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Hanna Fleiss: aus dem Romanmanuskript "Kindheitserinnerungen" 3. Schwarze Wolken überm Wedding (2)

„Fass an!", befahl die Mutter. Folgsam trippelte Jo neben ihr her, die Faust um die Kinderwagenstange, mit der anderen Hand presste sie das Taschentuch vors Gesicht.

„Hab dich nich so." Rita war wütend, die Mutter verzog die Göre. Die hohen Absätze klapperten eilig und hart auf dem Granitpflaster.

Schon von weitem sahen sie den Menschenauflauf. Alles starrte nach vorn, wo eine gelblichrote Flamme zum Himmel aufstieg. Schwarz zog fetter Rauch über den Platz, über die Köpfe der Menschen hinweg, hinüber zu den Ruinen, die Wolke hing über der Stadt, es war windstill. Die Leute schwiegen. Rita schob den Kinderwagen mitten durch sie hindurch, näher an den Platz heran, wo Uniformierte am Holzstoß beschäftigt waren und mit Stangen darin herumstocherten.

Ein Pferdefuhrwerk bewegte sich von den Ruinen weg, kam näher. Die Pferde schnaubten, es waren Kaltblutpferde. Der Kutscher fluchte und schlug mit der Peitsche auf die Braunen ein, als es in eine Kurve ging. In diesem Moment schlug das rechte Pferd auf dem Kopfsteinpflaster aus, Funken sprühten unter den Hufen, das Pferd drohte zu stürzen. Durch die Leichen auf dem Plattenwagen ging eine Bewegung, als lebten sie noch. Der Plattenwagen neigte sich. Die Menschenmenge stöhnte. Jo schrie auf.

Rita hatte genug gesehen. „Komm, das ist nichts für Kinder." Jo weinte. „Heul nich. Wir müssen weiter. Und dass du mir Oma nichts sagst. Von den Leichen. Sonst gibt’s was hinter die Ohren!"

*

Die Ärztin war Amerikanerin und trug unter ihrem weißen Kittel Uniform. Sie sprach etwas, es klang freundlich. Jo sah mit großen Augen zu, wie die Spritze aufgezogen wurde.

„Keine Angst. Augen zu." Die Ärztin streichelte ihr den Kopf. Jo fühlte den Einstich an ihrem Arm.

„Schlimm?" Die Ärztin lächelte.

„Nein, nur ein bisschen."

Die Ärztin streichelte Jo über die Wange. „Du schön froh? Very tapfer, Johanna."

*

 

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