Vorstellung der Autorengruppe, Schreibaktivitäten, Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikation zwischen Schreibenden
Der Sommer war ein bisschen verregnet. Trotzdem, in den Gärten am Nordhafen reifte es, und wenn die Parzellenbesitzer schlau waren, konnten sie sogar selbst ernten. Dieses Jahr hatte die Großmutter mehr Glück mit den Tomaten, Mohrrüben gab es und richtige Kartoffeln auf dem Teller. Auch Großvaters Hamsterfahrten mit der Mutter und Siggi erweiterten den Speiseplan: Händevoll Stachelbeeren. Jo kostete eine: Süß war sie, halb zerquetscht, voller kleiner weicher Kerne, die man im Mund behalten konnte, bis man sie aus Versehen herunterschluckte. „So was Schönes müsste es immer geben, Oma", sagte Jo mit leuchtenden Augen.
Wolfgang heckte schon wieder einen Plan aus. Die Trauben der Holunderbüsche, die am Ufer des Spreekanals wuchsen, hingen schwer und blau übers Wasser. Man musste sich weit vorbeugen, um sie abzureißen. Das war die Arbeit der Jungen. Die Mädchen warteten, bis die Jungen von der ersten Holunderernte satt waren, ehe auch sie in die Trauben greifen durften. Jo stopfte die Trauben in sich hinein, sie schmeckten nicht so gut wie die Stachelbeeren, ein bisschen sauer, ein bisschen bitter, aber saftig waren sie. Hände, Kleid, Gesicht und sogar die Beine hatten von dem Saft abbekommen.
Großmutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Kind, doch nicht Holunder!
Der muss doch gekocht werden! Das ist das reinste Gift!"
Es war zu spät. Großmutter konnte gar nicht so schnell den Eimer unter dem Küchentisch hervorholen, wie der Holunder sich Luft verschaffte. Und elend war Jo zumute, kaum hielt sie sich auf den Beinen. Wieder kam der Doktor, verschrieb ein paar Tropfen. Ein Trost nur war, dass es Jo nicht allein so erging, alle Kinder hatten überreichlich von dem Holunder gegessen, und so hatte die Kellerstraße ein paar Tage lang Ruhe vor ihnen. Wie ausgestorben lag sie in der Sonne.
„Nie wieder Holunder!" Wolfgang hob zwei Finger in die Luft. „Ich schwöre! Dann schon lieber Keile. Ich schlag vor, wir machen eine Johannisbeertour. Aber diesmal erwischt uns keiner." Und was Wolfgang vorschlug, wurde getan. Sogar Ingo fügte sich.
Niemand erwischte die Bande, aber es gab trotzdem Keile: Die Jungen boxten darum, ob weiße oder rote Johannisbeeren nahrhafter waren. Am Ende einigten sie sich auf Johannisbeeren im allgemeinen, egal, ob rote oder weiße, weil alle keine Kraft mehr in den Fäusten hatten. Nur der stille Michael-Mieke, der sich an der Keilerei nicht beteiligt und zu den Mädchen gehalten hatte, wusste es genau: Johannisbeeren sind nicht nahrhaft, sondern sie haben Vi-ta-mi-ne.
Ingo blieb skeptisch. „Was soll denn das sein, deine Vitamine? Kann man Johannisbeeren essen oder nicht? Na also, dann sind sie auch nahrhaft, du Spielverderber."
Wolfgang griff ein. „Michael-Mieke hat recht. Holunder kann man auch essen. Aber er ist nicht nahrhaft, sondern zum Kotzen."
„Aber er hat auch Vitamine!" Michael-Mieke hatte gesiegt, und von diesem Tag an waren Wolfgang und er dicke Freunde geworden, gegen Ingo.
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