Vorstellung der Autorengruppe, Schreibaktivitäten, Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikation zwischen Schreibenden
Der Sommer ging vorüber, und mit sonnigen, nicht mehr allzu warmen Nachmittagen kündigte sich der Herbst an. Jo war froh, dass sie zur Schule durfte, aber auch traurig, denn da war ja noch die Kur. Sie wollte nicht zur Kur fahren, sie wollte in die Schule gehen! Es waren Tage, die sie am liebsten verschlafen hätte. Alles war anders geworden, ganz anders, als sie wollte.
Bei der Einschulung am 1. September machte niemand etwas groß her. Siggis alte Schulmappe, seine Schiefertafel und ein paar Griffel, das war alles, eine Schultüte gab es nicht. Großmutter aber hatte einen Kuchen gebacken, und Jo durfte sich so viele Kuchenstücke nehmen, wie sie verdrücken konnte. Sie gab aber schon nach dem dritten Stück auf. Es würgte sie, ihr Körper hatte sich schon zu sehr an magere Kost gewöhnt.
Jo war gerade drei Wochen in der Schule, als es mit der Kur klappte. Großmutter war vor Freude außer sich: „Du fährst an die Nordsee, Kind! Nordsee! Wo es die vielen Muscheln gibt, die rauschen. Wie das Meer rauschen sie. Wirst schon sehen! Und Wasser, überall nur Wasser. Und Zuckersand, ganz weiß. Ein halbes Jahr! Kind, hast du es schön."
Großmutter, Siggi, der den Koffer trug, und die Mutter mit Veronika brachten sie zur Bahn.
Siggi stürmte ins Abteil. „Belegt! Ein Fensterbett! Damit du rausgucken kannst, wenn du fährst. Mensch, du hast es wirklich prima. Wie die Prinzessin auf der Erbse."
Traurig war Jo nicht, als der Zug anfuhr und alle winkten und Großmutter sich die Tränen abwischte. Eher ein bisschen stiller als sonst. Alles war neu und so ganz anders als das, was sie kannte, alles war fremd.
*
Es war ein Lazarettzug, rechts und links Betten, drei Etagen hoch, in der Mitte ein schmaler Gang. Krankenschwestern liefen hin und her. Jo lag im Bett, und der Zug fuhr in die Nacht, erst langsam, dann immer schneller. Unter ihr ratterten die Räder, und auf einmal war ihr, als ob sie davonschwebe, höher, höher, immer höher, bis in den Himmel, und die weißen Wolken deckten sie zu.
Der Zug hielt. Ein Bahnhof. „Hamburg! Hamburg!" Die Krankenschwestern trieben die Kinder an. „Nehmt eure Koffer und stellt euch in Zweierreihen auf!"
Der Koffer war schwer, viel zu schwer für Jo. Es ging durch morgendliche Straßen, Kopfsteinpflaster, Gassen, kleine Häuser beiderseits, ein viel zu langer Weg. Die Kinder stöhnten, die Krankenschwestern schimpften, wenn einer zurückblieb. „Und Ruhe, wir schwatzen nicht! Die Leute schlafen noch!"
Und dann sahen sie es: das Meer.
Es war riesengroß, Wasser, nichts als Wasser, es war grünes Wasser, es schäumte, wenn es ans Ufer schlug. Und mitten in das Meer hinein führte ein Steg. Und wie das roch! Nach dem schwarzen Zeug, das am Ufer lag, nach Kieselsteinen, nach kleinen Muscheln, die man in die Tasche stecken konnte, nach dem Wasser, den schäumenden Wellen, es roch und roch.
Jo hielt das Gesicht in den Wind. Das Meer. Der Wind zerzauste ihr die Zöpfchen. Sie musste schreien, wenn sie mit den anderen Kindern sprechen wollte, aber es war schön, es war unbändig schön. Und draußen auf dem Meer, am Ende des Stegs, ein weißes Schiff. Mit dem sollten sie fahren, zu einer Insel, sie hieß Föhr. Was eine Insel war, wusste Jo nicht, aber schon dass man dorthin nur mit einem Schiff kam, war überwältigend. Föhr, du mein Traumland.