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Hanna Fleiss: aus dem Romanmanuskript "Kindheitserinnerungen" 12. Kap. Am Ende der Welt

Der Winter war da, die Nordsee schlug ihre Wellen an den Strand, auf dem eine dünne Schneedecke lag, die Möwen kreischten leiser. Und eines Tages war Weihnachten.

Die kleinen Mädchen wurden von den Schwestern kalt geduscht, sie zogen ihnen ihre besten Kleider an. Jo duschte sich allein und zog sich auch allein an: den blauen Norwegerpullover mit dem weißen Muster über der Brust, den die Großmutter gestrickt hatte, für den sie eine Wolldecke hatte aufräufeln müssen. Sogar für einen Schal, einen Pudel und Handschuhe hatte die Decke ausgereicht.

Der Essraum war verzaubert. Von der Decke hingen rote und silberne Sterne, auf den Esstischen lagen weiße Tücher und Tannenzweige, und auch Kerzen brannten. Ein Fotograf war da. Es blitzte, wenn er seine Fotos schoss. „Lacht, Kinder!", rief er, „ihr wisst nicht, wie gut ihr es habt!" Alle Kinder lachten, sie drängelten sich um den Fotografen, jeder wollte ein Bild von sich haben.

In der Ecke stand ein geschmückter Tannenbaum, er reichte bis zur Saaldecke. Alles staunte: Dass es sowas gab, so einen großen Tannenbaum! Der Heimleiter hielt eine lange Rede: Dass jetzt das Christkind geboren worden war, dass alle Menschen Brüder sind und dass das Rote Kreuz die Feier ausgestaltet hat, und alle sollten dankbar sein in diesen schlechten Zeiten für die gedeckten Tische und die guten Gaben der Siegermächte.

Und dann kam der Weihnachtsmann. Die größeren Kinder tuschelten: Es gibt gar keinen Weihnachtsmann, der da ist der verkleidete Hausmeister, und sein Bart ist aus Watte. Jo war skeptisch: Sah gar nicht aus wie der Hausmeister. Der Weihnachtsmann war doch lebendig, er teilte Geschenke an die Kinder aus. Warum sollte es ihn nicht geben?

Eine Schwester rief die Namen der Kinder auf, dann rannte das Kind zum Weihnachtsmann, machte einen Knicks oder einen Diener und bekam ein Geschenk. Jo stritt sich mit einem größeren Mädchen, das neben ihr auf der Bank saß: „Klar gibt es einen Weihnachtsmann! Ich habe doch Augen im Kopf! Da steht er doch!" Das Mädchen lachte sie aus: „Du bist ja doof!"

Als Jo aufgerufen wurde, fragte sie den Weihnachtsmann, ob er sie erkenne, noch vom letzten Mal. Der Weihnachtsmann war verlegen, die Schwestern lachten. Der Weihnachtsmann erkannte sie nicht, so viel war klar. Er hatte ihr wieder eine Puppe mitgebracht, aber ohne Schlafaugen und ohne echte Zöpfe. Jo flüsterte dem Weihnachtsmann etwas ins Ohr. „Lauter, lauter!", riefen die Kinder. Der Weihnachtsmann lachte. „Sie fragt, ob ich ein echter Weihnachtsmann bin. Was meint ihr, bin ich echt?" Die Kinder trampelten mit den Füßen auf den Steinfußboden. „Ja, echt, echt, du bist ein richtiger Weihnachtsmann!", riefen sie. Mit einem Mal wusste Jo, dass es keinen Weihnachtsmann gab, der Weihnachtsmann war wirklich der Hausmeister. Aber sie behielt diese Erkenntnis für sich. Sollten die Kleinen an den Weihnachtsmann glauben. Sie war wütend. Die Erwachsenen logen, aber Kinder mussten immer die Wahrheit sagen, es war ungerecht.

Es gab ein Festtagsessen: Ente mit Rotkohl. Jo starrte auf ihren Teller: Das Fleischstück hatte Haare. Wie Pieker stachen sie aus dem Entenstück heraus. Sie fragte Mariechen, ob sie es haben wolle. Mariechen schüttelte mit vollem Mund den Kopf. Jo aß die Kartoffeln und den Rotkohl. Einsam lag das Stück Ente auf dem Teller.

Eine Schwester lief durch die Reihen. „Und das Fleisch? Willst du es nicht essen? Runter damit, das gibt es nicht alle Tage!" Jo sträubte sich: „Es ist so eklig." Die Schwester stemmte die Arme in die Seiten: „Eklig? Was sagst du da? Eklig? Hat man sowas schon gehört? Eklig, sagt sie! Du verwöhntes Luder! Aufsperren den Mund!" Die Schwester stopfte Stück für Stück der Ente in Jo hinein. Jo hatte den Mund voller Ente. Sie versuchte zu schlucken. Mit einmal brach alles aus ihr heraus, was sie gegessen hatte: die Kartoffeln, der Rotkohl, die Soße, auf die weiße Tischdecke. Die Schwester schrie, Jo verstand nicht, was sie sagte. Ihr war sterbenselend zumute. „Aufstehen! Bück dich!" Sie spürte die Knüppelhiebe gar nicht, so elend ging es ihr. „Du hast gar nicht geschrien", sagte Mariechen abends im Bett.

Am nächsten Tag durften die Kinder mit ihren neuen Spielsachen, die der Weihnachtsmann gebracht hatte, spielen. Die neue Puppe war nicht so schön wie die alte, aber sie war eine Puppe. Jo legte sie schlafen. Sie sang ihr ein Abendlied. „Leise, Peterle, leise ..." Die neue Puppe hieß also Peterle.

Ein großes Mädchen stand dabei. „Gib mir meine Puppe wieder!" Jo sah erstaunt auf zu dem Mädchen. „Das ist doch meine Puppe, vom Weihnachtsmann." Das Mädchen griff, ehe Jo es mitbekam, nach der Puppe. Jo kriegte ein Bein der Puppe zu fassen. Noch ein Schritt, und sie saß auf dem Hintern, das Bein der Puppe in der Hand. Das Mädchen rannte weg. „Meine Puppe, meine Puppe ist kaputt!", rief sie und schwenkte die Puppe über dem Kopf.

Die Schwestern auf ihrer Bankreihe an der Wand wurden aufmerksam. „Was ist denn hier los! Immer wieder Borkmann! Bücken!"

Jo weinte. Sie schrie bei jedem Schlag. Vor Wut! Die Erwachsenen logen nicht nur, sie waren auch zu faul, die Wahrheit herauszufinden.

Jos Weihnachtstüte, voller Süßigkeiten und Schokolade, von der sie hier zum erstenmal hörte, hatten die Schwestern im Schrank eingeschlossen. Alle Kinder hatte ihre Weihnachtstüten den Schwestern übergeben müssen. „Damit nichts geklaut wird", sagten sie. Jo und viele andere Kinder sahen ihre Weihnachtstüten nie wieder. Die großen Mädchen flüsterten, die Schwestern hätten die Tüten mitgenommen, für ihre eigenen Kinder.

*

 

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