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Hanna Fleiss: 2. Mohrrübeneintopf (2)

Morgens, als erstes, stand Klara am Herd und beschäftigte sich mit dem Feuermachen. Sie griff sich die Zweige, die Rita von ihren Spaziergängen mit Veronika im Bewag-Park mitgebracht hatte, stapelte sie auf dem Knüllpapier, das sich irgendwo gefunden hatte, und zündete eines der kostbaren Streichhölzer an. Die Flamme wurde schnell größer, Qualm stieg auf und füllte die Küche. Verflixt, viel zu feucht die frisch gepflückten Zweige. Klara pustete in die Flamme. Na endlich brannte es, eine Klara ohne Feuer war wie ein Gewitter ohne Regen. Aber die Kohlen nahmen rapide ab, der Boden des Kastens war nur noch mit einer Schicht bedeckt, und im Keller starrte Siggi, der fürs Kohlenhochtragen verantwortlich war, schon die halbe nackte Wand an. Vielleicht übertrieb der Siggi, sie musste unbedingt mal im Keller nach dem Rechten sehen. Womit bloß kochen, wenn der Vorrat zu Ende war?

Ein Glück, dass sie was zum Kochen hatte. Gestern hatte Siggi fünf Mohrrüben mitgebracht, strahlend wie ein Weihnachtsmann. Woher, wollte Klara nicht wissen. Aber ihr fehlte abends, als sie nachgesehen hatte, ein Bettbezug, noch von der Ausstattung. Zeiten waren das, das Geld, das Otto und sie gespart hatten, war nichts mehr wert, immer hieß es nur Ware gegen Ware, nicht wie früher, als man noch bei Hertie einkaufen ging. Aber ein Glück, dass wenigstens das Organisieren schon wieder klappte.

Heute gab es also Mohrrübeneintopf. Am besten, sie sparte sich das Schaben der Rüben, ein bisschen abspülen mit Kaltwasser, ein bisschen abrubbeln zwischen den Fingern, das musste reichen. Jede Kalorie zählte. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, als sie die Mohrrüben in Würfel schnitt.

„Jo, mach den Schnabel auf." Gehorsam sperrte Jo, die auf dem Kohlenkasten saß, den Mund auf. Klara drückte ihr einen Mohrrübenwürfel auf die Zunge. „Nicht gleich aufessen, lutsch dran, dann merkst du den Wolf in deinem Bauch nicht so."

Der Qualm hatte sich durch die scheibenlosen Küchenfenster verzogen. Der Mohrrübeneintopf stand schon auf dem Feuer. Viel Wasser, keine Kartoffeln zum Andicken, wer sollte davon satt werden können. Siggi, der im Wachstum war, verzichtete meist großzügig aufs Essen, wenn er abends kam. Ach Gottchen, wenn sie den Jungen nicht hätte. Verhungern müssten sie alle, Heidelinde und Rita und die Kinder. Dabei sollte Siggi schon längst wieder in der Schule sein, in der Müllerstraße machten sie seit ein paar Tagen provisorischen Unterricht.

Klara rührte im Topf, ein Auge auf Jo werfend, die den Mohrrübenwürfel wie einen Bonbon lutschte. „Darf ich das Ding jetzt kauen?"

Im selben Moment war es Klara, als ob sie aus der Stube einen Schrei von Heidelinde gehört hätte. Sie stürzte aus der Küche, rüber in die Stube. Gott sei Dank, es war nichts. Heidelinde lag friedlich im Bett, das zerwühlte Haar überm Gesicht. Sie schnarchte leise. Klara hörte einen Moment lang zu, ehe sie behutsam die knarrende Stubentür schloss.

Die arme Heidelinde.Vor ein paar Tagen hatte sie vor der Tür gestanden, mit zerrissenem Kleid, völlig aufgelöst, wirres Zeug redend. Klara hatte nur was von Russen verstanden, von der Scharnhorststraße, wo alles in Trümmern lag, und die Schwester gleich ins Bett gesteckt. Kummer schwitzt sich am besten aus. Seitdem aber war Heidelinde nur zum Pipimachen aufgestanden, hatte nichts essen wollen und nur noch geschlafen, Tag und Nacht. Nachts war Klara ein paarmal aufgewacht von Heidelindes Schreien. Richtig beängstigend war das. Sie wird doch nicht etwa meschugge geworden sein? Gleich morgen würde Klara den Dr. Holstein holen. Falls sein Haus in der Reinickendorfer noch stand.



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