt und die Zunge malt mit.
Schön, wie die Jo malte! Sehr intelljent, das Kind. Na, von Rita hatte sie das nicht. Ja, Otto hatte schon recht: Woher sollte denn das Intelljente herkommen, wenn die Rita nur Tanzengehen und Männer im Kopf hatte, Weiber! Hatte er gesagt. Aber diesen Schwiegersohn hätte die Rita ihr nun wirklich ersparen können. Soll ja Kommunist geworden sein bei den Russen. Herrje, wenn Otto das wüsste, das konnte sie ihm doch gar nicht schreiben in die Gefangenschaft. Irgendwo bei Berlin sollte das Russenlager sein.