Vorstellung der Autorengruppe, Schreibaktivitäten, Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikation zwischen Schreibenden
Als Klara an diesem Morgen erwachte, glaubte sie, die Klos im Treppenhaus seien, wie vierundvierzig schon einmal, übergelaufen, so sehr stank es in der Wohnung.
Klara war in Fahrt: Der Opitz, der Hausbesitzer, dass er sich nicht um seine Klabache kümmerte! Dem würde sie noch in dieser Minute auf die Bude rücken! Erzählen würde sie dem was, der würde Frau Neuss nicht vergessen! Sie beugte sich aus dem Fenster, frische Luft schnappen. Sie fuhr zurück: Himmel, der Gestank kam ja von der Straße! Was war passiert? Sie hielt sich ein Taschentuch vor die Nase, gab auch Jo eines.
„Oma, mir ist ganz schlecht." Jo, noch im Nachthemd, lief mit weißem Gesicht durch die Stube und Klara flitzte in die Küche, um vorsorglich den Eimer zu holen.
Es war ein durchdringender, süßlicher, penetranter Geruch, der sich über den Wedding ausgebreitet hatte. Er drang in die Häuser, in die Wohnungen, in die Kleidung, in die Haut. „Verflixt, was ist heute nur los! Wie die Pestilenz! Als ob der Deibel über uns kommt!"
Beim Gang zum Klo kam ihr die Erna Kastner entgegen, wie immer schon am frühen Morgen gut gelaunt. „Ablösung!", trompetete sie. Sie machte ein unanständiges Geräusch mit dem Mund.
Klara winkte ab: „Lass mal, Erna, mir ist heute nicht nach Spaß. Du Hallodri wirst doch nie erwachsen. Und deine Bengels, die hast du wohl vom heiligen Geist gekriegt, der hat sich wohl verkiekt?" Die Anspielung auf die drei Kastner-Jungen, die im ganzen Haus wegen Ernas lascher Erziehung verrufen waren, konnte sie sich nun wirklich nicht verkneifen.
Die Kastnern, in grauem fadenscheinigem Morgenmantel und ungekämmt, wiegte sich in den Hüften wie ein beleibtes Gespenst. „An mir ist wenigstens noch was dran!", protestierte sie. „Nicht so wie du, Kläre, vorne nischt, hinten nischt. Wohl neidisch?"
Von der Erna erfuhr Klara auch, woher der Gestank rührte: Auf dem Weddingplatz wurden Leichen verbrannt. Man holte die Toten aus den Ruinen rings um den Platz, aus den eingestürzten Luftschutzkellern, und verbrannte sie.
„Steck mal den Kopf aus’m Klofenster, Kläre, da siehste die schwarzen Wolken am Himmel."
Tatsächlich, der Himmel stand tiefschwarz überm Haus. Leichenwolken, schaurige Leichenwolken.
So, musste Klara denken, hätte man auch sie aus dem Haus holen können, sie und Jo und Rita mit ihrer Jüngsten. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Gott sei Dank, sie war dem Tod von der Schippe gehuscht.
Aber dass man die Toten einfach verbrannte, so öffentlich. Ein Grab hätten sie verdient, auf dem Friedhof, wie es sich gehörte. Heute war man sehr schnell mit dem Feuer dabei, und alles bloß wegen der Seuchengefahr. Klara wischte an ihren Augen herum. Dass sie immer gleich weinen musste. Das waren doch Leute wie sie gewesen, sicher war sie ihnen früher auf der Straße begegnet, und jetzt brannten sie, namenlos, und kein Pastor hielt eine Grabrede. Aber davon mit der Erna reden? Die sie doch sowieso schon ewig mit der Kirche aufzog? Na, die hatte ja auch schon ihre Wohnungstür hinter sich zugezogen, dass es durchs Treppenhaus schepperte.
Jo saß mit kläglich verzogenem Gesicht im Bett. „Mir ist schlecht, mir ist schlecht", wimmerte sie. Sogar Heidelinde war erwacht. Mit Augen, die nichts erkannten, drückte sie den Kopf ins Kissen, Klara konnte das Weiße sehen. Sie sabberte. Nun wurde Klara aber doch ein bisschen ängstlich. „Heidelinde, geh mir nich hops", bettelte sie. „Um zehn kommt der Doktor. Warte, ich bring dir ein bisschen Tee."
Zu aller Aufregung klingelte es. Am frühen Morgen! Als Klara ihre Tochter erkannte, atmete sie auf. „Ach Rita, Gott sei Dank! Die Heidelinde, ich weiß nich, was los ist. Erst der Leichengestank, und jetzt die Heidelinde. Der Doktor kommt erst um zehn. Setz dich zu ihr ans Bett, derweil ich Tee mache. Ein bisschen Kamillentee, der beruhigt."
Rita protestierte. „Die Jo muss zum Impfen, ich hab keine Zeit. Nun reg dich mal nicht so auf, mit der Heidelinde wird es schon wieder. Wirst sehen, wenn erst mal der Doktor da war, springt sie dir putzmunter aus’m Bett."
„Die nich, nich die Heidelinde. So wie die aussieht." Klara ärgerte sich. „Also nich. Dann steh mir nich im Wege und greif dir deine Tochter. Und mach einen Bogen um den Weddingplatz."
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