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Hanna Fleiss: aus dem Romanmanuskript "Kindheitserinnerungen" 10. Kap. Alles ändert sich

 

Das Frühjahr kündigte sich an. Nach dem langen schrecklichen Winter, den so schnell niemand vergessen würde, endlich wieder Wärme und Sonne.

Die Berliner atmeten auf. Die Zeitungen schrieben, dass man noch immer in den Wohnungen Tote fand, Erfrorene. In diesem Winter starben viele Menschen, nicht nur an der Kälte, auch am Hunger, an schweren Krankheiten oder an banalen, weil ihr Körper zu schwach war und weil es zuwenig Ärzte und Medikamente gab. Viele alte Menschen darunter, die den Krieg überstanden hatten, aber nicht die Zeit nach dem Krieg. Und Kinder, Säuglinge vor allem, es wurden schon wieder Kinder geboren.

Im April musste Jo zur Einschulungsuntersuchung, zum Amtsarzt. Der Amtsarzt entpuppte sich als eine junge freundliche Frau. Sie klopfte auf Jos Brust herum, lauschte in ihr Hörrohr.

Dann war der Rücken dran. Jo atmete wie eine Lokomotive, stoßweise, aus dem Bauch.

„War die Lunge schon immer so schwach? Ich schick sie mal zum Röntgen, Frau Borkmann. Das gefällt mir nicht. Ganz und gar nicht."

„Wird sie denn nun eingeschult oder nicht?", wollte die Mutter wissen.

„Ich schreib sie einschulungsfähig, abhängig vom Röntgen."

Ein paar Tage später das Röntgen. Jo war begeistert: Die Ärztin konnte in sie hineinsehen, ohne dass es weh tat, nur ein Sekündchen stillstehen und die Luft anhalten, popelleicht. Und innen waren die Menschen ganz weiß, es war wunderbar! Jo wollte ihre Röntgenaufnahme gar nicht aus der Hand geben.

Aber die Ärztin machte ein besorgtes Gesicht. „Frau Borkmann, ich muss Ihnen leider sagen, dass es dieses Jahr wohl noch nichts mit der Schule für Jo wird. Ihre Hylusdrüse ist angegriffen. Noch ist es nicht ansteckend. Sie braucht eine Kur in reiner Luft, eine Lungenkur. Sie wird eingeschult, aber sowie ein Platz frei ist, geht sie zur Kur. Dann muss sie die erste Klasse noch einmal machen."

Großmutter wusste, warum Jos Hylusdrüse angegriffen war: Der Krieg war schuld, die vielen Nächte im feuchten Bunker und das schlechte Essen. „Dieser verfluchte Krieg", sagte sie. „Dieser verdammte Hitler!"

*

 

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