Vorstellung der Autorengruppe, Schreibaktivitäten, Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikation zwischen Schreibenden
Der Winter verging mit Spritzen, Lebertran und Stürmen vor den Fenstern. Die Nordsee kam mit großen Wellen, sie spritzten die Fensterscheiben voll. Doch eines Tages schien wieder die Sonne, der Sturm war zu anderen Meeren weitergezogen. „Alles die Mäntel anziehen! Los, los! Wir gehen spazieren!" Die Schwestern klatschten in die Hände.
Spazieren. Jos Herz hüpfte vor Freude. Endlich an den Strand dürfen. Endlich das Meer sehen, es riechen, so wie es damals gerochen hatte, am Steg in Hamburg: nach Schlick, nach Kieselsteinen, nach Muscheln. Das Wasser mit den Händen schaufeln, es sollte salzig sein. Und weich wie Butter, sagten die großen Mädchen.
„Zweierreihen, an die Hände fassen! Und dass ihr euch benehmt wie die Weihnachtsengel. Sonst denken die Leute, hier kommt eine Horde Hottentotten!"
Mariechen lief neben Jo. Vor ihr unterhielten sich zwei große Mädchen über ihre Väter.
„Meiner ist ein Baron", sagte die eine. Die andere kicherte. „Und meiner Fürst Kacke."
Jo mischte sich ein. „Das ist noch gar nichts! Meiner ist der Kaiser von Amerika!"
Mariechen sah stolz zu ihr auf.
„Du spinnst ja, in Amerika gibt es doch gar keinen Kaiser", sagte die mit dem Fürst-Kacke-Vater.
„Selber spinnen macht fett. Ich bin sogar eine Prinzessin aus Chikago." Ingo hatte von Chikago geschwärmt, dort lebten nichts als Revolvermänner, hatte er gesagt, so als ob er selbst ein Revolvermann sei, und so stolz, als ob ihm dieses Chikago gehöre.
Das Mädchen blieb stehen. „Und wo hast du deine Krone?"
Jetzt war Jo in Verlegenheit. Schnell sagte sie: „Der Koffer war zu voll. Sie hat nicht mehr reingepasst."
Das Mädchen wusste keine Antwort, die Jo übertrumpfen konnte. „So was Verlogenes übersehe ich doch glatt", sagte sie abschätzig.
Mariechen schmiegte sich an Jo. Sie war sehr stolz auf die Freundin. „Eine richtige Prinzessin?", fragte sie. „Klar", sagte Jo.
Der Ort war klein, die Häuser waren klein, ein paar gepflasterte und ungepflasterte Straßen.
Leute standen am Straßenrand, sie ärgerten sich über die Heimkinder. Die Obstbäume standen weiß im Hochzeitskleid da, wohin das Auge blickte, nichts als Wiesen, grün, grün, grün. Ein paar helle Punkte darauf, weit entfernt. Die Punkte bewegten sich. „Das sind Kühe", sagten die Kinder.
„Weißt du, was Kühe sind?", fragte Jo. Mariechen hob die Schultern. Auf dem Weg lagen grüne Flatschen. „Kuhfladen", wussten einige. Wie kamen diese Kuhfladen hierher, mitten auf den Weg? Und was war das für ein Wort: Kuhf? Was ein Laden war, wusste Jo. Aber Kuhf? Mit einem Laden hatte dieses Kuhf wohl nichts zu tun.
Sie kamen an ein Bauernhaus. Der Bauer führte die Kinder in den Stall. Es stank, sie hielten sich die Nase zu. „Es muss stinken im Stall", sagte der Bauer. „Und das hier ist meine Mastsau." Ein kugelrundes, rosiges Tier, es hatte eine dicke Nase, zwei große Löcher darin. Jo stand vor dem Gitter und dachte nach: Der Bauer hatte Sau gesagt, so etwas sagte man nicht. Jos Begeisterung für die Freundlichkeit des Bauern sank.
Weiter ging der Spaziergang. Wieder Wiesen, strahlendblauer Himmel darüber, Insekten summten. Irgendwo zwitscherten Vögel. Die Kinder waren still geworden. Alle genossen das schöne Wetter, viele waren erschöpft, manche maulten, sie wollten zurück ins Heim.
„Der Deich!", wurde vorn geschrien. Jo wollte den Deich sehen, sie drängelte, Mariechen an der Hand, nach vorn. Die Kinder bestaunten den Deich. Es waren Steine, gemauerte, blanke Steine, die Insel machte an dieser Stelle einen Bogen. Das Meer schlug wütend mit seinen Wellen an den Deich. Schaum. Wie der Geifer der Brauereipferde in Herrn Kluges Schmiede.
Jo war begeistert, sie lief nach vorn. Sie breitete die Arme aus, Wellen und Geifer bespritzten sie, der Wind umwehte sie. „Hier ist die Welt zu Ende", rief sie. „Huhu, das Ende der Welt!"
Und der Wind trug ihre Worte davon, weit, weit über das Meer. Der Himmel schwieg in seinem Blau. Er war wohl derselben Meinung.