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Hanna Fleiss: aus dem Romanmanuskript "Kindheitserinnerungen" 7. Kap. Der alte Krumnow (2)

Berta Krumnow erschrak zu Tode, als sie ihr den Mann brachten, in nassen Kleidern, irgendwas murmelnd, was sie nicht verstand, und schon fiebernd. Klara empörte sich: „Nein, so etwas Schlechtes! Das hat die Welt noch nicht gesehen! Einem blinden Menschen so etwas anzutun! Ins Zuchthaus sollte man diese Barbaren stecken!"

Ins Zuchthaus steckte die Barbaren niemand. Als die Polizei eintraf, waren sie verschwunden, worauf auch hätten sie warten sollen.

Dem alten Krumnow ging es immer schlechter. Nachts kam der Arzt, verordnete mit gerunzelter Stirn irgendwelche Medikamente. Berta und Klara saßen die ganze Nacht an seinem Bett. Der Kranke phantasierte. Gegen Morgen kam er zu sich.

Er wähnte nur Berta an seinem Bett. „Berta, mein Goldstück. Mir tut der Kopf weh. Mir ist ein bisschen schwindlig." Seine Stimme war klar. Klara kamen die Tränen. Berta nahm seine Hand und sprach beruhigend auf ihn ein. So saß sie bis zum Nachmittag, Klara rannte nach dem Tee, der Kranke verlangte zu trinken.

Nachmittags starb er. Eine Lungenentzündung in diesen schlimmen Zeiten war ein Todesurteil.

Jo dachte nach: Menschen konnten sterben. Und obwohl sie im Sommer die Toten am Weddingplatz gesehen hatte, auf den Pferdewagen, als man sie aus den zerbombten Kellern holte, war ihr nicht bewusst geworden, dass Sterben bedeutete: Gestern war der alte Herr Krumnow noch am Leben, er lief durch den Flur, sie glaubte sein Stöckchen noch zu hören, und jetzt lag er bei Krumnows im Ehebett, kalt, mit geschlossenen Augen, hörte nichts mehr und konnte sie nicht mehr „meine Kleene" nennen.

Sie berührte seine Hände, die sie immer betastet hatten, falls sie im Wege stand. „Ganz kalt", sagte sie erschrocken.

In der Küche malte sie ein Bild von Herrn Krumnow, wie er mit seinem Stöckchen durch die Kellerstraße ging, und Klara erlaubte, dass sie es ihm auf die gefalteten Hände legte.

Ingo, der rothaarige Enkel, grinste. „So was soll ein Bild von meinem Opa sein. Außerdem, der konnte dich überhaupt nicht leiden, er hat gesagt, du spinnst. Du und Malerin!"

 

Jo war beleidigt. Klara konnte ihre Hand im letzten Moment zurückhalten, sonst hätte Jo dem frechen Kerl eine geklebt, mitten ins sommersprossenübersäte Gesicht.

Otto kümmerte sich um die Beerdigung. Zur Trauerfeier auf dem Friedhof Grenzstraße kamen auch ein paar Leute aus dem Haus. Die Kastnern war laut und temperamentvoll wie immer und unterhielt die Nachbarn mit Geschichten über Gottweißwas.

Klara fuhr sie an, etwas unlogisch: „Du tust, als ob du die Tote wärst! Aber keinen Finger krümmen, alles musste mein Otto machen! Hol dich doch der Teufel! Wenn du stirbst, wirst du schon sehen, was Otto für dich tut. Scheißewauwau!"

Die Kastnern warf auch nicht drei Hände Sand in die Grube, sondern vier, Jo hatte heimlich mitgezählt, sie konnte schon bis acht zählen. Viele Blumen gab es nicht.

Auf dem Heimweg stützte Klara die Nachbarin. Klara dachte schon an morgen: „Wenn dir die Decke auf den Kopf fällt, klopfst du bei uns. Versprich mir das, Bertachen. Und heul nicht immerzu. Das bringt dir den Mann nicht wieder."

Berta Krumnow versprach es. Doch sie klopfte niemals an Opas Stubentür. Nur Ingo, der gemeine Kerl, wummerte im Vorbeigehen an die Tür, wenn er wusste, dass Otto nicht zu Hause war.

Klara stürzte dann zur Tür und wollte dem armen verwaisten Enkelkind etwas Liebes sagen, aber sie war immer zu langsam. Mit einem Knall flog schon die Wohnungstür in den Rahmen, dass das Haus erzitterte.

Klara schüttelte den Kopf. „Was soll nur aus dem Jungen werden? Der Vater in Gefangenschaft, die Mutter tot, und nun auch noch der Opa. Die Berta schafft es nicht allein. Wenn das man bloß kein schlechter Mensch wird."

Jo triumphierte. Sie würde kein schlechter Mensch werden, ihr Opa lebte noch.

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