Sonntag, 24. mai 2009

Die Westzonen hatten sich im Frühjahr zur Bundesrepublik Deutschland zusammengeschlossen. Jo las die Zeitungsüberschriften in der „Täglichen Rundschau". Im Osten wurde protestiert: Kein Separatstaat! Deutschland muss eins bleiben! Der Westen blieb hart, es war nicht mehr rückgängig zu machen. Was blieb dem Osten übrig? Am 7. Oktober 1949 wurde als Antwort in der Sowjetischen Besatzungszone die Deutsche Demokratische Republik gegründet. Im Westen wurde sie nur „die Zone" genannt.

Es war ein paar Tage vor Weihnachten. Es war schon dunkel, Jo kam aus der Schule, vom Nachmittagsunterricht. Bereits von weitem sah sie den Pferdewagen vor der Haustür stehen. Sie brachte ihn nicht mit ihrer Familie in Zusammenhang, sondern glaubte, er habe mit Onkel Kluge und seiner Schmiede auf dem Hinterhof zu tun.

Als sie vor der offenen Wohnungstür stand, begriff sie: Die Familie Borkmann zog um. Nichts hatte sie vorgewarnt: nicht, dass der Hauswirt ein paarmal beim Vater war, nicht, dass Großmutter argwöhnisch fragte, ob sie genug zu essen hätten, nicht, dass sie Jo jetzt öfter Lebensmittel für die Mutter mitgab.

Onkel Fred war da und seine Frau, Tante Lilian. Sie und die Mutter und der Vater - alle packten irgendwas ein, in der Stube, in der Küche. Jo stand sprachlos dabei. Großmutter kam die Treppe herauf. „Jo, komm solange zu mir. Du stehst hier bloß im Wege herum."

„Was ist denn los? Warum ziehen wir um?"

„Ich weiß es nicht. Aber ich ahne es." Großmutter machte ein bekümmertes Gesicht.

„Dann sag es mir, Oma."

„Kind, alles kostet, es gibt nichts umsonst im Laden. Ihr seid fünf Menschen, und nur das Gehalt deines Vater, noch dazu halb West, halb Ost - das konnte ja nicht gutgehen. Dein Vater hat ein paar Monate die Miete nicht bezahlt. Und Opa, der Brabbelkopp, wollte deinem Vater auch kein Geld geben. Der Stalinknecht Borkmann soll mal sehen, wo er bleibt, hat er gesagt. Da hat euch der Hauswirt auf die Straße gesetzt. Ihr seid exmittiert worden."

„Exmittiert – was heißt das?"

„Ich weiß nicht, wohin dein Vater mit euch umzieht. Der Bescheid lag heute früh im Briefkasten, deine Mutter hat es mir gesagt. Exmittieren heißt, es gibt kein Pardon für euch. Ihr müsst ausziehen, egal, wohin. So unmenschlich sind die Gesetze nun mal. Kein Geld – keine Wohnung. Wo doch der Jürgen noch so klein ist." Großmutter wischte sich eine Träne aus dem Gesicht.

Jürgen, das war das neue Baby. Er konnte schon im Bett stehen und ein paar Wörter lallen, und er war nicht mehr so hässlich wie nach der Geburt. Jo konnte stundenlang mit dem kleinen Bruder spielen, es machte ihr nichts aus, wenn er ihr mit seinen Fäustchen ins Gesicht fuhr oder sie besabberte.

„Wenn dein Vater keine Wohnung gefunden hat, dann heißt es Notunterkunft, irgendwo ein, zwei primitive Zimmer."

Jo verstand. Weil die Borkmanns zuwenig Geld hatten, darum hatten sie jetzt auch keine Wohnung mehr. Nur wer Geld hatte, war dem Hauswirt angenehm. Es gab kein Recht darauf, wohnen zu bleiben, wenn man seine Miete nicht bezahlen konnte.

„Ooch, so schlimm ist es auch nicht", sagte sie. „Unsere Wohnung ist sowieso zu eng. Meine Schularbeiten habe ich auf dem Kohlenkasten gemacht."

„Aber wer weiß, wie es jetzt wird." Großmutter umarmte die Enkelin. „Egal, wohin ihr zieht, du meldest dich in jedem Fall bei mir. Dein Vater wird es mir nicht sagen. Versprichst du mir das, Jo?"

„Mach ich, Oma. Aber was wird jetzt mit der Schule? Ich habe mich von niemandem verabschiedet."

„Das holst du nach, Kind. Ihr habt jetzt andere Sorgen."

Es war fast Mitternacht, als die Mutter klingelte. „Es geht los, Jo. Gib Oma einen Kuss."

„Und wohin zieht ihr, Rita?"

„Helmut will mich überraschen. Er hat heute in aller Schnelle eine Wohnung aufgetrieben. Zwei Zimmer, mit Bad und Balkon, sagt er. Ach, Mutter!" Und Mutter und Tochter lagen sich in den Armen.

Jo stand dabei, und sie wusste, etwas ging an diesem Abend zu Ende, etwas, was nie wiederkommen würde. Sie wusste nicht, was es war, aber sie spürte, dass etwas Neues beginnen würde. Halb hatte sie Angst, halb freute sie sich.

Das Pferdefuhrwerk war jetzt hochbepackt. Alle Möbel der Borkmanns hatten Platz auf dem Wagen gefunden: der Kleiderschrank, die Betten, der Tisch, die Stühle, der Küchentisch, der Kohlenkasten, zwei Küchenstühle. Ganz oben lag auf dem Rücken der Küchenschrank.

„Rauf mit dir!" Der Vater hob Jo hoch, auf den Küchenschrank. „Halt Veronika fest."

Veronika schmiegte sich an Jo, sie schlief.

Der Vater kutschierte. „Hü, Brauner!" Das Pferdchen zog an. Die Mutter saß auf dem Kutschbock, neben dem Vater, den kleinen Jürgen im Arm.

Sie fuhren durch das nächtliche Berlin, das ausgebombte Berlin, an leuchtenden Schaufenstern vorbei und durch dunkle, nur schwach beleuchtete Straßen. Die Straßen wurden immer dunkler, auch hinter den Fenstern war es dunkel. Es war kalt, schon Dezember, Jo zitterte und drückte Veronika an sich.

„Wo sind wir hier, Pappi?"

„Prenzlauer Berg."

Nach Stunden: „Und jetzt, wo sind wir jetzt?"

„Treptow."

Jo wusste nicht, dass es solche Orte wie Prenzlauer Berg und Treptow überhaupt gab.

Sie sah kaum Ruinen.

„Als ob es hier keinen Krieg gegeben hätte", sagte sie.

„Du wirst Augen machen, wenn wir da sind. Dort gibt es überhaupt keine Ruinen."

„Und wo – ist dieses Da?"

„Wird nicht verraten."

Jo war müde, sie schlief ein. Sie erwachte von einem Ruck. Das Pferd wieherte.

„Alles aussteigen. Endstation!"

Jo kletterte vom Küchenschrank herunter. Es war ein kleiner Hauseingang, nur für Menschen, kein breiter und hoher für Pferdefuhrwerke wie in der Kellerstraße. Onkel Fred und Tante Lilian traten aus der Tür.

„Als erstes die Betten!" Die Mutter war aufgeregt. „Die Kinder sind müde. Ich hatte schon Angst, Jo fällt vom Küchenschrank."

Jo stieg die fremde Treppe hoch. Drei Wohnungstüren in jedem Stock, hellgrüne Türen.

Im ersten Stock stand eine Wohnungstür offen. Hier also, hier würden die Borkmanns ab heute wohnen.

Jo trat ein. Ein breiter Flur. Und lang war der Flur. Hier konnte man sogar schaukeln!

Sie trat in ein Zimmer. Es war nicht allzugroß, aber auch nicht so klein wie die Stube in der Kellerstraße, ein breites Doppelfenster, ein brauner Ofen. Das andere Zimmer war noch größer. Die Küche. Jo hatte noch nie eine so breite Balkontür gesehen. Sie riss die Tür auf, sie trat auf den Balkon. Ein paar Büsche, es war der Hof, auf den sie blickte. Baumwipfel hoben sich im Mondschein von der Dunkelheit ab. Das war kein Hof, das war ein Wald!

Onkel Fred und der Vater schleppten den Küchenschrank. „Hierher, Fred, an die Wand. Den Tisch dann in die Mitte. Und Jo, steh nicht rum. Ins Bett mit dir!"

„Ich kann heute nicht schlafen. Es ist zu schön hier."

„Morgen ist es auch noch schön. Keine Widerrede!"

Jo musste unbedingt noch das Bad sehen. Ein Bad! In der Wohnung! Sie hatte gar nicht gewusst, dass es so etwas gab. Das Bad war nicht allzugroß. Eine Wanne, ein Badeofen, ein Klo, ein schmaleres Fenster, wenig Platz sonst. Der Fußboden war aus schwarzweißem Gestein.

Ihr Bett stand im kleineren Zimmer. Veronika schlief jetzt in Jos altem Kinderbett. Jürgen lag, den Daumen im Mund, in dem neuen Kinderbett. Sonst war das Zimmer leer. Jo sank ins Bett, im Nu war sie eingeschlafen.

*

Die Borkmann-Kinder schliefen lange, bis in den Mittag hinein. Sogar Jürgen rührte sich nicht. Am Küchentisch saßen sie dann alle versammelt. Die Mutter hatte gekocht: ein Festtagsmahl, Buletten mit Rotkohl.

„Ab heute", sagte sie, „gibt es Küchendienst. Morgen bist du dran, Jo."

„Aber ich kann doch gar nicht kochen!"

„Ich bring es dir bei."

Der Vater lachte. „Dann wird Jo uns Schuhsohlen servieren! Wird schon schiefgehen!"

Die Mutter wurde ernst. „So, mein Gatte und Geheimniskrämer, hättest du jetzt die Güte, uns endlich zu verraten, wo wir uns hier befinden?"

Der Vater nahm einen Bissen in den Mund. Er nuschelte. Jo verstand nicht.

„Wo? Ich höre wohl nicht richtig!" Die Mutter stemmte die Arme in die Seiten.

„Du hörst richtig, Weib: in Köpenick. Im tiefsten Berliner Osten. Mitten in Sibirien. Was dagegen?"

Die Sonne schien in die Küche. Jo blinzelte, der Sonnenschein lag auf ihrem Gesicht.

„Nichts dagegen!", sagte sie. „Ganz und gar nicht!"

Der Vater lachte schallend, dann lachte die Mutter. Veronika, die nicht begriff, warum die anderen lachten, lachte mit.

„Jo wird es uns sagen: Ab heute wohnen wir nicht mehr in Westberlin, sondern wo – Jo?"

„Im Russensektor, in diesem anderen Berlin, in der Zo ... - in der DDR?"

Wieder lachte der Vater. „Hat eben alles sein Gutes", sagte er. „Einverstanden, Jo?"

„Einverstanden, Pappi!"

Alle Zimmertüren standen offen. Auf der Hauptstraße fuhr eine Straßenbahn vorbei. Stimmen von Menschen, Lachen. Und morgen ging die Schule los, die neue Schule.

 

 

 

 

 

 

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Mittwoch, 20. mai 2009
Achtung: Da der reguläre Zirkelrhythmus morgen auf einen Feiertag trifft, findet das nächste Treffen am Donnerstag, dem 4.6.09 statt!
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Sonntag, 17. mai 2009

Es war ein Junge. Die Mutter hielt das Baby im Arm und zeigte es Jo: „Sieh mal, wie hübsch er ist." Jo schluckte. Jetzt war das Baby da. „Aber was ist denn das für ein Horn am Kopf?"

„Das?" Die Mutter fuhr liebkosend mit der Hand über das Babyköpfchen. „Das ist eine Geburtsbeule. War nicht ganz einfach, die Geburt."

Jetzt waren sie drei Kinder. Drei Kinder und zwei Erwachsene in Stube und Küche. Und so ein hässliches Baby! Mit Beule am Kopf! Jo wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.

Der Vater staunte: „Wie hast du das angestellt? Meine Tochter hat in Schrift eine Eins! Na, da muss ich doch zustimmen. Jo, du hast mich wieder mal aufs Kreuz gelegt! Natürlich darfst du jetzt Pionier werden."

Zur Pioniergruppe gehörten Jörg, Gabi, Trapper, Wölfchen, Dieter und Ilona. Ilona war die beste Schülerin der Schule. Sie war ein hübsches Mädchen: tiefschwarze lange Zöpfe, in die sie rote oder weiße Seidenschleifen band, dunkle Augen, eine Haut wie Milch und Seide.

Jörg bestimmte, was die Pioniere an den Pioniernachmittagen tun würden: mal mit sowjetischen Pionieren Erfahrungen austauschen, mal ins Kindertheater, mal um den Müggelsee herumwandern, mal Rechenschaftsberichte abgeben.

Gabi war neidisch auf Ilonas schöne Zöpfe. Sie ließ sich auch Zöpfe wachsen, aber ihre waren dünn und aschgrau. Ständig hatte sie an Ilona etwas auszusetzen. „Die kiekt ja so komisch", sagte sie. Jo wurde wütend. „Pioniere sind nicht neidisch. Und sie zanken sich nicht wegen der doofen Zöpfe."

Trapper hieß so, weil er immer von Trappern und Indianern schwärmte. „Du müsstest eigentlich Zappelphilipp heißen", sagte Jo. „Man zieht an deiner Quasselstrippe, und schon zappeln deine Arme und Beine." Trapper wurde rot. Er war beleidigt. „Und du? Du müsstest Schmierfink heißen!" Jetzt war Jo beleidigt. „Aber ich habe mich gebessert, ich habe jetzt in Schrift eine Eins! Selber Schmierfink!"

Wölfchen und Dieter waren Freunde. Ständig waren sie auf der Suche nach verborgenen Schätzen. Einmal, prahlte Wölfchen, hätten sie in einer Ruine einen vergrabenen Schatz ausgebuddelt. „Und was war das?" Wölfchen geriet ins Stottern. „Das weiß ich nicht mehr, Dieter hat den Schatz." Jo lachte. „Mir kannst du viel erzählen! Einen Schatz! In einer Ruine! Da findest du höchstens noch einen verbeulten Nachttopf!"

Pionierleiterin war Lydia, eine junge Frau, die sich immer ein geblümtes russisches Tuch um den Hals schlang. Sie hatte mit ihren Eltern in der Sowjetunion gelebt und war erst vor kurzem nach Deutschland zurückgekommen. Sie sprach halb deutsch, halb russisch. Lydia kannte viele Spiele für Kinder, ganz andere, als Jo sie kannte. Zum Beispiel „Wir fahren nach Jerusalem" oder Gedichteraten, oder jemand nannte eine Jahreszahl, und die anderen mussten erraten, welcher Dichter in diesem Jahr geboren wurde. Lydia sang sehr gern. Alle Kinder lernten von ihr russische Lieder. Am besten gefiel Jo das Lied „Wolga, Wolga, matsch radnaja", sie sang es öfter, wenn sie Schularbeiten machte.

Lydia hatte in Moskau in einem Chor gesungen, und sie war traurig, dass sie in Deutschland noch keinen neuen Chor gefunden hatte. „Am besten, wir gründen selbst einen Chor!" Alle waren begeistert, am meisten Jo. „Ich kenne alle Volkslieder, ich habe sie im FDJ-Zeltlager gelernt." Und Lydia lernte von Jo die Melodien und Texte der deutschen Volkslieder, während Lydia sich mit russischen Liedern revanchierte.

Zum erstenmal trat der Chor zur Weihnachtsfeier auf. Weil es einen so großen Raum in der Schule nicht gab, wurde Weihnachten auf dem Schulhof gefeiert. Es war kalt, aber die Begeisterung machte die Herzen der Kinder warm. Und als der Chor dann sang, klatschte die ganze Schule, bis die Finger wund waren, und neue Kinder wurden Chormitglieder.

Der Chor sang auch in anderen Schulen, er wurde berühmt wegen der melancholischen Lieder, die die Kinder auf russisch sangen. Zwar verstand niemand ein Wort, aber Lydia übersetzte die Texte. Einmal fuhren die Kinder sogar bis nach Greifswald zu einem Chorwettbewerb. Einen Platz errangen sie nicht, aber eine Fresstüte wurde jedem Sänger als Trostpreis in die Hand gedrückt, darin Dropse, Kekse, Dauerwurst und ein Apfel.

Die Mutter freute sich über die Dauerwurst. „Endlich mal was auf der Stulle! Nicht immer bloß Margarine! Ich weiß schon gar nicht mehr, wie Wurst schmeckt." Hunger litten sie jetzt nicht mehr, aber mehr als Margarinestullen zur Schule und zu Mittag Weißkohl- oder Mohrrübeneintopf oder Kartoffelsuppe konnte sich die Familie nicht leisten, schon gar nicht Fleisch oder Wurst. Die Familie war zu groß und das Gehalt des Vaters zu klein. Großmutter steckte Jo etwas zu, heimlich, damit es der Großvater nicht erführe: ein halbes Weißbrot, einen angebrochenen Rama-Margarinewürfel, eine Tüte Mehl oder Gries, zu Weihnachten eine bunte Tüte voller Schokolade, Kringel und Lebkuchen.

Anfang Dezember gab es eine Überraschung: Ein Paket kam an. Aus der Schweiz, vom Roten Kreuz. Die Mutter öffnete es. „Nein, so etwas! Deine Hylusdrüse zahlt sich aus, Jo!

Sieh mal, was sie dir schicken." Die Mutter hielt eine Flasche in der Hand: Lebertran!

Zwei Knäuel weicher rosa Wolle lagen im Paket, zwei Büchsen Cornedbeef, eine Tüte Zucker, Bonbons und ein Stofftier, eine Maus, die quietschen konnte. „Bedank dich beim Roten Kreuz, mal ihnen was und schreib ein Gedicht dazu, das kannst du doch", sagte die Mutter.

Der Vater, als er die Bescherung des Roten Kreuzes sah, geriet in Wut. „Das haben wir nicht nötig, dass sie uns Almosen schicken! Schick das Paket zurück, Rita!" Die Mutter war störrisch. „Das soll Jo entscheiden, es ist ihr Paket." Jo entschied: Das Paket bleibt, die Maus bekommt Veronika. „Aber den Lebertran trinke ich nicht!" Der Vater grinste. „Das Beste am Paket, und du willst es nicht. Dann trink ich ihn!" Und er nahm die Flasche und trank sie auf einen Zug aus. Jo zählte die Glucker in seiner Kehle. Sie war starr vor Staunen: Das war wirklich eine Leistung.

Großmutter, wenn Jo sie besuchte, strickte. Ein ganzes Fach im Vertiko hatte sie mit bunter Wolle zugestopft, die Tür ließ sich schon schlecht schließen. „Jo, meine Kleine, ich strick euch was für den Winter. Sieh mal, was ich mir für ein Muster ausgedacht habe."

Großmutter strickte für jeden etwas: Zuerst für den Großvater einen dicken warmen Schal aus grauer Angorawolle, für Siggi, den Jo lange Zeit nicht gesehen und nach dem sie auch keine Sehnsucht hatte, mehrere Paar Socken, für die Mutter ein Tuch aus Mooswolle, filigran gestrickt, sie saß lange daran. Jo bekam einen blauen Pullover mit Noppen, sie trug ihn nur sonntags oder bei festlichen Anlässen. Großmutter strickte und strickte. „Mein Strickwunder", sagte Großvater.

 

Jo war jetzt wieder eine gute Schülerin geworden. Herr Menzel hielt ihr Diktatheft hoch: „Nehmt euch ein Beispiel! Da kann ich ja nur eine uneingeschränkte Eins geben!"

Klaus, der neben ihr saß, stieß Jo in die Rippen: „Angeberin!"

Jörg hatte sich etwas ausgedacht: Den Westschutzmann ärgern. „Alle kommen mit Pioniertüchern. Und dann sag ich euch, wie wir es machen!"

Berlin war jetzt auch äußerlich geteilt. In den Westsektoren gab es volle Läden, im Ostsektor hingen Stalinbilder in den Schaufenstern, garniert mit einem Blumentopf. An den Sektorengrenzen standen Polizisten, bewaffnet nur mit einem Knüppel, noch durften sie keine Schusswaffen tragen, auf dem Kopf einen Helm aus schwarzem Bakelit.

In der Invalidenstraße, dort, wo sie nicht mehr Müllerstraße hieß und wo später das Walter-Ulbricht-Stadion gebaut wurde, war die Grenze zwischen den Stadtbezirken Wedding und Mitte. Zwei Welten trafen hier aufeinander, in den Augen der meisten Menschen, registrierte Jo, war die gute Welt die Westwelt und die schlechte Welt die Ostwelt.

Der Polizist stand stramm vor der Ruine. Er langweilte sich und blickte aufmerksam zu den Kindern hinüber. Er schlug sich sanft mit dem Knüppel an die Beine, abwartend, die Kinder mit den Pioniertüchern, diesen blauen Lappen, hatten irgendwas vor. Leider standen sie auf dem Osttrottoir, und so weit reichte seine Macht nicht.

Jörg verriet seinen Plan. „Also, jemand geht hin und fragt den Polizisten irgendwas. Am besten du, Jo, du traust dich. Irgendwas Freches. Und dann machen wir einen Sprechchor:

‚Nieder mit der Spalterpolizei!‘ Das bringt Punkte im Pioniertagebuch. Los, Jo, du bist dran!"

Jo tat, als ob sie was auf dem Straßenpflaster verloren hätte. Plötzlich stand sie vor dem Polizisten. „Haben Sie nicht mein Portemonnaie gesehen?" Der Polizist blieb stumm. „Na, dann sagen Sie mir doch mal, wie spät es ist." Der Polizist sah nach, er winkelte den Arm an. „Es ist genau fünfzehn Uhr acht", sagte er. „Na, dann ist es ja doch schon ganz schön spät. Fast schon zu spät", sagte Jo. Jetzt begriff der Polizist. „Du Göre, schieb ab! Mich auf den Arm nehmen wollen. Ich komm dir gleich hin!" Er drohte mit dem Knüppel.

Im selben Moment begann der Sprechchor: „Nieder mit der Spalterpolizei! Nieder! Es lebe das vereinte Deutschland!" Es gab wenig Passanten in dieser zerbombten Gegend, trotzdem blieben einige Leute stehen und schimpften mit den Pionieren. „Wie die Pimpfe! Was man den Kindern heute nur für Propaganda beibringt! Wie bei Adolf! Geht erst mal in den Westen und seht euch die vollen Schaufenster an! Die hämmern euch die Ostscheiße nur so in die Köpfe. Werdet erst mal erwachsen, dann könnt ihr mitreden!"

Jo erwiderte nichts. Sie dachte an die Margarinestullen und die Kartoffelsuppe. Was hatte sie von den vollen Schaufenstern?

Abends erzählte sie dem Vater davon. Der war nicht begeistert. „Was habt ihr Lausebande euch dabei gedacht? Gar nichts? Na, das dachte ich mir."

Lydia, als sie am nächsten Tag erfuhr, was geschehen war, schimpfte. „Natürlich kann keiner die Westpolizei leiden, natürlich wollen wir ein einiges Deutschland. Aber doch nicht so. Es gibt schon so genug Zwischenfälle an den Sektorengrenzen. Das hätte ins Auge gehen können!"

Die Pioniere standen mit gesenkten Köpfen vor ihr. Alle Begeisterung war verflogen.

Jörg prahlte: „Ich mach mir nichts aus der Meckerei. Das nächste Mal machen wir es eben schlauer." Alle waren einverstanden. Doch am meisten einverstanden war Jo.

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